Artikel von E.F.

#16 von Jurek , 04.10.2009 15:26

Die 144000 und die große Volksmenge

Ich möchte einige Gedanken zu den 144000 und der großen Volksmenge sagen.

Die Deutung dieser Klassen bezüglich ihres künftigen Aufenthaltsortes war schon unterschiedlich, als es noch keine Zeugen Jehovas gab, und ist es bis heute geblieben. Auch die alten Bibelforscher unter Russell haben ihr Verständnis von anderen übernommen. Manche deuteten beide Klassen als himmlisch - so auch Russell - die Zahl 144000 und die zwölf Stämme als symbolisch, andere deuteten beide Klassen als irdisch, die 144000 buchstäblich als auf Juden bezogen, wieder andere eine Klasse als himmlisch, die andere als irdisch. Niemand ging allerdings so weit, der großen Volksmenge das Recht am Abendmahl zu bestreiten. Manche Ausleger haben auch den Standpunkt vertreten, dass beide Gruppen in Wirklichkeit nur eine Klasse seien, dargestellt unter verschiedenen Bildern.

Für den himmlischen Status der großen Volksmenge - eine Ansicht, die auch die WTG lehrte bis 1935 - sprach der Text, dass sie (Offb. 7:15) in Gottes Tempel dienen; das hier gebrauchte Wort ist laut Interlinear-Übersetzung das Wort naos während hieron die ganze Tempelanlage umfasst, einschließlich das Vorhofs der Nationen, der ja nach dem Verständnis der WTG die Erde veranschaulicht, bezeichnet naos nur das Tempelgebäude beziehungsweise das innere Heiligtum (englisches Wörterbuch zum Neuen Testament, S.1004; siehe auch Einsichten über die Heilige Schrift, Band 2, unter "Tempel", S.1102, Abs.1, letzter Satz); es ist nach der Deutung der WTG der Ort der Gegenwart Gottes; das Griechisch-Deutsche Wörterbuch von Walter Bauer spricht auf S.1079 sogar vom himmlischen Heiligtum, in das Christus einging (Hebr. 9:12,24). Demnach wäre der künftige Dienstort der großen Volksmenge nicht auf der Erde. Dass man die Zahl der 144000 allgemein als symbolisch nahm, war kein Wunder; wollte man sie buchstäblich nehmen, müsste man auch ihre Zusammensetzung aus zwölf jüdischen Stämmen buchstäblich nehmen; dazu kam, dass schon im ersten Jahrhundert mehr als 144000 Menschen sich zu Christus bekannten; wenn damals wie die WTG lehrt nur die himmlische Berufung erging, wie könnte dann heute noch ein Überrest vorhanden sein, zumal während all der 2000 Jahre es immer echte Christen gab; auch das ist in Übereinstimmung mit Matthäus 28:20 Lehre der WTG.

Für andere war die große Volksmenge eine irdische Klasse, weil sie aus der großen Drangsal kommt; das ist auch die Lehre der WTG seit 1935, obwohl damit noch nichts ausgesagt ist über ihr künftiges Geschick; denn dass sie ihre Rettung auf Grund des Opfers Christi erlangen, macht ja Offenbarung 7:14 deutlich. Aber eines wird dabei auch klar: niemand kann heute sagen ich gehöre zur großen Volksmenge denn noch ist niemand aus der großen Drangsal gekommen. Ich habe manchmal bei Todesfällen von Zeugen gesagt: wieder jemand, der nicht zur großen Volksmenge gehört, weil diese eben noch nicht in Erscheinung getreten ist.

Doch wie sollen sich denn die Zeugen nennen, die sich nicht zu den Gesalbten zählen? 'Andere Schafe' sind sie nicht, das habe ich Dir ja in dem letzten Brief erläutert, vielmehr sie sind es als Christen aus den Nationen, aber nicht wegen einer bestimmten Hoffnung; zur großen Volksmenge gehören sie zumindest jetzt noch nicht, weil diese noch nicht existiert; darum wohl spricht man neuerdings viel von den Freunden Gottes nach dem Beispiel Abrahams (ausdrücklich nicht von Kindern Gottes, denn das seien nur die Gesalbten); aber findest Du eine solche Gruppe in der Bibel? Ich nicht! Gewiss, Jesus nennt seine Jünger Freunde (Joh. 14:14-15); aber niemand wird bezweifeln, dass diese seine Freunde Gesalbte waren und Kinder Gottes. Die gesalbten Kinder Gottes sind auch die Freunde ihres Herrn! Aber nirgendwo gibt es einen Hinweis, dass es eine Gruppe von Nachfolgern Jesu gäbe, die nicht Gesalbte im Sinne von Römer 8 und nicht Kinder Gottes im Sinne von 1.Johannes 3:1 wären.

Bei der Vielfalt der Auslegungen möchte ich mich hier nicht auf eine bestimmte Deutung von Offenbarung 7 festlegen, sondern vielmehr der Zusage und Verheißung Jesu vertrauen, der sagte: ‘In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen ... komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin’ (Joh. 14:2-3). Freuen wir uns doch vielmehr auf die Wohnung, welche der Herr uns geben wird, wo immer es auch sei.

Ein Zeuge sprach vor einiger Zeit bei einer gläubigen Person vor und wollte ihr zeigen, dass die von vielen gehegte Hoffnung für den Himmel falsch sei; er fing damit an: ‘Was meinen Sie wohl, wo Sie nach der Auferstehung sein werden, im Himmel oder auf der Erde?’ Sie antwortete: ‘Das weiß ich nicht, aber auf jeden Fall bei meinem Herrn.’ Wenn Du jetzt verunsichert bist im Hinblick auf die Hoffnung für Christen, die als unser Erbteil im Himmel für uns aufbewahrt wird (1.Petr. 1:4), dann freue Dich einfach darauf, beim Herrn zu sein.

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#17 von Jurek , 04.10.2009 15:27

Glaube – Werke

Einige Leute könnten zu der Aussage sagen: 'wir können durch eigene Leistung nichts hinzufügen' und zu Joh. 6:29 folgendes aus:

"Glaube ohne Werke ist tot, Werke ohne Liebe ist nichts."
Jesus sagte: 'Ich werde meinen Glauben durch meine Werke zeigen'. Glaube ist ein tätiger Glaube. Man muss durch seine Lebensweise zeigen, dass man den Willen Gottes tut, daran sind seine Anbeter zu erkennen.

Sie haben völlig recht, ich bin ganz ihrer Meinung, aber sie haben offensichtlich meine Ausführungen in diesem Punkt völlig missverstanden. Das wundert mich nicht. Ich bekomme in vielen Gesprächen über unsere Rettung von aufrichtigen Zeugen Jehovas spontan immer wieder die gleiche Antwort, den Text aus Jakobus 2:26, nämlich 'Glaube ohne Werke ist tot.'

Letzthin las ich in einer Broschüre, die Menschen entsprächen in unterschiedlicher Weise Gottes Anforderungen, von 0% bis über 90%, und der Unterschied bis zu den von Gott geforderten 100% würde durch Jesu Loskaufoper, durch sein Lösegeld hinzugefügt. Hier kommt wieder das Verlangen nach der menschlichen Leistung durch, die ihr Leben sich mehr oder weniger selbst verdanken will. Das war ja schon das Problem des Pharisäers in Jesu Erzählung nach Lukas 18:9-14. Doch wie sieht uns Gottes Wort?

In Römer 1 und 2 zeigt Paulus, dass alle Menschen, sowohl die Nichtjuden, ob sie nun nicht auf Gott achten oder doch noch auf die Stimme des Gewissens hören, wie auch die Juden in ihrer Gesetzesstrenge ohne Entschuldigung vor Gott sind; dies gilt daher auch für uns selbst. Nach Römer 3:9-12 sind wir alle unter der Sünde verurteilt, tot in unseren Sünden. Würde jemand seine Rechtfertigung 'verdienen' wollen, dann müsste er das Gesetz, und zwar das ganze Gesetz (Jakobus 2:1) halten, was unmöglich ist (Apg.15:10; Röm. 3:20). Und es gibt auch keine anderen Werke, die wir Gott zu unserer 'Rechtfertigung', zu unserer Rettung vorweisen könnten (Eph. 2:5+8-9). Wir haben nicht 1% Verdienst vor Gott (was nicht bedeuten soll, dass Gott nicht auf unser Tun, auf unsere Werke achten würde).

Gott aber hat uns aus Gnade, oder, wie die Neue-Welt-Übersetzung sagt, aus 'unverdienter Güte' gerechtfertigt (Güte, wenn unverdient, ist ja Gnade; beide Begriffe sind hier Synonyme; ich bleibe hier aus Gründen der Wortkürze bei 'Gnade'). Gott hat uns jedoch nicht einfach auf Grund seiner Allmacht gerechtfertigt; die Bibel zeigt: Gott ist ein heiliger Gott, der Sünde nicht einfach 'unter den Teppich kehrt'; Sünde wird verurteilt, bestraft, und er wird auch seine eigene Gerechtigkeit nicht verletzen. Doch hat Gott den gesandt, der uns unsere Sünden abnahm - deshalb führen die Zeugen Jehovas ja zu Recht an, dass wir die Rettung unserem Gott verdanken -, für sie verurteilt wurde und sie sühnte, somit ist die Rettung Gottes Angebot und Geschenk in Christus Jesus an die, welche glauben (Römer 3:24). Hat hier Gott seine Gerechtigkeit verletzt? Nein, er hat sie erwiesen (Röm. 3:25-26). Denn die Sünden wurden verurteilt, bestraft, ein Sühnopfer wurde bestellt. Daher können sich die Sünder jetzt Gott nahen, bekleidet in der Gerechtigkeit Christi, nicht in eigenem Verdienst (2.Kor.5:21).

Ein Beispiel zur Erläuterung:
Ein Angeklagter steht wegen eines schweren Vergehens vor Gericht. Die volle Schwere des Gesetzes wird angewandt; er wird verurteilt; doch steht es außerhalb seiner Möglichkeiten, die Strafe zu bezahlen. Der Richter aber, nachdem er Recht gesprochen hat, steigt vom Richterstuhl herab und bezahlt die Schuld des Verurteilten. Dieser verlässt als freier Mann das Gericht. Er ist gerechtgesprochen, dem Gesetz und der Gerechtigkeit sind Genüge getan; er kann nicht wiederum angeklagt werden, seine Schuld ist bezahlt. Er lebt von jetzt an zwar nicht in seiner eigenen, jedoch in der Gerechtigkeit eines anderen; deshalb gibt es auch jetzt (wie alle Bibelübersetzungen aussagen, auch die Interlinear-Übersetzung der Neuen-Welt-Übersetzung) keine Verurteilung mehr für jene, die in Christus Jesus sind (Römer 8:1). Natürlich könnte jemand dieses Lösegeld ablehnen und sagen, er will die Schuld durch eigene Leistung bezahlen - so wie viele Juden der Tage Jesu entschieden. Dann wäre ein solcher Mensch immer noch der Verurteilte. Aber wenn er das Lösegeld annimmt, bedarf er keiner eigenen Anstrengungen mehr, um freigesprochen zu werden; er ist freigesprochen. Ihm wurde Gerechtigkeit geschenkt.

Jesus hat die Sünden der Menschen vor Gott gesühnt; Gott hatte ihn zu diesem Zweck gesandt. Es war Gottes Geschenk, was auch einschloss, dass jene, die es annahmen, Vollmacht haben, Gottes Kinder zu sein (Joh.1:12).

Die Frage 'tue ich genug, um gerettet zu werden?' geht also an den biblischen Wirklichkeiten vorbei; ja noch mehr: Paulus warnt davor, durch Werke gerechtgesprochen werden zu wollen, weil wir dadurch das Lösegeld Christi sogar gering schätzen könnten (Gal. 5:4; Röm. 11:6; 2.Tim. 1:9; Tit. 3:7). Wenn du meinst, dass deine Werke zu deiner Rettung beitragen müssten, dann hältst du das Opfer Christi nicht für ausreichend; du erwartest Lohn, nicht Gnade (Römer 4:4-5), und stehst beständig unter einem Druck, deine Rettung zu erarbeiten.

Soll das aber heißen, dass Christen keine Werke haben sollten? Das sei ferne! Hier stimmen Paulus und Jakobus völlig überein. Paulus machte deutlich, dass wir uns nicht selbst durch Werke erretten, sondern dass Gerechtsprechung aus Glauben kommt, er zeigt dies auch am Leben Abrahams (Römer 1:17 und 4:3,18-22). Auch Jakobus spricht vom Glauben, von dem gleichen Glauben; er spricht auch von Werken, aber er stellt die Werke nicht neben den Glauben als zusätzliches Erfordernis, sondern zeigt, dass Glaubenswerke Ergebnisse und Bestandteil eines bereits vorhandenen Glaubens sind. Auch für Jakobus genügt zur Rettung der Glaube; darum geht es ihm von Anfang an (Jak.1:3), sein Anliegen ist ein lebendiger Glaube, der sich im Tun bewährt, in Alltagssituationen, in Versuchungen und Herausforderungen der Zeit. Das Tun ist ein Kriterium für das Vorhandensein lebendigen Glaubens. Dabei dürfen Baum und Früchte, Glauben und Werke nicht verwechselt werden. Früchte existieren nicht zusätzlich zum Baum, sondern sind Teil des Baumes, so wie Werke Teil des Glaubens sind. Nicht die Werke machen den Glauben, und gute Werke machen nicht den Glauben gut. Es ist wie beim Barometer: Es gibt nicht gutes Wetter, weil das Barometer steigt, sondern wir sehen an dem steigenden Barometer, dass es gutes Wetter gibt.

Paulus denkt übrigens hier nicht anders als Jakobus. Zwar ist er eindeutig und unnachgiebig, wenn es um die Frage der Rettung aus Glauben allein, um die Stellung Christi geht, denn hier geht es um das Heil, um die Kernfrage der guten Botschaft, des Evangeliums (1.Kor. 2:2; Gal. 2:5); ein verfälschtes Evangelium wollte er nicht hinnehmen (Gal. 1:6-9); für ihn gab es nur das Evangelium der Rettung aus Glauben an den Sohn Gottes, der für Sünder starb.

Dennoch hatte Paulus eine klare Sicht bezüglich der Werke. Werke können zwar nicht zum Sühnopfer Christi und damit zur Rettung beitragen - Gott sei Dank dafür, denn wer könnte je beurteilen, wann unsere Werke dazu ausreichen? Sie würden es nie! -, denn sie heben die Sünde nicht auf und ersetzen nicht das Sühnopfer; Christi Opfer ist dazu völlig ausreichend. Aber unmittelbar, nachdem Paulus gesagt hat, dass wir nicht aus Werken gerettet werden (Eph. 2:8-9), fügt er in Vers 10 hinzu, dass wir aber z u guten Werken bestimmt sind; auch in Röm. 12:1,9-22 spricht er davon, dass Christen ihre Leiber als lebendige Schlachtopfer darstellen, indem sie die dort angeführten Werke (und andere) verrichten. Er erklärt auch, dass wahrer Glaube in der Liebe wirksam wird (Gal. 5:6; 6:10). Wirken hat die gleiche sprachliche Wurzel wie Werk. Auch Jesus selbst, der sagte 'Wer an den Sohn glaubt, wird leben', spricht von den Früchten, an denen wir seine Nachfolger erkennen könnten.

Auch das Bekennen des christlichen Glaubens gehörte nach Röm. 10:9-10 zu den Merkmalen eines Christen, doch müssen sich solche Bekenntnisse im Tun verwirklichen (Jak.2:15-17). Für Jakobus ist der Glaube zur Rettung nicht ergänzungsbedürftig; für ihn ist dieser Glaube ein Ganzes; Glaube bildet mit den Werken eine Einheit; durch sie wird der Glaube gleichsam nach außen sichtbar, er kommt in ihnen zur Erfüllung.

Somit hat Jakobus keine andere Einstellung als Paulus. Der Glaube ist - allein - entscheidend für die Rettung aus Gnade. Die Werke sind nicht Voraussetzung für den Glauben, sondern seine Frucht, sie sind nicht Bedingung für die Rettung, sondern der Erweis der Rettung. Sie sind Ausdruck des Dankes und Lobpreises für Gnade, nicht ein Kaufpreis. Den hat unser Herr, Jesus Christus, schon lange erbracht.

Ich möchte noch ein Beispiel geben; stelle Dir vor, du siehst in einer Familie ein Kind fleißig bei der Hausarbeit und anderen anfallenden Tätigkeiten helfen; es verrichtet viele 'gute Werke'. Wenn Du fragst, warum es dies alles tut, wie wird es wohl antworten? Vielleicht wird es sagen: 'Ich tue das, damit mein Vater mich liebt, also um mir die Liebe meines Vaters zu verdienen' oder es wird sagen 'Ich tue das, denn ich gehöre zur Familie, ich habe einen Vater, der mich liebt; ich bin beständig bei ihm, und ich möchte ihm Freude machen; ich gehöre zu ihm, und er ist stets für mich da'. Wie würde wohl ein Christ über sein Tun denken, wenn er weiß, dass seine Schuld von Gott in Christus bezahlt, dass ihm voll vergeben wurde und er ein Glied in der Familie des Vaters ist?

Lebendiger Glaube wird Frucht tragen, so wie die Samen, denen Gott Wachstum gibt, Frucht tragen. Nicht dem Samen gebührt die Ehre, sondern dem, der Wachstum gibt, nicht dem Glaubenden, sondern dem schenkenden Gott und gnädigen Vater wie auch dem Sohn, unserem Herrn (Joh. 5:23).

E.F.

 
Jurek
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#18 von Jurek , 04.10.2009 15:27

G n a d e

Gnade ist in unserer Sprache ein Wort, das nicht mehr zur alltäglichen Unterhaltung, zum Tageswortschatz, gehört; es ist nicht mehr ‘gebräuchlich’ und hat auch in unserer Zeit des Selbstbewusstseins, der Zielstrebigkeit, der ‘Gewinner-Typen’, einen Geruch von Schwäche, von Verlierertum angenommen; dies gilt auch - und gerade - für den so genannten christlichen Kulturkreis. Vielleicht haben deshalb die Herausgeber der ‘Neuen-Welt-Übersetzung’ der Bibel das dort ja häufig erscheinende Wort ‘Gnade’ mit ‘unverdiente Güte’ wiedergegeben, was man ja durchaus als Synonym betrachten kann, da Güte, wenn unverdient, Gnade ist. Ich möchte in dieser kurzen Abhandlung bei dem Wort Gnade verbleiben, denn es erscheint mir doch voller, inhaltsreicher als ‘unverdiente Güte’.

Wenn man nur einige Gedanken über das Thema ‘Gnade’ aus biblischer Sicht schreiben will, ergibt sich sofort und unmittelbar die Schwierigkeit, aus der Fülle der gegebenen Aussagen und Gedanken eine Auswahl treffen zu müssen. Ich bitte deshalb von vornherein um Nachsicht, wenn der Leser diesen oder jenen, ihm wichtig erscheinenden und auch tatsächlich wichtigen Punkt oder Aspekt nicht erwähnt findet; dies bedeutet nicht, dass ich ihn nicht auch als wichtig ansehe.

Neulich las ich in einem Bericht, jemand habe vor Gericht ‘Glück gehabt’. Ich dachte dabei an die Aussage der Bibel, dass jeder, jeder Mensch vor dem Richterstuhl Gottes wird erscheinen müssen; Christen glauben an Gottes Gericht in und durch Christus (Joh. 5:22,30). Aber vor Gottes Gericht wird man nicht ‘Glück’ haben! Uns erwartet entweder Gnade oder Gerechtigkeit; wenn uns aber Gerechtigkeit erwartet, wer könnte vor Ihm bestehen (Mal. 3:2; Röm. 3:12,23)? Unsere einzige Hoffnung ist Gottes Gnade! Und Gott hat diese Gnade gewährt, indem er die gerecht spricht, die Glauben haben an Jesu Sühnopfer (Röm. 3:22-24); Gnade wird also von Gott geschenkt im und durch Glauben, Glauben an das Blut Jesu Christi! Einen anderen Weg zur Gnade gibt es nicht; wer das vergossene Blut Jesu ablehnt, es gleichsam für gewöhnlich erklärt und damit sogar den Geist der Gnade schmäht, für den bleibt kein anderes Schlachtopfer übrig (Hebr. 10:29). Glaube im biblischen Sinne ist aber nicht nur ein ‘für wahr halten’, sondern Glaube bewirkt Umkehr, eine veränderte Einstellung, eine Sicht - vor allem von uns selbst -, wie Gott - uns - sieht. Nur dann können wir aus ganzem Herzen den Worten des Paulus aus Röm. 7:24 ‘ich elender Mensch!’ zustimmen, und nur dann können wir Gottes Gnade auch zutiefst schätzen. Das zeigt also, dass Voraussetzung der Gnade Umkehr (oft mit Buße wiedergegeben), völlige Umkehr ist, ohne dass damit ein ‘Verdienst’ entstünde, was ja die Gnade wieder entwerten wurde (Röm. 11:6; Eph. 2:8-9; Tit. 2:11; 3:5).

Jesus ‘voller Gnade und Wahrheit’

Nach Joh. 1:14 sahen die Jünger Jesu seine Herrlichkeit. Was waren die Merkmale dieser Herrlichkeit? Gnade und Wahrheit! Die religiöse Welt von damals war eine Welt voller Forderungen, Vorschriften, Geboten und Verboten, dazu kam eine Verachtung der Menschen, die nicht zu der eigenen Gruppe gehörten oder die aufgestellten Anforderungen nicht so erfüllten, wie man das erwartete, und besonders auch eine Verachtung und Herabsetzung der Frauen. Jesus, der Sohn seines himmlischen Vaters, ging einen völlig anderen Weg. Er ging auf Männer und Frauen zu mit Bereitwilligkeit, Liebe, Mitgefühl, Herzlichkeit, ja mit Opferbereitschaft; bei ihm fühlten sich diese Menschen, gerade die gering geachteten, wohl; sie nahmen Gnade aus seiner Fülle (Joh. 1:16-17). Und das veränderte sie, sie und ihr Leben!

Jesus hat das Wort Gnade selbst nicht gebraucht; er hat Gnade ‘gelebt’! Man könnte diese göttliche, von oben kommende- sozusagen ‘vertikale’ - Gnade eine sich herabneigende Liebe nennen; viele gläubige Menschen haben die Auffassung, sie mussten Gott milde stimmen durch besondere Anstrengungen, durch Leistungen seine Gunst erringen; aber so funktioniert Gnade nicht (Röm. 4:4-5)! Jesus hat durch seinen Tod unsere Schuld getilgt. Wir dürfen aus Gnade das Geschenk des Lebens annehmen. Gott gewährt uns Gunst, Rechtfertigung, weil sein Sohn den Preis der Sünde mit seinem Sterben und seiner Auferstehung bereits bezahlt hat. Das ist Gnade!

Um sich Gott zu nahen, dafür gibt es nur eine Grundlage: Seine Gnade (Röm. 5:1). Sie ist Gottes Geschenk an alle, die Glauben haben! (Eph. 2:5-8). Dabei liegt der Nachdruck darauf, was Gott für uns getan hat. Nicht wenige versuchen sich eine Eintrittskarte zu Gott zu erarbeiten, und rühmen sich dessen auch, in der Meinung, es sei doch nicht verkehrt, zu betonen, wieviel man für Gott tue; doch dies ist ein Irrtum, ja eine Irrlehre, denn wenn ich meine Leistungen verherrliche, entwerte ich Seine Gnade; keiner hat etwas, um sich damit vor Gott zu rühmen (Luk. 17:10; 1.Kor. 1:29). Wenn wir Seine Gnade annehmen, dann können wir ihre Auswirkungen erhoffen, wie z.B., dass wir lernen, Gottes Gaben besser zu schätzen, oder dass wir weniger geneigt sind, andere zu kritisieren und zu richten, ferner dass wir zur Reife in Christus voran drängen und dass wir toleranter und weniger gesetzlich werden. Wenn wir Gottes Gnade schätzen, werden wir nicht (mehr) versuchen, die Bibel wie einen Holzhammer zu benutzen, um andere damit weich und gefügig zu klopfen, sondern wir werden versuchen, ihnen Gottes Gnade zu zeigen und sie in diese hinein zu führen!

Die Gnade Gottes bedeutet für die Menschen auch, wählen zu können und zu dürfen. Sie bedeutet nicht, so leben zu können, wie es uns passt, ungeachtet der Folgen, sie bedeutet nicht, dass Gott alle Dinge gut heißt, gleichgültig, was wir tun, sondern sie bedeutet, dass wir die Freiheit der Wahl haben zwischen Gerechtigkeit und Ungehorsam. Zuvor standen wir alle unter der Verurteilung, waren dem Tode anheimgegeben, doch durch Gottes Gnade können wir wählen zwischen Leben und Tod; Seine Gnade gibt unserem flüchtigen Leben einen Zweck: Ihn zu verherrlichen, Ihm zu dienen!

Wenn wir Röm. 6:19-23 lesen und ernst nehmen, dann sehen wir, dass wir als Menschen einen Herrn brauchen und haben werden (auch jene, die sich für absolut frei und unabhängig halten); so sind wir erschaffen; und einen besseren Herrn als Jesus gibt es nicht! Wenn wir Ihn und Seine Gnade annehmen, dann werden wir nach diesen Worten des Paulus von der Knechtschaft der Sünde - des anderen Herrn - befreit, werden Glieder der Familie Gottes und werden und bleiben von Gott gesegnet, z.B. mit einem freudevollen Reifeprozess in unserem Christsein, mit einem Leben ohne Schuldgefühle vor Gott, das durch Kreativität und Freiheit gekennzeichnet ist, und schließlich mit ewigem Leben. Doch wir haben die Wahl!

Missbrauch

Wenn man von Gnade spricht, ja sie betont, wird besonders auch von besorgten und gesetzlichen Gläubigen sofort auf die Gefahr des Missbrauchs hingewiesen, oft damit verbunden die Forderung nach zahlreichen Geboten und noch mehr Verboten. Gewiss besteht immer die Möglichkeit, Gnade zu missbrauchen; aber wenn wir auf Gnade verzichten wollen- nach dem oben Ausgeführten eigentlich ein Unding -, welche Möglichkeiten bleiben dann? Man kann Werken größere Bedeutung zumessen als der Gnade; aber was sagt die Schrift (Gal. 5:4)? Alle Werke sind wertlos, wenn sie nicht den Glauben, die Gnade als Ursprung haben. Nicht die Frucht trägt den Baum, sondern der Baum die Frucht.

Man könnte auch eine Liste von Geboten und Verboten aufstellen, und in vielen Gemeinschaften gibt es solche geschriebenen oder häufiger ungeschriebenen Listen; Ungehorsam ist dann immer mit ‘Gefahr für das ewige Leben’ verbunden, manchmal auch mit Gemeinschaftsentzug. Man sagt den Gläubigen bis in die Einzelheiten, was sie zu tun und zu lassen haben, nimmt ihnen die Entscheidungsfreiheit und gebraucht Einschüchterung und Autorität. Die Gnade wird gleichsam stranguliert, abgewürgt.

Man sieht alles in Schwarz und Weiß; Grauzonen, in denen jeder für sich persönlich entscheiden kann, gibt es kaum, und wenn, dann sehr begrenzt. Auch hier werden Christen wieder versklavt im Sinne von Galater 5:1. Letztlich führt das dazu, alle abzulehnen oder die Verbindung mit allen abzubrechen, die in bestimmten Punkten oder Bereichen anders denken und sich nicht unterordnen wollen. Dies ist Selbstgerechtigkeit. Hat Jesus so gehandelt?

Selbstverständlich soll uns Gottes Gnade nicht dazu führen, unsere Freiheit in Christus zum Bösen zu gebrauchen. Aber Gott geht dieses Risiko ein, er wünscht Anbetung in freier Entscheidung und nicht unter gesetzlichen Zwang oder Druck. Von zwei Seiten ist die Gnade bedroht: von der Gesetzlichkeit mit ihren Vorschriften und ihrem Zwang und von dem Missbrauch in Zügellosigkeit. Aber die Freiheit und das damit verbundene Risiko sind notwendig, denn nur dort kann der Geist Gottes wirken; wo keine Freiheit ist, mag ja auch ein Geist wirken, aber nicht der Geist Gottes und Jesu Christi (2.Kor. 3:17). Das heißt nicht, dass dort, wo Freiheit herrscht, schon der Geist Gottes wirkt; aber dort, wo er wirkt, herrscht Freiheit! Gesetzlichkeit - so gut ihre Absichten oft waren - hielt Menschen immer in Unmündigkeit, führte zum Absolutismus und zur totalen Unfreiheit. Gnade aber befreit!

Wenn Gnade befreit, wird der so Befreite nicht mehr von impulsiven Begierden beherrscht, wird fähig, Entscheidungen zu fällen, ohne dabei auf andere zu schauen oder diese bevormunden zu wollen und wird dadurch schneller zu einem mündigen, selbst verantwortlichen Christen werden. Empfangene Gnade lehrt auch, auf andere Rücksicht zu nehmen (1.Kor. 8:9; 10:23,32-33). Paulus ging Extremen aus dem Weg, weil er nie vergaß, dass die Gnade ein Geschenk war, das einen hohen Preis gekostet hatte: das Leben unseres Herrn! Was Paulus in Röm. 6:1-2,15 sagt, beleuchtet beide Seiten der Gefährdung: einerseits sollen wir unsere Freiheit in Gnade in Anspruch nehmen und nicht mehr unter dem Gesetz der Sünde leben, denn wir haben nun einen anderen Herrn, der uns nicht mit unzähligen Geboten umgrenzt, sondern uns das Gebot der Liebe gab; andererseits sollen wir in der Freiheit nicht zu weit gehen, die Gnade nicht missbrauchen. Zu beiden möglichen Extremen sagt Paulus deutlich: ‘Keineswegs!’. Aber die Entscheidung für unser Leben müssen wir treffen, denn Gott gab uns in seiner Gnade die Wahlmöglichkeit. Gnade sollte uns dazu führen, dem richtigen Herrn zu dienen, dem gehorchen, der uns zur Gerechtigkeit führt, und nicht wieder die Sünde als unseren Herrn zu wählen!

Kann man Gnade ‘töten’?

Ch. Swindoll spricht in seinem Buch ‘Zeit der Gnade’ von Menschen, die er ‘Gnadenkiller’ nennt. Das sind keine Außenstehenden, denn von ihnen würde man in Bezug auf den Glauben und die Gnade nichts Positives erwarten; es waren und sind vielmehr in aller Regel Glaubensbrüder, die von ihrer Vorstellung, was Gottes Wille für den Einzelnen sei, so überzeugt sind, dass sie in einem falsch verstandenen Eifer statt Großzügigkeit und Gnade andere Dinge bewirken (Gal 5:1), nämlich erneute Versklavung, Intoleranz und Richtergeist (Röm. 14:4-13) sowie Engherzigkeit und Lieblosigkeit.

So brachte z.B. das Gesetz Moses viele Forderungen, Regeln und Vorschriften mit sich; daraus entstanden wieder Anforderungen, die Wasser auf die Mühlen der Pharisäer gossen. Durch viele Zusätze machten sie das Leben ihrer Zeitgenossen noch schwerer. Die Pharisäer waren fast besessen von Pflicht, Verhaltensregeln, Vorschriften, so dass sie ein System schufen, in dem kein Platz mehr blieb für Freude (die jedoch Teil der Frucht des Geistes Gottes ist). Ihr System wurde zu einem System der Äußerlichkeiten, ihr Gehorsam war Gehorsam aus Pflicht und nicht aus Freude über empfangene Liebe und Gnade. Es führte zu einer Einstellung, bei der die Menschen lieber steinigen als verzeihen, lieber verurteilen als verstehen. Solche Menschen loben nicht, sondern drücken nieder, geben Schuldgefühle. Aber wer gibt ihnen das Recht, anderen Menschen ihr Verhalten vorzuschreiben, wenn die Bibel darüber nichts sagt? Solche Menschen, die mit ihren ‘Listen’ von ‘erlaubt’ und ‘unerlaubt’ daherkommen, morden die Lebensfreude und sind in Wirklichkeit die größten Gegner eines echten, lebendigen Christentums. Es sind im Herzen hochmütige Menschen, die sich Autorität anmaßen und auch missbrauchen, oftmals unter dem Vorwand, dem christlichen Prinzip der Einheit zu dienen; Einheit in Christus ist etwas Wunderbares; sie zu erreichen kostet große und fortgesetzte Anstrengungen; doch was diese Menschen hervorbringen, ist keine Einheit, sondern Uniformität. Wie leicht man dieser Gefahr zum Opfer fällt, zeigt Paulus im Brief an die Galater (Gal. 5:7). Doch wollen wir als Christen ja nicht Menschen gefallen (Gal. 1:10)! Darum sollten wir festbleiben in der uns von Christus geschenkten Freiheit; wir sollten nicht mehr ‘anderen gefallen’ wollen in dem Sinne, dass wir ihre Gunst suchen; unberechtigter und angemaßter Autorität dürfen, ja sollen wir widerstehen, ohne uns zu scheuen, unsere Aufrichtigkeit zu bewahren und auch zu bekunden, wenn es um Wahrheit geht. Dies können wir tun durch Gottes Gnade! Vielleicht fragst Du noch: spricht denn die Bibel nicht auch von Lohn, wie z.B. in Matth. 20:1-16? Gewiss, sie spricht ganz offen auch von Lohn, und davon, dass Gott nicht vergisst, was man für Seinen Namen getan hat; dennoch ist alles, was von Ihm kommt, Gnade; was immer wir tun dürfen, auch das ist letztlich Gnade.

Gottes Gnade erzeugt Gnade

Wir haben bisher von Gottes Gnade gegenüber den Menschen, also von der Gnade von oben gesprochen; doch diese Gnade soll bei uns bewirken, dass auch wir Gnade weitergeben, gleichsam auf ‘horizontaler Ebene’, gegenüber unseren Mitmenschen. Wenn wir anerkennen, dass das, was Gott tut an uns, er aus Gnade tut, und dass wir das, was wir sind, durch seine Gnade sind, dann sind wir auch bereit, den anderen, unseren Mitchristen, so anzunehmen, wie er ist, durch die Gnade Gottes. Wenn Du feststellen willst, ob du Gnade weiterfliessen lässt, frage Dich: mache ich die Schuldgefühle meiner Mitmenschen schwerer oder leichter, und neige ich dazu, die Freiheit meiner Mitmenschen zu fördern oder einzuschränken? Beide Antworten hängen von unserer Einstellung ab!

Es gibt zwei Gefahren, die uns hindern können, Gnade weiterzugeben:

1. Das Vergleichen!

Der Mensch liebt es, sich mit Anderen natürlich möglichst zu seinem Vorteil - zu vergleichen; das führt dann in der Regel zur Kritik am Anderen und zur Lieblosigkeit,. Findest Du in der Bibel eine Ermunterung zum Vergleichen mit Deinen Brüdern? Erst wenn wir diese enggeistige Angewohnheit ablegen, werden wir frei, Gnade weiterzugeben.

2. Das Bevormunden!
Was ist es doch für eine Freude des unvollkommenen und sündigen Menschen, andere bevormunden zu können, ihnen zu sagen, was sie machen sollen, noch lieber ihnen zu sagen, was sie falsch machen. Dabei werden oft Einschüchterungsmethoden angewandt, die zutiefst unchristlich sind, um den anderen unsere Meinung, unsere Ansichten aufzuzwingen. Wer das tut, für den ist Gnade ein Fremdwort!

Wenn wir Gnade weitergeben wollen, dann müssen wir lernen, jemanden in seiner Art, in seinem Wesen und auch in seinen Ansichten anzunehmen (wir sprechen hier von Christen und gehen davon aus, dass diese keine widergöttlichen Ansichten vertreten). Wir müssen anerkennen, dass auch diese unsere Brüder von Gott geführt werden und wir sollen Ihn sie führen lassen; wir müssen aufhören, uns Autorität über sie anzumaßen, und gleichzeitig sollen wir unsere eigene Freiheit rücksichtsvoll ausüben. Ja, wir können Gnade üben, wenn wir uns auf Dinge konzentrieren, die den Frieden fördern und unsere Mitchristen nicht verunsichern, wenn wir unsere Freiheit miteinander in christlicher Weise genießen und nicht für andere Maßstab, Autorität, ja vielleicht sogar ‘Gott’ sein wollen.

Wenn wir gegenseitigen Respekt bekunden, werden wir Raum lassen für andere Ansichten - damit würde eine Menge Streit wegen unbedeutender Dinge vermieden -, denn es gibt viel mehr Dinge, die uns vereinen als die, welche uns trennen; die Gnade befreit uns dazu, auch eine andere Perspektive in manchen Dingen anerkennen zu können, ohne wegen Nebensächlichkeiten in Streit zu geraten; selbst ein Paulus und ein Barnabas, die sich über die Person des Markus nicht einigen konnten, respektierten die Haltung des jeweils anderen und verhärteten sich nicht im Streit.

Gnade bewahrt uns auch vor der Gefahr des eigenen Perfektionismus, vor dem Streben, alles immer vollkommen machen zu wollen und deshalb auch immer wieder enttäuscht zu werden und sich mit Schuldgefühlen als Versager zu fühlen. Jemand sagte: ein Perfektionist ist einer, der sich die größte Mühe gibt und diese dann anderen Leuten bereitet.

Welche Punkte sollten wir uns einprägen, um Gnade weiterzugeben?

1. Großzügigkeit (Freisein von Egoismus)

2. Eingehen auf andere auch unter ungewöhnlichen Umständen

3. ein Leben führen, das über den Buchstaben des Gesetzes hinausgeht, frei ist von Dogmatismus und Holzhammermethoden.

4. Anderen Freiheit gewähren im Denken und Schaffen, in Ausdruck und Gestaltung

5. Hinwegsehen über vergangene Fehler (Zudecken von Fehlern),

6. Vermeidung von Vorwürfen und Beschämung.

Wo Gnade herrscht und waltet, besteht auch kein Geist der Angst, des Argwohns und der Verdächtigung mehr; dies ist Toleranz nach innen; wir sind immer sehr freundlich, wenn wir Außenstehende mit der biblischen Botschaft vertraut machen, langmütig, geduldig; tun wir das nur, weil wir sie gewinnen wollen oder weil wir die Gnade kennen? Wie sind wir gegenüber christlichen Brüdern? Wir sollten uns nicht auf Macht und Kraft, auf Autorität und Weisungsbefugnisse verlassen, sondern auf Gnade; Gnade wirkt mehr!

Und prüfe Dich selbst: wenn Deine Schuldgefühle noch nicht bereinigt sind, dann widerstrebst Du noch - unbewusst - der Gnade; Du hast sie noch nicht angenommen! Wenn Du Gnade angenommen hast, wirst Du - von Dir selbst her - keine Forderungen mehr stellen! Wenn unser Stolz noch immer unser Denken regiert, dann, auch dann widerstreben wir noch der Gnade! Doch wenn Du die Gnade angenommen hast: nichts in Deinem Leben war je kostbarer für Dich, vermittelte Dir mehr Freude und Friede im Heiligen Geist.

Wie kann Dein Herz angesichts der Probleme und Sorgen, angesichts von Krankheit und Not fest werden? Hebr. 13:8-9 versichert uns, dass Jesus Christus derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit. Deshalb, so fährt der Schreiber fort, ist es heilsam oder vortrefflich, dass das Herz fest werde oder gefestigt werde durch Gnade!

Darum reiße die Mauern nieder, die Dich vielleicht von der Gnade trennen; äußere Mauern wie Gesetzlichkeit, falsche Erwartungen, Traditionalismus, Manipulation, Forderungen Bevormundung, Vergleiche, Perfektionismus, das Besserseinwollen als Andere. Kritik und Kleinlichkeit gegenüber Anderen, und innere Mauern wie Stolz, Angst, Groll, Verbitterung, ein nachtragendes Wesen, Unsicherheit, falsches Leistungsstreben, Schuldgefühle, Tratscherei, Heuchelei, Engherzigkeit usw. Dies alles kann Dich von der Freiheit fernhalten, die Christus Dir gebracht hat! Er hat uns Gottes Gnade versprochen und gesagt: ‘Wenn Euch also der Sohn befreit, dann seid Ihr wirklich frei’.

Die Gnade Jesu Christi sei mit Eurem Geist (Philemon 25).


(Offenbarung 22:21)

Gottes Wort, die Bibel, schließt ab mit einem Wunsch an ihre Leser: Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen! Auch wenn manchmal von „unverdienter Güte“ gesprochen wird; man kann diesen Begriff durchaus als Synonym für Gnade ansehen, denn ein Merkmal von Gnade ist ja gerade, dass sie nicht verdient ist oder werden kann. Ich werde hier jedoch das Wort Gnade benutzen; mir scheint, dass es noch nachdrücklicher ist als Güte).

Das Ende der ganzen Bibel umfasst also 2 Wörter: Gnade und Jesus! Zwei Säulen! Das Ende des Alten Testaments sprach vom Gesetz und vom Schlagen des Landes mit dem Banne, also einem Fluch (Maleachi 4:4-6); das Gesetz Gottes war zwar vollkommen und gerecht, aber es kannte keine Gnade; es verurteilte uns. Doch am Ende der Bibel steht das Wort Gnade! Die Bibel ist ein Buch der Gnade, und sie spricht von ihr öfter als von Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung, nämlich über 500 Mal in den Wörtern Gnade, gnädig usw. Und Johannes 1:17 bestätigt diesen Gedanken, wenn es dort heißt, dass Moses das Gesetz gegeben hat, die Gnade und die Wahrheit aber durch Jesus Christus geworden sind. Die Gnade ist das Schlusswort der Bibel, gleichsam Gottes Unterschrift am Ende der Offenbarung, die Er ja seinem Sohn gegeben hat (Offenbarung 1:1), und die er ja schon mit dem Gruß seiner Gnade beginnen lässt (Offenbarung 1:4). Auch fast alle Briefe der Apostel Paulus und Petrus (einschließlich Hebräerbrief) enden mit dem Gnadengruß. (Wann haben wir das in den Zusammenkünften schon einmal gehört, ja uns gegenseitig gewünscht: Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, wie es in Philemon 25 z.B. heißt?). Ja, die Bibel ist ein Gnadenbuch, ihre Botschaft der Gnade Gottes eine gewaltige Botschaft. Doch was versteht sie unter dem Wesen der Gnade?

1. Die Gnade kommt immer zuerst!

Sie wird nicht durch unser Verhalten bewirkt, ist nicht von Dir oder mir abhängig, von unseren Werken (Römer 11:6; 4:4); Gnade, die von etwas abhängig ist, die ist keine Gnade mehr, sondern in irgend einer Weise ‘Verdienst’, Lohn, Anerkennung.
Die Bibel gebraucht in bestimmter Hinsicht das Beispiel der Geburt; nehmen wir ebenfalls dieses Beispiel. Kein Mensch hat je etwas zu seiner Geburt getan, hat sie bewirkt, hat sein Leben verursacht! Keiner! Erst nach seiner Geburt lernt er Dinge tun, lernt zu wollen, zu entscheiden, Gutes zu tun usw. Wenn die Bibel vom geistigen Leben eines Christen unter diesem Bild als von einer Wiedergeburt spricht, dann zeigt sie, dass auch hier zuerst Gottes Gnade wirksam ist; der Mensch kann seine .Wiedergeburt’ nicht bewirken, verursachen, veranlassen oder gar verdienen; sie ist nur möglich durch Gottes Gnade; erst danach kann er bewusst und gewollt Jesus nachfolgen.

2. Die Gnade ist souverän, frei!

Die Gnade liegt nicht in Dir oder mir; selbst unser Wollen, unser Laufen wird uns gewährt von unserem gnädigen Gott, sonst wäre Gnade nicht mehr Gnade. In Philipper 2:13 lesen wir: ‘denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen’! So ist auch unsere Bereitschaft und unsere Freude, Jesus als Herrn angenommen zu haben, unsere Entscheidung für ihn, nicht Verdienst, sondern Auswirkung der Gnade, die bereits in uns wirkte. Johannes sagt zwar in Johannes 1:12, dass Jesus allen, die ihn annahmen, das Recht gab, Kinder Gottes zu werden, aber in Vers 13 kennzeichnet er diese Gläubigen schon als solche, die ‘aus Gott geboren sind’, das voraus laufende Ergebnis der Gnade. Wir empfingen die Gnade nicht, weil wir nach Gott fragten, Buße taten, glaubten, Jesus annahmen, uns um gute Werke bemühten, sondern dies alles taten und tun wir, weil die Gnade Gottes in uns wirkte und wirkt. Und gerade die Fragen eines Menschen nach Gott und Christus, sein Forschen, sein Suchen, seine Unruhe des Herzens zeigen ja, dass und wie die Gnade unseres Gottes und unseres Herrn in Menschen wirkt. Gott sei Dank dafür! Glaube an Jesus bedeutet nicht Mitgliedschaft in einer bestimmten Kirche oder Konfession oder Gemeinschaft - sonst hätte man ja Glauben durch Mitgliedschaft -, sondern Glaube an Jesus ist Wiedergeburt durch den Heiligen Geist, ist Gnade.

Gott schenkt Gnade ohne Vorbedingung, frei, unabhängig, ohne ansehen der Person, nicht nach Verdienst. Warum kam der Steuereinnehmer in Lukas 18:13 zum Tempel? Weil Gottes Gnade bereits in ihm wirkte, ihn dorthin trieb, um Vergebung zu suchen. Der Grund für Gottes Gnade liegt nie im Menschen oder seinen ‘Qualitäten’ oder auch in seinem Verdienststreben, sondern im dem Gnade gewährenden Gott. Darum ist die Botschaft der rettenden Gnade auch für jeden Menschen, wie immer sein Leben war oder ist, auch wenn er nichts Positives an sich haben mag.

Was will die Bibel mit diesen deutlichen Worten? Sie will, dass wir Nachkommen Adams, Sünder und Verlorene, die Illusion verlieren, durch Verhalten, Leistung oder Opfer einen wenn auch noch so geringen Anspruch auf Rettung erwerben könnten, so als ob Gott uns dann etwas - selbst nur ein bisschen - schuldete! (Opfer des Lobpreises und der Dankbarkeit, das ist etwas anderes, aber nicht Opfer als Verdienst!) Das anzuerkennen fällt Menschen schwer; sie sind dem Verdienstdenken verhaftet, wollen immer gern ein wenig besser sein als andere, meinen ein ‘Verdienstkonto’ anzusammeln wie der Pharisäer in Lukas 18. Aber das Evangelium treibt eine solche Denkweise aus! Nur aus Gnaden werden wir errettet (Epheser 2:8-9)! Nur wenn wir dies verstehen, schauen wir nicht mehr auf uns, auf unsere Leistung, fragen nach dem ‘Vielleicht’ der Rettung, sondern schauen stets und unablässig auf unseren Herrn (Hebräer 12:2). Nur in diesem Wissen können wir ganzherzig in das Gebet des Steuereinnehmers in Lukas 18 einstimmen; nur dann können wir uns nicht nur den Friedensgruß, sondern den Gnadengruß des Buches der Gnade zusenden: Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen (Offenbarung 22:21)

Aber dieser letzte Vers der Bibel enthält außer den beiden Wörtern Gnade und Jesus auch noch das Ziel der Gnade: sie sei ‘mit allen’, nämlich mit allen, die sie annehmen, mit dir und mit mir; wir werden gleichsam von der Gnade getragen, und sie wirkt zweierlei:

1. sie zieht den Gläubigen heraus aus seinem verlorenen Zustand, errettet ihn, wirkt in ihm Glaube, Buße und Bekehrung;

2. darüber hinaus aber bleibt sie bei ihm, begleitet ihn während seines Lebens, bringt ihn zurecht, erzieht ihn, bringt ihn letztlich zur Vollendung, ans Ziel. Wie Paulus in Philipper 1:6 sagt: ‘ich bin ebenso in guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Christi Jesu’. Gott macht ‘keine halben Sachen’! Er rettet uns immer wieder, denn nach Römer 5:20 ist seine Gnade ‘überreich’ geworden, weit über jedes Gesetz hinaus, und seine Zusagen - auch und besonders jene, die er in Seinem Sohn gegeben hat - sind unwiderruflich oder unbereubar (Römer 11:29). Darauf kann der Glaube vertrauen, ruhen! Und diese Gnade sei mit euch! In Gottes Reich wird keiner sein, weil er auf seine ‘eigene’ Treue oder Leistung vertraute, sondern weil jeder dort auf Gottes Gnade vertraute! Darum sagt auch Petrus in 2.Petrus 3:18: ‘Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus’; Paulus beleuchtet diesen Gedanken, indem er zeigt, wie das möglich ist, ja wo selbst die Grundlagen unserer ‘Werke’ zu finden sind: ‘denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen’ (Epheser 2:8-10).

Das hilft uns, wegzuschauen von uns selbst, von unseren oft so verkrampften Anstrengungen und Bemühungen, weg von eines sogenannten ‘christlichen Religiosität’ der äußeren Formen und des Verdienstdenkens, und hinzuschauen auf Jesus, der ja nicht nur der Anfänger, sondern auch der Vollender unseres Glaubens ist, wie sich die meisten Bibelübersetzungen in Hebräer 12:2 ausdrücken. Unseren Glauben vollendet also Jesus Christus, und das ist wiederum das Ergebnis der Gnade, seiner Gnade! Meine Buße, meine Treue, mein Dienst ist nichts zum Rühmen; es ist letztlich Gottes Werk, eine Frucht des Geistes Gottes, der in uns wirkt. Aber ist da Paulus nicht widersprüchlich, wenn er in 1.Korinther 15:10 sagt: ‘...ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle...? Nein, das ist er nicht, wenn du den ganzen Text liest, denn er fährt fort: ...nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist!’ Und zu Beginn des Verses sagt er noch: ‘... aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade mir gegenüber ist nicht vergeblich gewesen!’ Dreimal Gnade in einem Vers! Paulus wusste, wovon er sprach! Die Gnade stand immer vor ihm! Er war auch nicht Christ geworden - und auch kein anderer Mensch wurde es - weil er so intelligent, gelehrt, demütig und fleißig war, sondern durch Gottes Gnade!

Doch wie war sein und ist unser weiterer Weg? Müssen wir uns Gottes Billigung erarbeiten durch Buße, Gehorsam, Treue? Die Motivation zu all unserem Tun kommt allein aus Gottes Gnade, eine Gnade, die allerdings nicht zur Untätigkeit, sondern zur Tätigkeit antreibt. Aber vergiss nicht: wir müssen uns nicht durch unsere Anstrengungen die Gnade sichern, sondern die Gnade sichert uns unsere Anstrengungen! Wenn wir durch unser ‘Fleisch’ die Gnade Gottes bewegen wollen, dann stellen wir das Evangelium auf den Kopf! Nicht wir treiben den Heiligen Geist, sondern der Heilige Geist treibt uns! ‘Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes’ (Römer 8:14)! Nicht wir leiten den Geist durch unsere Anstrengungen! Und mit dem Heiligen Geist ist die Gnade.

Doch magst du einwenden:
hat nicht Paulus gesagt: ‘...bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern’? Ich frage zurück: willst du schon wieder ein ‘Mensch der eigenen Leistungen’, ein ‘Werkmensch’ werden? Paulus fährt doch fort: ‘denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken (oder Vollbringen) zu seinem Wohlgefallen’ (Philipper 2:12-13). Paulus begründet hier das Wollen und Vollbringen mit dem Wirken Gottes, mit seiner Gnade. Der Antrieb zu deinem Tun darf nicht aus dir, deinem ‘Fleisch’, kommen, sondern durch den Geist Gottes, damit sich vor Ihm kein Fleisch rühme! Ein Beispiel: wenn du einem Menschen siehst, der nur mühsam laufen kann, dann aber einen anderen in perfektem Lauf, wen würdest du loben? Den guten Läufer oder den Schöpfer und Gott, der ihm die Fähigkeit gab? Das soll nicht heißen, dass wir Mühen und Anstrengungen von Menschen nicht gebührend anerkennen; auch Jesus sagte wiederholt: ‘wohlgetan, du treuer Knecht!’. Aber dass der Knecht dienen durfte, das war Gnade!

Die Gnade ist mit uns, wenn wir der Zusage unseres Herrn vertrauen, wenn wir uns auf sie verlassen; dann haben wir die Ruhe und den Frieden, der eine Frucht des Geistes ist. Fehlt es dir dabei an Glauben? Dann bitte wie jener Mann, von dem in Markus 9:24 geredet ist. Jesus hat ihn nicht für seine Bitte getadelt. Vielmehr ist es uns eine große Hilfe, unsere völlige Abhängigkeit von Gott und von Jesus Christus zu erkennen. Das trifft auch auf unsere Gebete zu. Betest du aus Pflicht oder Pflichtgefühl? Selbst das wäre dann ein Denken in ‘Leistungskategorien’, ein ‘ Denken in Werken’. Wir sollten beten, weil das Herz uns drängt, aus dem Bewusstsein unserer Abhängigkeit. Hier sollen nicht wieder und vielleicht in anderer Form Regeln zum Beten aufgestellt werden; doch wenn das Beten bei einem gläubigen Christen fehlt - eigentlich ein Widerspruch -, dann müsste und sollte er sich fragen, ob er die Gnadenlehre der Bibel überhaupt verstanden hat. Wir leben aus der Gnade Gottes, nicht aus unserer Kraft, unserer Mühe, unserem Vermögen, unserer Anstrengung, auch wenn wir natürlich all diese Eigenschaften in unserem Leben anwenden, zum Gut4en unseres Nächsten und unseres eigenen Lebens. Vergessen wir nicht: ‘ein Mensch kann nichts empfangen, auch nicht eins, es sei denn aus dem Himmel gegeben’ (Johannes 3:27). Darum spricht die Bibel wiederholt davon, dass sich vor Gott kein Fleisch rühme. Vielleicht rühmst du dich nicht vor Gott selbst - manche tun es wie der Pharisäer in Jesu Gleichnis, indem sie auf ihre Leistungen verweisen -, aber du könntest dich z.B. unbewusst rühmen, indem du auf andere herabschaust, sie gering achtest oder gar verachtest, Menschen, für die Christus gestorben ist, auch wenn sie ihn nicht annehmen mögen (1.Johannes 2:2). Gott gibt seine Ehre keinem anderen (Jesaja 42:8); seine Ehre ist auch die Ehre Jesu (Johannes 5:23). Und wir können Gott dafür danken, denn nur auf dieser Voraussetzung wird einmal ein brüderliches Leben der Menschen miteinander möglich sein, weil wir erkennen, dass wir nur in der Gnade leben; ohne Gnade sind wir tot (Epheser 2:1). Und wir können von Herzen sagen: ‘Gepriesen sei der Herr, denn durch seine Gnade sind wir, was wir sind’ (1.Korinther 15:10). Die Gnade hilft uns in unserem Leben (Titus 2:11-12). Und diese Gnade - wie auch der Glaube - macht nicht fatalistisch, sondern aktiv (Galater 5:6), weil wir wissen, dass Gott uns beisteht selbst in unserem Wirken, ja dieses Wirken in uns schafft (Hebräer 13:21).

Haben wir den Geist der Kindschaft durch Jesus Christus (Epheser 1:5), der Sohnschaft in Gott, in welchem wir nicht (nur) Freunde, sondern Kinder Gottes sind, und in welchem wir rufen können: ‘Abba, Vater’ (Römer 8:15; Galater 4:6)? Gott gibt ihn gern - jedem, der an Christus glaubt!

Wie die Schrift sagt: wir sollten Gott danken für alles (Epheser 5:20; 1.Tessalonicher 5:18), damit wir uns stets unserer völligen Abhängigkeit von Ihm, aber auch Seiner Gnade in Christus Jesus bewusst sind. Dann können auch wir von Herzen sagen:

Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!

E.F.


 
Jurek
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zuletzt bearbeitet 04.10.2009 | Top

Artikel von E.F.

#19 von Jurek , 04.10.2009 15:28

Ist Jesus der „Hauptvermittler“?

Schon geraume Zeit beschäftigte mich die Frage, warum wohl die Herausgeber der von der Wachtturm-Gesellschaft verbreiteten „Neuen-Welt-Übersetzung“ Christus in mehreren Textstellen als „Hauptvermittler“ bezeichnen. So wird er zum Beispiel in dem bekannten Text aus Hebräer 12:2 genannt: „während wir unseren Blick auf den Hauptvermittler und Vervollkommner unseres Glaubens, Jesus, gerichtet halten“. Der Ausdruck erscheint dann noch in Apostelgeschichte 3:15 und 5:31 sowie in Hebräer 2:10.

Andere Übersetzung gebrauchen an diesen Stellen die Worte Anfänger, Urheber, Führer, Anführer oder auch Fürst. Was mag also der Grund für den Gebrauch des Begriffes „Hauptvermittler“ sein, zumal doch in 1.Timotheus 2:5 Jesus als der eine Mittler, ja als der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen kundgetan wird. An dieser Stelle sagt das übrigens auch die Neue-Welt-Übersetzung. Doch warum spricht sie an den o.a. Stellen von Jesus als dem Hauptvermittler?

Wenn ich mir andere Begriffe vor Augen führe, die mit der Silbe „Haupt-“ verbunden sind, dann ist eine Sache auffallend; einige Beispiele!

Spreche ich von einer Hauptstadt, dann deshalb, weil es „Nebenstädte“ gibt; spricht man von einer Hauptsache, dann gibt es Nebensachen; kennt man einen Hauptbahnhof, dann gibt oder gab es andere, gleichsam „Nebenbahnhöfe“; hat eine Firma einen Hauptlieferanten, dann hat sie auch Nebenlieferanten Und man könnte weitere Begriffe anführen wie Hauptamt, Hauptaltar, Hauptbeschäftigung, Hauptbestandteil, Hauptgewinn, Hauptmieter, Hauptreisezeit, Hauptrolle, Hauptthema, Hauptverantwortung, Hauptzeuge und viele andere mehr.

Allen gemeinsam ist, dass dann, wenn von einem Begriff oder einer Sache als „Haupt-“‚ gesprochen wird, immer der Gedanke eingeschlossen ist, dass es entsprechend davon auch „Neben-“ Dinge gibt. Sonst wäre der Gebrauch des entsprechenden Worts widersinnig oder unsinnig, sinnlos. Sollte also bei der Verwendung des Wortes „Hauptvermittler“ der Gedanke an eine Art von „Nebenvermittler“ mitschwingen?

In diesem Zusammenhang war das von Edmond C. Gruss, ehemaliger Professor am Master’s College in Santa Clarita, Kalifornien, im Jahre 2003 in Englisch veröffentliche Buch „Die vier Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft“ aufschlussreich. Im Anhang C dieses Buches berichtet und unterrichtet der Autor über eine lange Jahre von der Organisation vertretene Lehre, die sogenannte Mystery Doctrine, zu deutsch etwa „die Lehre des Geheimnisses“.
Die Lehre vom Geheimnis

Was war diese Lehre von einem Geheimnis, die schon C.T. Russell vertreten hatte? Sie besagte: der Christus besteht aus Haupt und Gliedern, das heißt aus der Person Christi und seien 144.000, die dann mit ihm als Mittler dienen. Im (englischen) Wachtturm vom 15.07.1916 (Reprints S. 5928) wurde gesagt (Übersetzung von mir):

Von den Tagen Jesu an befand sich der Mittler des neuen Bundes in einem Auswahlprozess... Der Mittler selbst war in einem Entwicklungsprozess... Keine Mittlertätigkeit kann verrichtet werden, bis der Mittler aus „vielen Gliedern“ sich für das Amt qualifiziert hat. ...Der Christus, bestehend aus Kopf und Leib, bildet deshalb den Mittler für die Welt in einem potentiellen Sinn.

Im englischen Wachtturm vom 15.12.1927 war zu lesen: „Die Heiligen, die mit Christus während seiner Herrschaft Gemeinschaft haben sollen, werden in gleicher Weise „Retter“ genannt“.

In dem o.a. Buch von E. Gruss wird berichtet, dass ein Bethelmitarbeiter den damaligen Präsidenten Knorr nach der Lehre über dieses mystery, dieses Geheimnis, befragte; er wurde an den damaligen Vizepräsidenten Fred Franz verwiesen; dieser erwiderte auf die Anfrage: „Gehörst Du zu den Gesalbten?“ Das musste der Fragesteller verneinen. „Dann ist das nicht Deine Angelegenheit“ beschied ihn Fred Franz. Der Anfragende bekam keine Antwort.

Im englischen Wachtturm vom 15.11.1979 wurde hervorgehoben, dass Christus nur der Mittler für die 144.000, für die Klasse der Gesalbten, sei. Sollte man daraus schließen, dass die sogenannten anderen Schafe keines Mittlers bedürfen, oder sind, wie die Lehre von dem Geheimnis anzudeuten scheint, die 144.000 ihrerseits Mittler für die anderen gläubigen Menschen? Wird deshalb betont, dass diese „anderen“ mit den Gesalbten zusammenarbeiten, das heißt sie anerkennen und ihnen als Klasse gehorchen müssen, weil davon ihre Rettung abhängt? In dem Buch von E. Gruss werden noch zahlreiche Textstellen angeführt, die zeigen, dass zumindest in den Tagen von Russell und Rutherford eine solche Lehre bestand. Heute kann man sie allenfalls „zwischen den Zeilen“ erkennen, so etwa, wenn eben Jesus der „Hauptvermittler“ genannt wird. Jedenfalls konnte mir bisher niemand einen Grund für eine solche ungewöhnliche und auch nicht zutreffende Wiedergabe des Bibeltextes benennen.

Es ist dann auch kein Wunder, dass viele Zeugen den „Sklaven“ zwar nicht Nebenvermittler nennen, ihn aber gleichsam so ansehen und betrachten, als wäre ihre Rettung von der Einstellung zum Sklaven abhängig; in entsprechender Weise wird zwar gesagt, der Sklave sei nicht inspiriert, aber er und seine Schriften werden behandelt, als wären sie es. Die Schriften zu kritisieren grenzt an Abtrünnigkeit, eine Meinung zu vertreten, die der Sklave vielleicht später auf Grund der Fakten selbst übernehmen muss, wird bezeichnet als „Jehova vorauseilen“: Und von einem Nebenvermittler ist es nicht weit zu einem „Miterlöser“, wie ja auch viele Katholiken Maria, die Mutter Jesu, bezeichnen.

Das Feindbild der Organisation war lange Zeit und vor allem die Katholische Kirche. Man erinnert sich fast an Esau und Jakob. Große Feindschaft herrscht oft dort, wo sich Gemeinschaften strukturell sehr ähnlich sind. Jedenfalls aber würden Nebenvermittler das Opfer Jesu als Sühne für die Schuld aller Menschen, als umfassendes Lösegeld für Sünder, begrenzen, einschränken und ergänzungsbedürftig machen. Die Gnade Gottes in Christus für alle Gläubigen wird dann nicht mehr als ausreichend angesehen; sie brauchen noch Nebenvermittler, so wie manche unter den ersten Christen glaubten, neben Christus noch Teile des Gesetzes zu brauchen (Galater 5:4).

Wie gesagt: warum Hauptvermittler? Eine konkrete und aktuelle Antwort habe ich noch nirgends gefunden.

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#20 von Jurek , 04.10.2009 15:29

"Denn unser Erkennen ist Stückwerk ..." (1.Kor. 13:9; Zürcher Übers.)

Paulus schrieb die Worte aus 1.Kor. 13:9-13 einer Gemeinde von Gläubigen, die viele Probleme hatte. Bevor er diese Worte äußerte, hatte er schon einige der Probleme angesprochen, zum Beispiel unangebrachte Bindung an gewisse Menschen, Duldung von Unmoral, Streitigkeiten vor Gerichten, Lieblosigkeit, die selbst beim Abendmahl deutlich wurde, und falsche Einstellung zu den Gaben des Geistes. Die grundlegende Ursache für diese Probleme war ein Mangel an geistlicher Gesinnung. Die Korinther brachten die Einstellungen und Werte ihrer gefallenen menschlichen, sündigen Natur in ihr geistliches Leben und behinderten so die Kräfte des Heiligen Geistes. Das Ergebnis war eine Gemeinde von Menschen, die zwar unter dem Banner Christi marschierten, die es aber versäumten, ihn in ihrem Leben tatsächlich zu ehren.

Die Korinther Brüder versagten in diesen Dingen nicht nur in Bezug auf Christus, sondern auch in Bezug auf sich selbst. Die Freude als ein Teil der Frucht des Geistes und eines wahren geistlichen Christenlebens erlebten nicht viele. Es mag einige in Korinth mit einem richtigen geistlichen Gleichgewicht gegeben haben, aber sie müssen sich sehr unbehaglich gefühlt haben über das, was dort vor sich ging. Paulus dürfte wohl traurig darüber gewesen sein, dass die Gedanken, die er ihnen schrieb, von Sinnen aufgenommen wurden, die noch ‘kindlich’ genannt werden mussten (1.Kor.13:11). Er war sich darüber klar, dass der Rat eines Apostels allein die Probleme nicht lösen würde; die Korinther mussten geistlich wachsen und aufhören, wie Kinder zu denken und zu handeln (1.Kor. 3:1).

Vor diesem Hintergrund schrieb Paulus die Worte in 1.Kor. 13:9-13. Jeder von uns muss darüber nachdenken, was Paulus zu sagen hatte, wenn wir die Fallgruben vermeiden wollen, in welche die Korinther Gläubigen gefallen waren. Die Szene der Welt hat sich seit jenen Tagen sehr geändert, und keine Gemeinde gleicht genau einer Gemeinde der damaligen Zeit oder existiert unter den genau gleichen Verhältnissen, aber die Menschen sind in ihrem Wesen gleich geblieben, ihre Natur ist dieselbe, und daher sind auch die grundsätzlichen Fragen für jede Gemeinde die gleichen, heute wie damals. Wenn wir das, was wir lesen, nicht geistlich zu unterscheiden vermögen (1 .Kor. 2:14), werden wir nicht vollen Nutzen haben von dem, was Paulus schrieb für sie damals und ebenso für uns heute. Aber auch im besten Fall ist unser Erkennen - auch mit Hilfe des Geistes Gottes - nur Stückwerk, und auch unser prophetisches Reden kann daher nur Stückwerk sein. Wir sollten, ja wir müssen uns damit zufrieden geben, um unnötige Probleme zu vermeiden.

Die Hinlänglichkeit stückweisen Erkennens

Christen, Anbeter Gottes des Höchsten, haben stets genügend Gründe gefunden, um ihn trotz begrenzter, stückweiser Erkenntnis seiner Vorsätze und seines Wortes anzubeten und ihm zu dienen. Als dem Abram, dem späteren Abraham, geboten wurde, die Stadt Ur zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen würde, kannte er weder Ziel noch Zukunft. Aber er handelte im Glauben und in der Zuversicht, dass er Gott vertrauen könne, seinen Willen auszuführen und seine Verheißungen zu erfüllen (1.Mo. 12:1; Heb. 11:8). Selbst nachdem Abram im Land der Verheißung angekommen war, standen ihm noch viele Jahre der Ungewissheit bevor darüber, wie er wohl der Vater vieler Nationen werden könne.

Seine Erfahrung war nicht außergewöhnlich. alle Diener Gottes aus vorchristlicher Zeit verbrachten ihr Leben mit einer nur stückweisen Erkenntnis von Gottes ewigen Vorsätzen (1.Petr. 1:10-12).

Mit dem Kommen Christi kam auch eine große Zunahme im Verständnis von Gottes Absichten und Vorsätzen. Israeliten, die damals gläubige Christen wurden, mussten alle bisherigen vorgefassten Missverständnisse aufgeben, die sie gehabt haben mögen hinsichtlich der Art und Weise, wie die alten Prophezeiungen durch den Messias erfüllt werden müssten. Nach seiner Auferstehung verbrachte Jesus bei einer Gelegenheit eine gewisse Zeit mit zwei Jüngern, die nach dem Dorf Emmaus wanderten. Sie standen noch unter Schock und Enttäuschung, als Jesus sich ihnen anschloss. Nachdem sie ihm, den sie nicht erkannten, alles erzählt hatten, was sie über Jesu Tod und das Verschwinden seines Körpers wussten, tadelte Jesus ihre glaubensträgen Herzen und begann, ihnen die Schrift zu erklären und so ihrem Verständnis zu helfen (Luk. 24: 25-27).

Später am Abend erschien Jesus den Aposteln, bei denen sich nun auch die beiden genannten Jünger befanden, die gerade ihr außergewöhnliches Erlebnis berichtet hatten. Wieder verwies Jesus auf die Schrift, die sich erfüllen müsse (Luk. 24:44-49). Welch blendende Erleuchtung dies für sie war! Es muss die Jünger außerordentlich gestärkt haben, besonders dann, als sie mit der Kraft aus der Höhe bekleidet worden waren. Die Apostelgeschichte berichtet darüber in gedrängter Kürze. Jetzt, durch die Christenversammlung, machte Gott seine ewigen Vorsätze in viel klarerer Weise bekannt als dies je zuvor verstanden worden war (Eph. 3:8-11). Aber selbst dies so sehr vermehrte Maß an geoffenbartem Erkennen war immer noch Stückwerk hinsichtlich vieler Merkmale des Königreiches Gottes. Dennoch war das gegebene Verständnis völlig ausreichend zum Predigen der Guten Botschaft und des Königreiches; es enthielt alles Erforderliche, um mit Gott durch Christus versöhnt zu werden. Es enthielt alles Erforderliche, um einen lebendigen Glauben aufzubauen, eine sichere Hoffnung, einen Geist der Liebe; es genügte völlig zur Rettung durch Christus und zur Rechtfertigung durch ihn. Von diesen Gesichtspunkten aus war und blieb es vollständig.

Jedoch gibt es noch viele Dinge, die wir noch nicht völlig verstehen, auch wenn wir das Verständnis suchen. Es ist auch nicht verkehrt, bezüglich solcher Dinge neugierig zu sein, zu spekulieren oder zu interpretieren, so lange wir unsere Schlussfolgerungen nicht in sektiererischer Weise zur absoluten Wahrheit, zu heilsnotwendigen Erkenntnissen oder zu für andere verbindlichen Dogmen hochstilisieren und erklären. Wir werden nicht auf alle Fragen eine heute allein richtige und verbindliche Antwort finden; um so weniger darf man Menschen, die in solchen Punkten vielleicht anderer Auffassung sind, ihr ‘Christsein’ absprechen oder sie gar in angemaßter Richtereigenschaft verurteilen. So wollten zum Beispiel die Jünger Jesu nach seiner Auferstehung erfahren, ob er in jener Zeit das Königreich aufrichten würde. Aber er sagte ihnen, dass das Wissen darum nicht ihre Angelegenheit sei (Apg. 1:6-8). Wer die Anstrengungen kennt, die manche Menschen oder religiöse Führer unternommen haben, um biblische Prophezeiungen bezüglich der Endzeit auszulegen und chronologisch zu berechnen, und welche Enttäuschungen dadurch hervorgerufen wurden, kann die Torheit begreifen und ermessen, die Worte des Herrn in dieser Sache nicht zu beachten und immer wieder auf die Seite zu schieben, und man versteht auch gut die Gott nicht ehrenden Früchte, ja sogar psychisch krank machenden Früchte, die so entstehen können. Wenn man Gebiete berührt, die in der Schrift nicht völlig erläutert werden, dann muss man nicht nur Sorgfalt walten lassen - das sollte selbstverständlich sein -, sondern sich auch immer die eigene Fehlerhaftigkeit1 die Möglichkeit des eigenen Irrens, vor Augen halten. Es ist sicher eine menschliche Neigung, sich gerade gern in solche Themen zu vertiefen; Probleme entstehen dabei jedoch erst dann, wenn es den Auslegern und Kommentatoren an Demut fehlt und sie ihre aus stückweisem Erkennen herrührenden Schlussfolgerungen als völlige und sogar verbindliche Wahrheit ausgeben.

Es wird allerdings immer Personen geben, die überzeugt sind, mehr als andere zu wissen, und die auch kühn genug sind, ihre Behauptungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie mögen dann so weit gehen, zu behaupten, dass ihre Erkenntnisse zur Rettung unerlässlich seien. Doch wenn wir im Sinne der Bibel richtig eingestellt sind, werden wir uns von solchen Anmaßungen nicht übermäßig beeindrucken oder beeinflussen lassen oder zulassen, dass uns solche Personen einschüchtern. Wir werden daran denken, was Paulus in 1.Kor. 13:9-13 sagte, und uns daran erinnern, dass alles, was zur Rettung notwendig ist, in der Schrift klar beschrieben wird. Enttäuschung darüber, dass wir gewisse Dinge nicht wissen oder mit stückweisem Erkennen leben müssen, ist oft nur ein Mangel der Betrachtungsweise, des richtigen Blickwinkels. Jemand, der seinen Glaubensweg unter die Leitung des Geistes Gottes gestellt hat, der ‘geistlich’ eingestellt ist, hat nicht das Bedürfnis, wegen jeder Frage, in der unterschiedliche Meinungen bestehen, zu streiten oder zu debattieren, und dies deshalb, weil eine geistlich reife Person auf solche Punkte viel weniger Wert legt als ein ‘unreifer’ Christ. Eine wirklich geistlich gesinnte Person weiß, dass die Frucht des täglichen Lebens, die der Liebe zu Gott und dem Nächsten entspringt, viel wichtiger ist als Kopfwissen in mehr oder weniger zweitrangigen Fragen. Sie weiß auch, dass Personen, welche die Gabe größerer Einsicht in das Verständnis der Schrift haben als sie selbst, und die den Geist Christi haben, persönliche Demut und Respekt für andere widerspiegeln werden. Diese werden keine ‘Schläger’ sein - Leute, die ihre Darlegungen mit unbeherrschter oder maßloser Sprache, mit Scheingeistigkeit oder mit Absolutheitsanspruch und Autoritätsanmaßung vortragen oder vermengen (1.Tim. 3:3; Jak. 3:13).

Die stückweise Erkenntnis, zu der wir Zugang haben, ist dennoch sehr umfassend und groß. Man könnte wohl mehrere Menschenleben damit zubringen, alles zu verarbeiten und zu ergründen, was uns heute schon zugänglich ist. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf diese uns zugängliche Erkenntnis richten, sollte unser Ziel sein, die Gedanken Gottes zu verstehen, herauszufinden, wie wir denken und handeln sollten in Übereinstimmung mit seinem geoffenbarten Willen (Matth. 7:21). Wir sollten uns beschäftigen, göttliche Weisheit in unserem Alltag hier und jetzt anzuwenden. Was jenseits unseres Lebens liegt, ist immer noch in beträchtliches Dunkel gehüllt. Das hindert uns jedoch nicht daran, die Hoffnung der Auferstehung zu haben und zu wissen, dass der Leib, den wir haben werden, den Eigenschaften unsterblichen Lebens entsprechen wird, das wir ererben sollen. Wir wissen nicht viel darüber, was es bedeutet, Miterben mit Christus zu sein oder wie das Leben in den Bereichen des Königreiches dann sein wird. Im Wesentlichen bleibt es noch ein Geheimnis für uns. Aber es ist für uns nicht wichtig, heute und hier ein vollständiges Wissen über diese Dinge zu haben. Wir könnten sie auch nicht verstehen. Heute ist es für uns wichtig, die Dinge, die wir haben, zu überdenken, zu verstehen und nach diesem Wissen zu leben.

Wir werden erkennen, wie wir erkannt sind

Stückweises Erkennen schließt auch uns selbst ein. Wie viel wissen wir wirklich über uns selbst? Sind wir nicht oft selbst überrascht, wie wir in bestimmten Situationen reagieren? Erkennen wir nicht manchmal widersprüchliche Züge in uns selbst? Der Gedanke ist trostreich, zu wissen, dass die Zeit kommen wird, wie Paulus sagt, in der ich ‘völlig erkennen werde’, wie auch ich ‘völlig erkannt worden bin’ (1.Kor. 13:12). Gott kennt uns schon völlig und liebt uns trotz unserer vielen Flecken. Wir mögen manchmal über uns selbst überrascht sein, aber Gott überraschen wir nicht! Er kennt uns sehr viel besser als wir uns selbst. Das ist tröstlich, denn wir können in unser Inneres schauen ohne Furcht, was wir finden könnten. Was immer wir finden könnten, Gott kennt es! Zu wissen, dass kein Teil von uns vor Gott verborgen ist, enthebt uns jeder Notwendigkeit, uns vor Gott schön darzustellen, uns gar zu rühmen. Es hat keinen Zweck, im Gegenteil (Luk.18:9-14). Und wenn wir Charaktermängel oder anderes an uns feststellen, dann können wir damit leben, weil wir wissen, dass Gott und Christus damit leben, ja uns angenommen haben und uns durch den Heiligen Geist zubereiten zum Abbild Christi.

Diese bleiben: Glaube, Hoffnung, Liebe

Als Paulus sagte, diese drei Eigenschaften würden bleiben, meinte er vielleicht auch, dass dies die ausdauernden Eigenschaften von Herz und Sinn sind, die uns stützen. Unser Blick sollte sich auf Dinge richten, die den Glauben stärken, den Anker der Hoffnung befestigen und die Liebe hervorrufen und fördern. Wir leben in einem Zeitalter der technologischen Entwicklung, das uns etwas von den einfachen und grundlegenden Wirklichkeiten des Lebens entfernt. Wenige von uns bearbeiten zum Beispiel den Boden und erleben so das Wunder der Aussaat, des Wachstums und der Ernte, die sich dann in lebenserhaltende Nahrung wandelt. Einen Einkaufswagen durch einen Supermarkt zu schieben fördert nicht gerade das Nachsinnen über Gottes Schöpfung und über unsere Abhängigkeit von ihm. Gott ist in der modernen Gesellschaft großenteils unwichtig geworden. Und auch unter den sich zu christlichen Religionen Bekennenden, ja selbst unter Kirchenbesuchern, finden wir viele, die mit einem geistlosen Leben, selbst wenn eine religiöse Routine gelebt wird, zufrieden zu sein scheinen.

Es ist eine stete Notwendigkeit, unsere Überzeugung von der Rettung, die wir von Gott durch Jesus Christus erhalten haben, aufzufrischen. Es gibt keinen Ersatz für die Zeit, die wir mit dem geschriebenen Wort Gottes verbringen und in der wir darüber nachsinnen, was wir dort finden. Das Lesen der Bibel und Gespräche darüber helfen uns, geistliche Dinge im Vordergrund unseres Bewusstseins zu bewahren. Zeit zu verbringen in ehrfurchtsvollem Gespräch mit dem Vater und dem Sohn im Gebet hilft uns, unsere geistige Verbindung mit ihnen zu bewahren. Wenn es möglich ist, sollten wir mit anderen zusammenkommen, um glaubensstärkende Ermutigung sowohl zu geben als auch zu empfangen (Röm. 1:12). Es gibt in der Schrift keine vorgegebene Form oder Regelung, wie dies zu tun sei. Manche mögen in religiösem Sinne isoliert sein. Wenn dem so ist, könnten sie versuchen, mit anderen gläubigen Christen durch Briefe, Telefon usw. in Verbindung zu kommen und vielleicht ab und zu die Möglichkeiten nutzen, andere Christen anlässlich von Tagungen usw. zu treffen. Andere mögen die Gelegenheit haben, mit einigen wenigen Gläubigen Gemeinschaft zu pflegen, wieder andere mögen auch eine Gemeinde besuchen. Wichtig ist, dass wir geistlich lebendig bleiben (Matth. 18:20).

Ein lebendiger Glaube muss und wird sich in unserem Leben ausdrücken (Gal. 5:6; Eph. 2:10). Echter Glaube wird uns veranlassen, auf die Nöte anderer zu reagieren. Ein lebendiger Glaube - in Wirklichkeit gibt es keinen anderen - wird uns die Kraft geben, ein lebendiges Zeugnis für die Wirklichkeit Gottes zu sein. Jakobus erinnert uns daran, dass Glaube ohne Werke tot ist (Jak. 2:17). Glaubenswerke können vielerlei Formen haben je nach den individuellen Umständen. Die Bibel stellt keine Liste vorgeschriebener Werke auf, und auch wir sollten das nicht tun oder mit uns tun lassen. Vielmehr gilt es, unser tägliches Leben glaubensvoll zu gestalten, indem wir ein tiefes Gespür für die Liebe zu Gott und zu unserem Mitmenschen entwickeln. Wenn dieser Geist eines liebenden Glaubens vorhanden ist, wird er sich in Wort und Tat offenbaren. Selbst die an ein Haus gebundenen Christen können in Gebet und Fürbitte erkennen, dass das Gebet des Glaubens viel Kraft hat (Jak. 5:16).

Auch die Hoffnung ist eine reiche und notwendige Gabe Gottes für ein volles Christenleben. Wenn der Glauben uns heute aufrechterhält, dann tut die Hoffnung es für morgen. Wir kennen und erkennen die Ungewissheiten und Unsicherheiten des Lebens, die Wirklichkeit, die wir nicht einmal für den nächsten Tag garantieren können. Der Besitz der Hoffnung befreit uns von der Sinnlosigkeit eines vorübergehenden Lebens (1.Kor.15:19). Als Paulus sagte ‘dann aber werde ich völlig erkennen’ bezog sich das ‘dann’ auf jene Zeit der Verwirklichung, in der all das, was wir heute nur stückweise erkennen, ganz verwirklicht und erfahren werden wird, dann, wenn die Auferstehungshoffnung Auferstehungswirklichkeit werden wird. Wir haben Gottes Zusage, dass so, wie wir die Gleichheit Adams getragen haben, wir auch die Gleichheit des verherrlichten Christus tragen werden (1.Kor. 15:49). Bis dies Wirklichkeit wird, können wir in vielen Dingen nur spekulieren, auslegen und vermuten, was alles wohl letztlich bedeuten mag. In ähnlicher Weise hat es auch schon Johannes in 1.Joh. 3:2-3 gesagt. Wir wissen, dass wir in der Auferstehung eine dramatische Veränderung erleben werden, so wie Paulus dies in gewissen Einzelheiten in 1. Kor. 15 schildert; aber selbst dort gebraucht und verwendet er Begriffe, über die wir eigentlich nichts wissen. So spricht er zum Beispiel von einem geistigen Leib oder Körper; doch was bedeutet dies? Wer kann beschreiben, was ein geistiger Leib ist, außer der einfachen Tatsache, dass er sich von einem fleischlichen Leib unterscheidet? Aber unsere stückweise Erkenntnis in dieser Sache ist kein Hindernis für unsere Hoffnung auf Auferstehung! Wer würde sich nicht über eine schöne Überraschung freuen? Die letzte Wirklichkeit wird jenseits aller Grenzen sein, die wir gegenwärtig haben. Ein Körper, frei von den entkräftenden Folgen der Sünde! Und dieser wunderbare Körper wird sich der Gabe der Unsterblichkeit freuen. Um es kurz zu fassen: wer könnte sich mehr wünschen?

Aber die größte von diesen ist die Liebe

Keiner Eigenschaft wird in der Schrift so viel Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt wie der Eigenschaft der Liebe. Sie ist das beständige Thema, das in die Reden der damaligen Christen verwoben ist. Aber wenn Liebe bedeutungsvoll sein soll, muß sie ausgelebt werden. Sie ist keine ‘Philosophie’. Liebe gibt allem, was wir tun und glauben, den Lebensodem. Liebe verändert Personen, die sie besitzen. Wir können andere in dieser Beziehung nicht beurteilen, aber wir können uns selbst beurteilen. Erleben wir ihre verwandelnde Kraft? Finden wir, dass wir nach und nach etwas von der Frucht der Liebe hervorbringen? Paulus stellt einiges von dieser Frucht der Liebe vor uns hin, damit wir uns selbst - nicht andere - daran messen - geduldig, freundlich, nicht neidisch, nicht grob, nicht selbstsüchtig, langsam zum Zorn, rechnet Böses nicht an, hat keine Freude am Unrecht, freut sich an der Wahrheit, beschützend, vertrauensvoll, hoffnungsvoll, ausharrend (1.Kor. 13:4-7). Wir müssen ehrlich genug sein, uns die Frage zu stellen: beschreibt Paulus hier dich und mich? Wenn wir erkennen, dass wir in diesen Eigenschaften mehr wachsen müssen, dann bedürfen wir der Gebete um ein größeres Maß des Heiligen Geistes Gottes. Wir müssen uns diesem Geist übergeben und lernen, jene Einstellungen zu hassen, in uns selbst, die dem Heiligen Geist entgegenstehen. Von allen Dingen, mit denen wir uns beschäftigen, sollte die Liebe an erster Stelle stehen. Mit ihr können wir über alles hinwegkommen. Ohne sie sind wir nichts, selbst wenn wir der Werke noch so viele hätten. Es erstaunt überhaupt nicht, dass der Apostel Paulus sie bei den verschiedenen Facetten der Frucht des Geistes an erster Stelle nennt (Gal. 5:22-23), weil sie die Wurzel ist, aus der heraus alle anderen Eigenschaften wachsen. Wahrend Glaube und Hoffnung unseren Weg durch dieses Leben leiten, befähigt uns die Liebe, dieses Leben in der friedlichsten und auferbauendsten Weise zu leben. Liebe verhindert, dass wir Sklaven schmerzlicher und zerstörerischer Einstellungen werden, und sie setzt uns dafür frei, ein Segen für andere zu sein.

Auch stückweises Erkennen - stets ein Segen

So sei nicht entmutigt durch stückweise Erkenntnis; verstehe sie vielmehr auch als ein Segen, durch den unvollkommene und daher oft rechthaberische Menschen lernen, andere gläubige Christen, die in bestimmten Ansichten andere Meinungen vertreten, dennoch als christliche Brüder und Schwestern annehmen zu können, so wie auch Christus sie annimmt. Unternehme vielmehr alle Anstrengungen, Gottes Wort zu studieren und so viel Erkenntnis zu gewinnen wie es dir möglich ist. Wenn es scheint, dass du die Grenze im Verständnis einer Sache erreicht hast, dann lass dich dadurch nicht deiner Freude oder deines Vertrauens berauben. Fahre fort nachzuforschen, stelle dir fortgesetzt Fragen, und zeige Gott dem Höchsten deine aufrichtigen Bemühungen, sein Wort und seinen Willen immer besser zu verstehen. Doch bei alledem halte deinen Blick vordringlich gerichtet auf die Dinge und Themen, die zur Rettung unerlässlich sind (Hebr. 12:2), jene, die auch in der Schrift klar und deutlich erklärt werden. Deine Verhältnisse mögen vielleicht alles andere als wünschenswert sein hinsichtlich deiner Möglichkeiten, alles zu tun, was du gern tun möchtest; lass nicht zu, dass diese Einschränkungen dich daran hindern, das zu tun, was dir möglich ist, im Betrachten des Wortes Gottes und in einer engen gebetsvollen Beziehung zu Gott und zu seinem Sohn. Behalte im Sinn, dass Glaube, Hoffnung und Liebe die Dinge von höchster Wichtigkeit sind. Halte deinen Blick auf die Dinge gerichtet, die dir helfen, Glaube, Hoffnung und Liebe zu stärken. Bitte fortgesetzt um Gottes Leitung und um seinen Heiligen Geist. Bleibe in der Zuversicht, dass Gott bei dir ist und dich erreichen wird, wo immer du dich auch befindest, und dass der Sohn Gottes dich sanft auf deinem Weg vorwärts leiten wird. Wir alle haben die Verpflichtung und Verantwortung, nach der Erkenntnis und den Gelegenheiten zu handeln, die wir besitzen und bekommen. Es wird uns deutlich gesagt, was es bedeutet, ein Jünger Jesu Christi zu sein und des Vaters Billigung zu haben. In dieser Hinsicht gibt es kein Stückwerk, hier fehlt uns nichts!

E.F.

 
Jurek
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#21 von Jurek , 04.10.2009 15:30

Das wahre Evangelium – das Evangelium der Gnade

In seinem Brief an die Galater trat Paulus entschieden dafür ein, dass es nur ein wahres Evangelium gibt (Gal. 1:8-9); dieses Evangelium besagt, dass Rettung nur durch den Glauben an Jesus Christus geschieht (Joh. 14:6).

Alle anderen ‘Evangelien’ oder ‘christliche Religionen’ könnte man unter 3 Gruppen einreihen:

1. Der Mensch wird durch (gute oder verdienstvolle) Werke oder Leistungen gerettet

2. Der Mensch wird gerettet durch Glauben an Jesus Christus plus die Werke unter 1.

3. Der Mensch wird allein durch den Glauben an Christus gerettet, aber um gerettet zu bleiben, muss er sich bewahren und bewähren durch Werke wie unter 1.

Alle drei Gruppen stehen im Widerspruch zu Gottes Wort, das besagt:

Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet’ (Röm. 4:5).

Das Evangelium der Bibel ist die gute Nachricht, dass Christus starb, um Menschen zu retten, weil sie sich nicht selbst retten können, dass er auferstanden ist, in den Himmel zurückkehrte und nun allen ewiges Leben gibt, die ihn im Glauben als Herrn und Erlöser annehmen.

Jede Vorstellung, der Mensch könne oder müsse seine Erlösung irgendwie verdienen oder könne dazu beitragen und mitwirken, ist ausgeschlossen (Röm. 3:27) Der Mensch ist vor Gott kraftlos (Röm. 5:6), ja tot (Eph. 2:1). Christi Opfer zur Rettung der Glaubenden ist vollständig; niemand muss oder kann zu diesem Loskauf irgend etwas beitragen; darum gebührt dem Herrn allein dafür Ruhm und Ehre (Röm. 4:23 – 5:2). Er rettet uns völlig (Hebr. 7:25; 9:12; 10:14). Darum dürfen wir volle Glaubensgewissheit haben (Hebr. 10:22).

Deshalb wird dieses Evangelium zu Recht Evangelium der Gnade genannt (Apg. 20:24; siehe auch Eph. 2:8-9).

Folgende Punkte sollte man sich und den Hörern des Evangeliums klarmachen:

1. Alle Menschen sind Sünder und deshalb verloren. Zwar mag mancher zu Recht sagen, dass es Menschen gibt, die schlimmere Taten begangen haben als er selbst; doch da ist keiner, der vor Gott zu bestehen vermag im Urteil, außer in Jesus Christus.
Deshalb ist es eine Torheit, auf Rettung zu spekulieren, weil man ‘besser sei als manche andere’.

2. ‘Ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung’ (Hebr. 9:22). Gott ‘kehrt Sünden nicht unter den Teppich’! Sie müssen gesühnt werden; das geschah durch seinen Sohn (1.Joh. 1:7). Sein Blut ist von unendlichem Wert und bewirkt Vergebung selbst der schlimmsten Sünden für den, der glaubt. Wir sollten deshalb das Blut Jesu nie für ‘gemein, gewöhnlich’ oder für nicht ausreichend erachten (Hebr. 10:29).

3. Das Evangelium endet nicht mit Christi Tod; seine Auferstehung, seine Verherrlichung gehören dazu und sind von unschätzbarer Wichtigkeit. Er ist ein lebendiger Erlöser und Richter, der sich stets für seine Nachfolger verwendet (1.Joh. 2:1).

4. Die Rettung wird uns von Gott geschenkt auf der Grundlage der Gnade; ja sogar Gottes heiliger Geist wird ‘Geist der Gnade’ genannt (Hebr. 10:29); das bedeutet, dass der Mensch – keiner, ohne Ausnahme – sie nicht verdient, nicht verdienen kann und daher keinerlei Ansprüche gegen Gott hat. Gott errettet den Menschen, der glaubt, aus freien Stücken, in seiner Souveränität, ohne menschliche Vorausleistung oder Gegenleistung. Der Sünder kann deshalb zu Christus kommen, jederzeit, so wie er ist, in seinen Sünden, und er kann Vergebung und Frieden erhalten (Röm. 5:1). Gott erwartet oder verlangt nicht, dass der Mensch sich zuerst ändert oder noch einmal von vorn beginnt; auch diese ‘Leistung’ könnte der Mensch nicht erbringen. Selbst für die Heiligung des Menschen gebührt Gott allein die Ehre in Jesus Christus.

5. Menschen werden durch Glauben gerechtfertigt und somit aus Glauben durch Gottes Gnade gerettet (Röm. 3:28; Tit. 3:5). Der Mensch unterwirft sich damit ganz der Barmherzigkeit Gottes und zeigt darin, dass er keine Macht oder Fähigkeit hat, sich selbst zu retten oder gerettet zu bleiben. Der Mensch erkennt, dass er nichts ist, Gott aber alles! Doch nicht der Glaube ist der Retter; er bedeutet nur die Annahme des freien Geschenkes der Gnade Gottes. Der Retter ist eine lebendige Person: Jesus Christus! Der Glaube an sich ist auch kein ‘verdienstvolles Werk’ oder eine Handlung. Nach der Bibel ist der Mensch, der nicht an Gott glaubt, ein Tor; deshalb gibt es keinen Grund, auf seinen Glauben etwa stolz zu sein. Glaube ist eigentlich die logische und vernünftige Reaktion auf Gottes Wort. Vielmehr gebührt es, Gott dankbar zu sein.

6. Gute Werke sind zwar keine Voraussetzung oder Bedingung für unsere Errettung, doch spielen sie eine wichtige Rolle, nachdem wir gerettet sind (Eph. 2:9-10; Tit. 2:14) Christen, die Kinder Gottes geworden sind, vollbringen gute Werke nicht, um gerettet zu werden oder gerettet zu bleiben, sondern weil sie gerettet sind; so wie der Mund überfließt von dem, wessen das Herz voll ist, so drängt uns die Liebe Christi, ihn durch unser Tun zu preisen (2.Kor. 5:14; Gal. 5:6). Wir werden nicht durch gute Werke gerettet, aber wir sind zu guten Werken gerettet. Jakobus sagt, dass ein Glaube ohne Werke tot ist; auch hier sehen wir, dass ein lebendiger Glaube, der rettende Glaube, Werke hervorbringt. Sie sind unweigerlich die Folge der Errettung, niemals ihre Ursache. Wenn jemand wirklich gerettet ist, wird sein Glaube ihn zu guten Werken drängen, wird er gute Werke tun.

7. Wenn ein Mensch gerettet ist, sind seine Sünden vergeben; da wir im Fleische sind, werden wir auch künftig immer wieder der Vergebung bedürfen, da wir auch künftig straucheln, ja sündigen. Diese Sünden trüben unsere Gemeinschaft mit Gott, können sie unterbrechen, aber ändern nichts mehr an unserer Beziehung zu ihm als seine Kinder. Wir müssen vielmehr unsere Sünden vor ihm bekennen, sie aufgeben und um Vergebung bitten, um die Gemeinschaft mit ihm wieder herzustellen.

8. Wir werden gereinigt durch das Blut Jesu Christi; in seiner Gerechtigkeit stehen wir vor Gott (2.Kor. 5:21). Nichts kann oder braucht dem Wert dieses Blutes noch beigefügt werden. Jede solche Aufforderung würde den vollständigen Wert des Opfers Jesu bestreiten, die Rettung nicht allein in Gottes Gnade und im Opfer Jesu sehen, sondern in der menschlichen Leistung, die gerade von ‘Frommen’ (Pharisäern und Schriftgelehrten) gemäß den Bibelberichten immer wieder in den Vordergrund gerückt wurde.

9. Wir haben vor Gott eine vollkommene Stellung, weil er uns in Christus sieht, nicht aber auf Grund unserer Taten, und seien sie noch so gut. Wenn wir sagen, dass ein Gläubiger vollkommen ist, heilig und tadellos in Christus, dann nicht, weil Gott etwa in seinem Leben keine Sünden mehr bemerken würde, sondern weil Jesus Christus die Strafe für diese Sünden bereits bezahlt hat.

E i n w ä n d e

Einwand 1: Wenn man nur an Christus glauben muss, um gerettet zu werden, dann kann man ja getrost so leben, wie man will!
Antwort: Wer gerettet ist, will Gott dienen, dem Herrn folgen, ein heiliges Leben führen! Die Liebe ist der stärkste Beweggrund zum Handeln, und er ist der Beweggrund, den Gott sucht. Wer eine Einstellung hätte, wie sie in dem Einwand zum Ausdruck kommt, muss sich fragen, ob er wirklich Christus als Herrn und Erlöser angenommen hat.

Einwand 2: Wenn man zur Rettung nur (?) an Christus glauben muss, wie kann man wissen, ob man die Kraft hat, so zu leben, wie man leben soll?
Antwort: Wer die Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes in Verbindung mit Christus auch nur(!) ein wenig verspürt und geschmeckt hat, wird das Wort ‘nur’ in Verbindung mit dem Glauben an Christus nicht verwenden. Der Einwand vergisst auch, dass Gott seine Kinder durch seinen heiligen Geist leitet, ihnen beisteht, ja durch ihn in ihnen wohnt; und Christus hält seine Nachfolger bei sich (Gal. 2:20). So dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott neben dem Wollen auch das Vollbringen bewirkt (Philip. 2:13).

Einwand 3: Wenn die Rettung durch Glauben geschieht, haben dann die Gebote Gottes noch einen Sinn?
Antwort: Paulus sagt: das Gesetz ist heilig, die Gebote sind heilig, gerecht und gut (Röm. 7:12); das Gesetz hat Leben verheißen, wenn man ihm gehorcht; allerdings erwies es sich hinsichtlich seiner Fähigkeit zur Rettung als ‘schwach’, denn es konnte nur verurteilen, weil niemand das Gesetz nach den göttlichen Maßstäben halten konnte. Wir alle haben es gebrochen und stehen deshalb unter Verurteilung. Die Forderung des Gesetzes musste erfüllt werden. Aber Jesus hat durch seinen Tod dieser Forderung nach Strafe genüge getan, wie er auch durch sein Leben selbst dem Gesetz vollkommen entsprach. Gottes Gesetz wurde durch ihn in jeder Weise erfüllt; deshalb haben die Gebote Gottes immer noch einen Sinn, ja einen bleibenden Sinn.

Der Gott der Hoffnung hat uns das Evangelium der Gnade geschenkt, so dass wir in Christus Gewissheit haben; müssten wir auf unsere Leistungen vertrauen und auf unsere Werke, so stünden – wie bei den Gläubigen in manchen Gemeinschaften [z.B. Forderungen wie Predigen und Versammlungsbesuch etc. als Leistung die zum ‘ewigen Leben’ führen soll] – da kommt immer das ‘Vielleicht? Wahrscheinlich? Möglicherweise?’ vor unseren Augen, ja in Wirklichkeit das ‘Nein’, weil wir durch unsere Werke Gott nicht gefallen können; die Hoffnung, die Gott gibt, aber ist Gewissheit; sie beschämt nicht (Röm. 5:5), und in dieser Hoffnung sind wir errettet worden (Röm. 8:24) aus Gnade. Allein seine Gnade bringt das Heil als ein Angebot für alle Menschen (Tit. 2:11). Darum lasst uns seine Gnade nicht verachten wie der Pharisäer im Gleichnis Jesu nach Lukas 18:9-14, denn allein aus ihr leben wir und werden wir leben (Tit. 3:6-7).

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen!

E.F.

 
Jurek
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#22 von Jurek , 04.10.2009 15:31

Die Seligpreisungen

(Matthäus 5:3-11)

Mit den Seligpreisungen gemäß Matthäus 5: 3-11 eröffnet Jesus gleichsam wie mit Fanfarenstößen seine Bergpredigt, die für viele Christen (und auch für viele Nichtchristen) wohl berühmteste Predigt der Welt. Er zeigt darin auch seine Verbundenheit mit den Benachteiligten, Schwachen und Sanftmütigen und macht deutlich, welche Art von Menschen Gottes Wohlgefallen haben.

Doch wenn man den Text gelesen und darüber nachgedacht hat, dann fragt man sich, ob diese Aussagen realistisch sind; ich habe zwar eine hohe Achtung vor Menschen, die in ihrem öffentlichen Leben oder in ihrem Privatleben nach den Grundsätzen der Bergpredigt zu leben sich bemühen, aber man beobachtet doch immer wieder, dass sie in diesen Bemühungen auf Dauer scheitern. Darum haben nicht wenige Kritiker die Worte Jesu als ein Vertrösten der benachteiligten Menschen auf ein besseres, weil ausgleichendes Jenseits verstanden und ausgelegt; Tatsache ist ja, dass jahrhundertelang unterdrückte und missbrauchte Menschen auf ein solches Jenseits vertröstet wurden. Aber will Jesus das mit seinen Worten sagen? War er nur ein weiterer Lehrer, der – ganz im Sinne der Mächtigen – die Menschen zu Geduld und Langmut aufforderte mit Verheißungen, die in ihrem Leben in keiner Weise Wirklichkeit wurden und werden? Betrachten wir die Worte Jesu doch etwas ausführlicher!

Das griechische Wort ‚makarios‘, das manche Übersetzungen mit selig (Luther, Schlachter, Menge, Albrecht, Zürcher, Keppler, Rösch, Stage, Allioli)), andere mit glückselig (Meister, Elberfelder, Konkordante), Wohl denen (Bruns),wie gesegnet (das jüdische neue Testament), Heil denen (Pfäfflin) wiedergeben - die Neue-Welt-Übersetzung der Wachtturm-Gesellschaft übersetzt das Wort mit ‚glücklich‘ -, hat gemäß dem ‚The complete Wordstudy Dictionary – New Testament‘ folgende Bedeutungsinhalte: ‚gesegnet, die Gunst Gottes besitzend, jener Zustand, der durch die Fülle von Gott her gekennzeichnet ist. Es deutet den Zustand des Gläubigen in Christus an.... Makarios unterscheidet sich von dem Wort ‚glücklich‘ in der Weise, dass eine Person glücklich ist, wenn sie Glück hat (von einer Wortwurzel, die Glück als günstige Umstände deutet); makarios zu sein, gesegnet, ist gleichwertig der Aussage, Gottes Königreich im Herzen zu haben‘

Das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament von Gerhard Kittel sagt zu ‚makarios‘: ‚.... makarios.... hat im Neuen Testament die Besonderheit daran, dass sie ganz überwiegend auf die einzigartige religiöse Freude bezogen ist, die dem Menschen aus dem Teilhaben am Heil des Reiches Gottes erwächst. .... Die...Seligpreisungen nennen Menschen, deren Gesinnung inhaltlich dem höheren Gesetz des Reiches Gottes entspricht ‘.

Demnach sind diese Seligpreisungen auf Menschen in ihrer Beziehung zu Gott bezogen, nicht allein auf ihre persönlichen Verhältnisse und aktuellen Situationen. Und es ist ja zutreffend, wie wir im einzelnen noch sehen werden, dass Menschen, die trauern oder nach Gerechtigkeit trachten, keineswegs stets getröstet oder zufriedengestellt werden. Die Wirklichkeit beweist eher das Gegenteil. Betrachten wir also die Texte im einzelnen!

Obwohl Jesus vor vielen Menschen redete, geht aus dem Text hervor, dass er hier besonders seine Jünger ansprach; sie traten zu ihm, und er lehrte sie (Matthäus 5:1-2).Das erste, was er ihnen sagte, war:

Selig sind die geistlich Armen .......(Matthäus 5:3)

Dass es hier nicht um materiell Arme geht, braucht nicht besonders erwähnt zu werden; Jesus hat materiellen Besitz nie verurteilt, sondern allenfalls die Art, wie man ihn verwendet und wie man zu ihm eingestellt ist. Doch wie ist der Ausdruck ‚geistlich Arme zu verstehen? Ist es ein Verdienst, unwissend zu sein? Keineswegs!

Die Neue-Welt-Übersetzung von Jehovas Zeugen gibt – in deutscher Übersetzung – den Text wie folgt wieder: ‚Glücklich sind die, die sich ihrer geistigen Bedürfnisse bewusst sind‘.. Doch diese Wiedergabe geht am Kern des Satzes vorbei; das Wort ‚Arme‘ oder ‚arm‘ wird völlig fallen gelassen, umgangen. Ein jeder, der kulturelle Bedürfnisse hat, würde unter diesen Satz fallen, denn kulturelle Bedürfnisse sind geistige Bedürfnisse. Sollten aber ‚geistliche‘, das heißt religiöse Bedürfnisse gemeint sein, dann würde damit gesagt, dass jemand glücklich zu nennen ist, der solche Bedürfnisse entwickelt. Das scheint mir ein ‚Wink mit dem Zaunpfahl‘, denn Jehovas Zeugen wird der Gedanke vermittelt, dass ihre Organisationsleitung sie mit regelmäßiger geistiger Speise zur rechten Zeit versorgt, und wer danach kein Bedürfnis empfindet, ist nicht glücklich zu nennen. Wie bist du eingestellt?

Dass diese Wiedergabe nicht korrekt – wenn nicht gar tendenziös – ist, zeigt sich in der englischen Neuen-Welt-Übersetzung, nämlich in der Interlinear-Ausgabe. Während in der rechten Spalte – im geläufigen englischen Text – die gleiche Übersetzung zu finden ist wie in der deutschen Ausgabe, sagt die Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Griechischen in der Zwischenzeile: ‚Glücklich die Armen in Bezug auf den Geist ...‘. Warum lässt man also das Wort ‚Arme‘ im laufenden Text aus? Ich kann nur vermuten, dass man den Gläubigen ein positives Gefühl vermitteln wollte, da sie ja zu denen gehören, die ihre geistigen Bedürfnisse erkannt haben – also besser sind als die so ungeistigen Weltmenschen -, aber man wollte (oder konnte?) ihnen wohl nicht erklären, dass sie ihre geistliche Armut erkennen müssten.

Das ist hier nämlich der Kernpunkt. Die Übersetzung von Jörg Zink gibt den Text wie folgt wieder: ‚Selig sind, die arm sind vor Gott‘; diese Wiedergabe ist zwar frei, trifft aber den Punkt. Die geistliche Armut,, die es zu erkennen gilt, ist die Armut vor Gott. Der Kommentator Lenski schreibt, dass das Wort sogar den Sinn von ‚bettelarm‘ habe. Dabei fällt mir das Gleichnis Jesu vom Pharisäer und dem Zöllner ein (Lukas 18:9-14). Der erstere erkannte sich gewiss nicht als ‚geistlich arm vor Gott‘; er hielt sich für ‚wohlhabend‘ vor Gott und führte alle seine ‚Besitztümer‘ an; er rühmte sich vor Gott. Jesus sagte nicht, er habe gelogen; nein, er hatte gewiss all das getan, was er da anführte. Er sah seine Leistungen, jedoch n u r seine Leistungen; er sah nicht sein Versagen, seine Unreinheit, seine Verlorenheit vor Gott. Der Zöllner sah nur diese; er fand selbst nichts Gutes mehr an sich; er erkannte sein Bedürfnis nach göttlicher Gnade, erkannte sich als arm im Geiste. Das Urteil Jesu ist bekannt.

Jesus sprach seine Worte gezielt zu seinen Jüngern; als eine Botschaft für Menschen, die sich zu Christus bekennen. Man wird nicht zum Christen, weil man die Bergpredigt schätzt; aber wer sich zu Christus bekennt, der wird diese Predigt gleichsam zu seiner Haus- und Gemeindeordnung machen, auch wenn uns dazu immer wieder viel fehlt, eben weil wir erkennen, dass wir ‚geistlich arm‘ sind.

Jesus sprach nicht von einer Armut des Intellekts oder der Vernunft, sondern er sprach von geistlicher Armut. Gott ist Geist. Um mit ihm Gemeinschaft zu haben, gab er uns auch einen Geist, einen gesunden und reinen Geist, durch den der Mensch Gemeinschaft mit ihm pflegen konnte. Doch brach die Sünde herein, und die Gemeinschaft mit Gott wurde unterbrochen. Seither ist der Mensch geistlich tot (Epheser 2:1; Kolosser 2:13; Römer 3:10-12). Paulus schildert diesen Zustand in 1.Korinther 2:14:: Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes ....! Dem adamischen Menschen ging die geistliche Beurteilungskraft verloren. Er ist geistlich arm gegenüber dem lebendigen Gott. Es fehlt ihm vieles, was der Mensch Gottes haben sollte: Gerechtigkeit, Heiligkeit, Moral, Glauben, Gottvertrauen. Für viele ist das hier Gesagte Torheit. In Wirklichkeit ist aber diese geistliche Armut unser Tod! Doch wie konnte Jesus sagen, solche Menschen wären glücklich? Die Glückseligkeit dieser Armen liegt in der Tatsache, dass sie zur Selbsterkenntnis, also zur Erkenntnis ihres Elends bezüglich ihrer Stellung vor Gott gekommen sind.

Diese Stellung vor Gott zu erkennen, ist der erste Schritt zur Hilfe. Aber das fällt vielen schwer. Der Mensch von heute ist auf seine Leistungen stolz und auf seine Unabhängigkeit. Er hat auch viel geleistet; aber es klappt nicht! Er hat den grundlegenden Fehler nicht erkannt, seine Selbstüberschätzung, unsere Trennung von Gott. Darum fordert Jesus ja auch zur Buße (Umkehr) auf, und darum sind die Menschen selig, denen ihre geistliche Armut bewusst geworden ist, und die deshalb umkehren; ‚denn ihrer ist das Himmelreich!‘ Nicht ‚es wird sein‘, sondern ‚ihrer ist‘, weil solche Menschen durch Christus Bürger dieses Reiches s i n d! (Galater 4:26; Kolosser 1:13). Und darum sind sie jetzt schon ‚selig‘ oder ‚glückselig‘ zu preisen!

Doch wie kommen wir zur Erkenntnis unserer geistlichen Armut und Elends? Durch Gottes Gnade, der uns einlädt, unser Leben im Lichte des Wortes und Willens Gottes zu sehen. Der Hochmut und die Selbstherrlichkeit des Menschen sind die größten Hindernisse. Und die menschliche Heuchelei. Diese Heuchelei wurde von Jesus an den scheinbar geistlich Reichen scharf kritisiert, doch den Demütigen schenkte er Gnade. Du magst vieles an Dir sehen, was Dir gefällt, und wir freuen uns ja auch alle über Anerkennung und Achtung. Wir sehen uns gern im besten Licht! Doch lasst uns lernen, uns mit Gottes Augen zu sehen. Vor Gott haben wir nichts vorzuweisen; wir brauchen eine Erlösung, die e r schafft. Wir können vor Gott nicht bestehen, wenn wir nicht unsere geistliche Armut erkannt haben. Doch glückselig der, welchem diese Erkenntnis gewährt wurde.

Das spricht nicht gegen gute Werke, zu denen Christen aufgefordert sind (Epheser 2:10). Aber alle unsere Werke, selbst die besten, sind keine Vorzeigewerke für Gott; wir haben Grund dankbar zu sein, dass wir sie tun dürfen. Paulus, der große Apostel, schrieb alle seine Werke Gott dem Höchsten zu. Was haben wir denn, was uns nicht gegeben worden wäre? Gott schaut auf den Geist, auf das Herz eines Menschen (Jesaja 57:15). Zu den geistlich Armen im Gleichnis Jesu von den Schafen und Böcken sagte Jesus: ‚Kommt her, Gesegnete meines Vaters, ....‘. Sie hatten ihre guten Werke nicht hinausposaunt, ja sie hatten diese nicht einmal bemerkt.

Deine Armut im Geiste wird Dir auch helfen, andere anzuerkennen, die vielleicht nicht in allen Punkten Deiner Meinung sind. Wir alle erkennen stückweise, wie Paulus in 1.Korinther 13 schreibt. Darum bleibe immer Lernender aus Gottes Wort. Vielleicht hast Du eine große Bibelkenntnis; dann freue Dich darüber, aber werde keinesfalls stolz und überheblich, denn dann würdest Du im Geist ‚aufgebläht‘ und würdest Deine richtige Stellung vor Gott nicht mehr sehen. Echte Erkenntnis bringt Dich auf die Knie, zum Danken. Wahre Erkenntnis führt zur Einsicht über unsere geistliche Armut. Je näher Dich der Heilige Geist zu Gott führt, desto überwältigter bist Du, und Du verstehst, dass Menschen aus eigener Kraft oder Weisheit Gott nicht erkennen können. Selbst die Pharisäer, welche Bibeltexte auf ihren Gewändern trugen , in den Schriften forschten und auf den Messias warteten, erkannten ihn nicht, als er kam.

Darum, wenn wir nicht alle bewusst und ernsthaft ‚arm im Geist‘ sind, wird das Himmelreich niemals unser sein. Aber selig jene, die ihre Armut im Geist vor Gott erkannt haben und demütig geworden sind im Heiligen Geist durch die Gnade Gottes. Lasst uns arm werden im Geist, indem wir erkennen, wie wir wirklich vor Gott stehen, und dass wir so, wie wir sind, nicht vor ihm bestehen können; bittet Gott, dass er uns löse von unserem Ego, und vertrauen wir auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes in Christus, denn, wie geschrieben steht, den Demütigen gibt er G n a d e zum ewigen Leben.

Selig sind die Trauernden ..... (Matthäus 5:4)

Es gibt leider unzählig viele Trauernde, Bedrückte, Leidende in der Welt. Sind sie deshalb glückselig zu preisen? Meint Jesus das? Wird darum der Text so gern bei Beerdigungen ge(miss)braucht? Und wenn sie getröstet werden sollen, ist das ein Verweis auf das ‚Jenseits‘? Ja spricht Jesus überhaupt von der allgemeinen menschlichen Trauer, von Trauerfällen, die jeden treffen können? Jedenfalls wird heute diese Vielzahl von Trauernden keineswegs getröstet. Doch was meint Jesus?

Wenn man bedenkt, dass Jesus hier seine Jünger belehrt, dann versteht man auch, dass er die Eigenschaften, die er den Seligpreisungen zu Grunde legt, nicht wahllos nebeneinander stellt. Man kann ein schrittweises oder stufenweises Voranschreiten erkennen. Zuerst müssen seine Jünger ihre Armut im Geist, ihre Armut vor Gott erkennen, feststellen, dass sie in den Augen Gottes eigentlich ‚tot in der Sünde‘ sind. Wozu führt sie diese Erkenntnis? Zu Trauer, zu tiefer Trauer, welche Menschen bewegt, die in Gemeinschaft mit Gott leben möchten. Sie sind tief traurig über ihren Zustand vor Gott.

In den Seligpreisungen spricht Jesus nicht pauschal alle Menschen an, sondern ganz bestimmte. Und hier spricht er von einer ganz bestimmten Art von Trauernden. Er spricht von einem geistlichen Trauern! Die Bibel fordert uns wiederholt zur Bekehrung auf; eine echte Bekehrung kann jedoch eigentlich nur erfolgen, wenn zuvor eine echte Trauer über den Sündenzustand des Menschen eingetreten ist, eine Trauer, die oft mit Bestürzung und Abscheu vor der eigenen Sündhaftigkeit einhergeht. Eine solche Trauer führt hin zu Christus und seinem Opfer der Versöhnung, welches Gnade bewirkt. Und damit werden diese Trauernden getröstet, hinsichtlich dieser Trauer, heute schon, wenn sie dies erkennen.

Viele Menschen geben zu, dass alle ihre Fehler haben; ‚wir sind alle kleine Sünderlein‘ wurde einmal gesungen. Aber spricht aus solchen Worten tiefe geistliche Trauer? Nein, diese Menschen haben ihr Defizit vor Gott nicht einmal erahnt, geschweige erkannt. Die Bibel spricht dagegen von ‚zerbrochenen Herzen‘ ((Jesaja 42:3; Lukas 7:38; Lukas 15:21; 18:13). Zerbrochene Herzen sind trauernde Herzen!

Gebete wie das des Pharisäers in Lukas 18 :11-12 lassen keine Traurigkeit verspüren, sondern Selbstbewusstsein, Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit. Dafür gibt es jedoch keine Seligpreisungen. Vor dem Trost der Vergebung kommt nach der Schrift immer die Erkenntnis und das Bekenntnis der eigenen Armut sowie die Traurigkeit über die Sünde.

Niemand kann in einem anderen diese gottgefällige Traurigkeit bewirken; sie entspringt einem wach gewordenen Gewissen, das dem heiligen Geist Raum gibt, an ihm zu arbeiten. Sie kommt aus der Erkenntnis, dass auch wir, wir alle, am Tode des Herrn Jesus schuldig wurden. Das wird in späteren Seligpreisungen noch deutlicher. Und diese Traurigkeit, die Gott gefällt, bewirkt Leben (2.Korinther 7:10).

Der natürliche Mensch ist normalerweise nicht traurig über sich selbst, es sei denn, er habe einen Fehler mit unangenehmen Auswirkungen gemacht. Daher kommt die gottgefällige Traurigkeit als Wirkung des heiligen Geistes. Es ist gleichsam eine ‚Trauer der Gnade‘, und sie steht zu recht weit vorn unter den Seligpreisungen. Diese Trauer muss sich nicht in einem äußerlichen Trauergehabe äußern; sie kann einfach im Herzen, in der Stille sein. Sie hindert auch nicht, sich im Leben, das Gott gibt, der vielen schönen Dinge zu freuen; Gottes Wille war es stets, dass sich seine Kinder freuen sollten. Lebensfreude steht mit dieser Gott angenehmen Traurigkeit nicht im Widerspruch. Denn, wie Jesus sagte, wer solche Trauer empfindet und erlebt hat, ist g l ü c k l i c h !

Menschen, die in dieser Art von Trauer leben, dürfen die Worte hören: Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt trägt (Johannes 1:29). Jesus sagt zu ihnen: Dir sind deine Sünden vergeben! Doch wie sollte jemand diesen Satz verstehen, dem Sünde nichts, rein nichts bedeutet? Wer seine Armut vor Gott erkannt hat und über seien Stellung als verlorener Sünder vor Gott traurig ist, der wird jubeln über dieses Wort Jesu. Andere mögen nur verständnislos den Kopf schütteln. Aber das ist ganz natürlich, denn nach der Bibel sind sie geistlich tot, während der Jubelnde geistlich lebendig geworden ist. Hier scheiden sich die Geister.

Diese Traurigkeit – es klingt widersprüchlich, ist es aber nicht – ist kein einmaliges Erlebnis, sondern ein uns stets begleitendes Empfinden und Bewusstsein, und darum dürfen wir glücklich sein. Denn wir sind trotz Bekehrung immer noch Sünder. Zwar haben wir die große Freude nach Römer 8:1, weil Gott uns die Gerechtigkeit Jesu geschenkt hat, aber die Sünde klebt immer noch an uns (Hebräer 12:1). Wie oft erschrecken wir selbst über unsere Gedanken, Worte und Werke. Wer sich in Gottes Licht sieht, wird immer wieder bestürzt sein über sein eigenes Wesen. Paulus kommentierte das mit den Worten: ‚Ich elender Mensch‘ (Römer 7:24). Das schrieb Paulus, als er schon ein erfahrener Apostel war. Er kannte das menschliche Fleisch mit seinen Schwächen und Neigungen. Doch darum dankte er dem Herrn (Römer 7:25) und kam so zu dem herrlichen Kapitel 8.

Paulus war traurig, aber seine Traurigkeit trug den Keim der Glückseligkeit in sich und war nicht die Traurigkeit der Welt ohne Christus und ohne den ewigen Gott. Kennst Du in Deinem Leben noch diese bittere und doch herrliche Traurigkeit? Oder besteht die Gefahr, sich wie die Christen zu Laodicäa als saturierte Christen einzurichten? (Offenbarung 3:17). Wenn Du diese Traurigkeit in Dir verspürst, dann sei n i c h t traurig darüber; es ist etwas Kostbares, wenn der heilige Geist in Dir wirkt, helfend, stützend, aufbauend und tröstend. Dann werden wir getröstet, weil Gott uns aus dieser Traurigkeit auch immer wieder herausruft, indem er uns erfahren lässt, was Vergebung in Christus bedeutet.

‚...sie werden getröstet werden‘; ja, diesen Trost der Vergebung in Christus dürfen wir täglich erfahren, nicht erst in einem Jenseits (Epheser 1:7).Wird nicht der heilige Geist in der Schrift ‚Tröster‘ genannt? Er ist es! Wenn wir uns sehen lernen, wie Gott uns sieht, dann macht uns das traurig; doch dann hören wir den Tröster, der uns von der Vergebung in Christus spricht. Und Gott wird, was er in Dir beginnt, auch vollenden. Der Trost liegt darin, dass Jesus nicht aufgibt; er hält seine Schafe in seiner Hand (Johannes 10:27-28 ).

Zu der Trauer, von der wir hier sprechen, gehört auch die Trauer, die Christen gelegentlich empfinden über die Verunehrung, die ihrem Herrn, Jesus Christus, im Verhalten der Menschen entgegengebracht wird. Sie empfinden wie der Psalmist in Psalm 119:158. Eine solche Einstellung kann durchaus auch in Gemeinschaften sich ausbreiten, die den Anspruch erheben, christlich zu sein; Christus wird zu einer Galionsfigur, die man bei Bedarf aus ihrer Ecke herausholt; er ist nicht mehr Mittelpunkt des Christenlebens. In dieser Weise war Jesus selbst ein Trauernder gewesen (Lukas 13:34; 19:41-42). Eine solche Ablehnung der ausgestreckten Hand Gottes lässt Christen nicht unberührt. Und wir mögen seufzen in unseren Gebeten, für Angehörige, für Freunde, für die Mitmenschen. Doch eines bleibt: ‚Selig sind die Trauernden‘, jene, welche die gottgefällige Art von Trauer verspüren! Sie werden heute schon getröstet, und das Tag für Tag, bis auch diese Trauer einmal ganz verschwinden wird.

Selig sind die Sanftmütigen .... (Matthäus 5:5)

Sanftmut gehörte in der menschlichen Ethik immer zu den als positiv eingestuften Eigenschaften, spielt aber im täglichen Leben verbal kaum eine Rolle, weil man diese Eigenschaft mit Schwäche in Verbindung bringt – zu Unrecht. Doch in einer Zeit des blanken Egoismus und eines gewissen Sozialdarwinismus scheint Sanftmut eher ein negatives Image aufzuweisen und durchaus nicht mit dem in der Bibel verheißenen Segen verbunden zu sein.

Es gibt Menschen, die von ihrer Veranlagung und ihrem Charakter her ein gewisses Maß an Sanftmut bekunden; man schätzt solche Menschen im Umgang, man kann mit ihnen reden, verhandeln. Leider werden sie von jenen, deren ideales Menschenbild der ‚Macho‘ ist, gern ausgenutzt, als Schwächlinge bezeichnet. Doch Sanftmütige sind weder schwach noch feig; es gehört Mut dazu, seine Sanftmut auszuleben. Der Hohepriester Eli war nicht sanftmütig, sondern nur feig, als er sich scheute, seine Söhne entschiedener zurechtzuweisen (1.Samuel 2:23-25); er scheute Auseinandersetzungen und ging den Weg des geringsten Widerstandes. Das tun auch heute viele Menschen; sie sind deshalb aber nicht sanftmütig.

Jesus war sanftmütig! (Matthäus 11:28-30). Aber er scheute keine Auseinandersetzung, wenn es galt, den Willen Gottes deutlich zu machen und zu vertreten. Er war in keiner Weise das, was man als Schwächling bezeichnen würde; das hat sein ganzes Leben bewiesen. Er trat stets und entschieden für Gottes Sache ein, gab aber jedem die Freiheit und das Recht, seinen eigenen Standpunkt zu wählen; er lud ein, aber er diktierte nicht.

Doch es ist nicht diese auch beim natürlichen Menschen mögliche Sanftmut, von der Jesus hier spricht. Er spricht von einer besonderen Art von Sanftmut, die in Galater 5:22 als Frucht des Geistes bezeichnet wird. Wenn ein Mensch seine Armut im Geist vor Gott erkannt hat, wenn er darüber in tiefe Trauer gekommen ist, dann verliert er die im Menschen mehr oder weniger steckende Überheblichkeit; wenn er die Liebe Gottes in der Vergebung durch Christus erkennt, wenn er die Gnade Gottes sieht, in der Wiedergeburt sein Kind geworden zu sein, dann führt das zur Demut, und dann wird der Mensch befähigt, Sanftmut auch gegen seine Mitmenschen zu entwickeln; das ist eine Sanftmut, die der Mensch nicht aus sich selbst hervorbringen kann, sondern die eine Folge der ersten beiden Stufen, Erkenntnis der geistlichen Armut und gottgemäßer Traurigkeit, sind.

Die Hoffnung des Menschen liegt also nicht in einer Selbstbesserung, in einer Selbstentwicklung. Auch eine gute Erziehung, so sehr diese zu wünschen ist, kann dazu nicht führen. Die Verhaltensweisen, die Jesus in den Seligpreisungen darstellt, entspringen der Gesinnung des Geistes (Römer 8:6). Hier hilft kein Aufruf an die Menschen, doch – bitte schön – sanftmütig zu sein. Jesus richtet seine Worte an die, welche durch Gottes Geist wiedergeboren sind (Johannes 1:12-13).

Jesus war sanftmütig, indem er sich völlig dem Willen des Vaters unterstellte, bis hin zum Tod. Die von Gott gewirkte Sanftmut äußert sich auch in der Bereitschaft, sich und sein Leben unter den Willen Gottes zu stellen. Darum lehrte Jesus uns beten: ‚Dein Wille geschehe‘. Das wird zwar von vielen Menschen gesagt, die aber, kaum, dass sie das Wort gesprochen haben, hingehen, um ihren ureigensten Willen auszuführen, ohne nach dem Willen Gottes zu fragen. Die biblische Sanftmut hilft uns, uns mit den Lebensumständen abzufinden, welche wir nicht ändern können, ohne zu einer Jammerposaune zu werden, in Trübsal zu versinken oder unser Leben in ein ständiges Aufbegehren zu verwandeln. Jesus verhieß Menschen, die sich ihm hingeben und unterstellen werden, nicht Reichtum und Sorglosigkeit, sondern dass sie Ruhe finden für ihre Seelen. Dazu verhilft diese Sanftmut.

Wie schon gesagt, wirken die von Gott kommenden Eigenschaften sich auch auf unsere Beziehungen zu den Mitmenschen aus; so auch die Sanftmut (Titus 3:1-2). Ja, diese Sanftmut hilft Christen auch, ihre Stellung zur Obrigkeit im christlichen Sinne zu sehen und zu handhaben. Paulus fordert uns auf, Sanftmut gleichsam ‚anzuziehen‘ (Kolosser 3:12).

Vielleicht betrachtest Du Dich im Spiegel des Wortes Gottes und stellst fest: ‚damit habe ich aber meine Probleme!‘ Die wirst Du haben, so lange Du lebst; denn wir haben immer noch unsere alte Natur, sind immer noch ‚Fleisch‘, und das Fleisch kämpft gegen den Geist (Galater 5:17; Römer 8:7). Aber das Neue, das von Gott kommt, wächst in uns. Uns ist Gottes Gnade geschenkt worden, Vergebung in Christus, Aufnahme in Gottes Familie, Barmherzigkeit, obwohl wir Sünder waren; so sollen und wollen auch wir mit unseren Mitmenschen geduldig und sanftmütig sein, auch mit jenen, die nicht an Christus glauben wollen, und auch in den Alltäglichkeiten des Lebens.

Politische Führer haben ihre Eroberungen stets mit Gewalt vollzogen, nie mit Sanftmut. Wo sind sie geblieben? Doch Christus hat mit Sanftmut mehr Anhänger gewonnen, mehr Jünger gefunden als alle Diktatoren. (Ich spreche hier nicht von den Taten, die ‚im Namen Christi‘ von Diktatoren und Volksverführern begangen wurden). Ich spreche hier von den Menschen, die Jesus als Herrn angenommen haben und ihn von Herzen lieben.

Die Bibel ist weiter verbreitet als jedes andere Buch, obwohl man sie immer wieder einmal versuchte, lächerlich zu machen oder gar verbot. Es gelang nicht, weil Sanftmut mehr Kraft hat als Gewalt. Christus wurde als König ‚sanftmütig‘ genannt (Matthäus 21:5). Kannst Du dich in der Geschichte an Herrscher erinnern, denen Du diese Bezeichnung zugestehen würdest? Doch seine Sanftmut erwies sich als stärker als die Gewalt all dieser in der Versenkung verschwundenen Größen der Geschichte. Jesus sagte einmal: ‚Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘; das war Sanftmut.

Wie steht es mit der Verheißung für Sanftmütige? Ist sie nicht Illusion? Besitzen eigentlich die Reichen und Mächtigen die Erde? Vordergründig ja; doch sind sie zufrieden? Nein; viele jagen nach mehr, andere sind in ständiger Sorge um Besitz und Macht, brauchen Leibwächter, leben in Angst und Bangen. Besitzen Revolutionäre und Aufrührer das Erdreich, ungeachtet ihrer Aufrichtigkeit und ihrer vielleicht ehrlich gemeinten Ziele? Betrachte die Geschichte; haben jemals solche Aktionen das Ziel, Gerechtigkeit und Frieden, erreicht? Vielleicht gab es ein Wechsel der Herrschenden, aber Gerechtigkeit, Friede?

Der Sanftmütige kann reich sein, er kann aber auch arm sein, so wie es Paulus in Philipper 4:12-13 sagt ‚ .... ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus‘. Unglückliche Erdenbesitzer gibt es viele, doch der Sanftmütige kann ein glücklicher Landbesitzer sein, auch in dieser Zeit. Aber auch wenn wir materielle Güter nur begrenzt zur Verfügung haben mögen, gehört den Kindern Gottes doch die Erde (2.Korinther 6:10). Sie können sich auch an den Dingen erfreuen, die anderen gehören, weil sie in all diesen Dingen die Werke und Gaben ihres Vaters im Himmel erkennen. Und sie haben die Verheißung Jesu, dass er ihnen eine bleibende Wohnung schaffen wird (Johannes 14:2).So wird sich die Verheißung an Sanftmütige in noch vollerem Maße erfüllen.

Jesus unterrichtet uns durch die Seligpreisungen. Folgen wir ihm nun auf die nächste Stufe.

Selig sind, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten .... (Matthäus 5:6)

Es gibt bestimmt Hunderte von Millionen Menschen auf der Erde, die sich Gerechtigkeit wünschen, denn die Ungerechtigkeit ist sehr groß. Sind es diese, von denen Jesus spricht, dass sie in diesem Verlangen gesättigt werden sollen? Nach allem, was wir bisher schon hörten, werden wir das nicht erwarten, und es ist zutreffend: wenn wir die Geschichte der Menschheit betrachten, müssen wir feststellen, dass das Gerechtigkeitsverlangen der Menschen zumeist nicht zufrieden gestellt wurde. Oft wird dieser Wunsch nach Gerechtigkeit erst dann bemerkbar, wenn jemand selbst das Opfer der Ungerechtigkeit ist. Das sagt uns auch unsere eigene Lebenserfahrung. Wovon also spricht Jesus?

Wenn ein Mensch seine geistliche Armut vor Gott erkannt hat, wenn er darüber in echte Traurigkeit geraten ist, wenn ihn das alles zur Sanftmut geleitet hat, dann verspürt er auch ein tiefes Verlangen nach Gerechtigkeit, und zwar nicht einfach nach der alltäglichen zwischenmenschlichen Gerechtigkeit, über die man sich natürlich auch freut, wenn sie sich denn zeigt, sondern nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, vor dem Gott, vor dem es keine Ungerechtigkeit gibt, vor dem heiligen Gott, vor dem kein Sünder erscheinen kann. Und der Wunsch nach dieser Gerechtigkeit ist nicht einfach nur ein Begehren, so wie man einen Gegenstand begehrt oder etwas wünscht, sondern ein Hungern und ein Dürsten.

Was Hungern und Dürsten wirklich bedeutet, das können eigentlich nur jene Menschen schildern, die schon echt gehungert und gedürstet haben; das sind immerhin auch heute noch Millionen. Die Älteren von uns mögen das noch im Krieg erlebt haben, die meisten von uns dagegen nicht. Was das Wort Jesu sagen will ist, dass das Verlangen nach dieser Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht die Stärke eines Verlangens nach üblichen Wünschen hat, sondern vergleichbar ist mit dem Empfinden, wie ein Mensch sich verzehrt, der hungert und dürstet. Dieses Hungergefühl ist so stark, dass es sogar von dem Widersacher Gottes zur Versuchung Jesu ausgenutzt wurde; er benutzte keine schwache Empfindung. Ist Dein Verlangen nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, so intensiv wie Hungern und Dürsten? Oder hast Du es noch gar nicht wahrgenommen?

Doch sagt uns die Bibel nicht, dass es vor Gott keinen gerechten Menschen gibt (Römer 3:10)? Wie sollte also ein Mensch diese Gerechtigkeit erlangen (Römer 3:21-23)? Nicht durch eigenes Bemühen und eigene Leistungen in Form von Opfern oder guten Werken (Jesaja 64:5); Gott macht sie denen zum Geschenk, die an Jesus Christus glauben (Römer 3:24). Das Blut Jesu Christi macht uns rein von jeder Sünde; durch sein Opfer sind wir geheilt und dürfen vor Gott stehen in Gerechtigkeit, in der Gerechtigkeit Jesu (2.Korinther 5:21)!

Die fehlende Gerechtigkeit vor Gott ist das Grundübel der Menschen; wem Gott jedoch die Gerechtigkeit in Christus schenkt, der darf zu recht glückselig sein! In dem besprochenen Vers spricht Jesus von Menschen, die ihre eigene Unfähigkeit, zu einer vor Gott annehmbaren Gerechtigkeit zu gelangen, erkannt haben und gerade deshalb danach hungern und dürsten. Denn eine solche Gerechtigkeit ist Voraussetzung zum Frieden mit Gott.

Wir alle haben nichts gegen Gerechtigkeit im Alltag, gegen soziale Gerechtigkeit, Lohngerechtigkeit und Gerechtigkeit in der Justiz. Aber Jesus spricht hier von geistlichen Dingen, also auch von der geistlichen Gerechtigkeit. Und es geht hier um Versöhnung, wie aus 2.Korinther 5:20 deutlich wird, um Versöhnung mit Gott. Manche Menschen weisen dies alles ab, mögen es verspotten; aber sind sie in ihrem Leben glücklich? Sie mögen es sich einreden, aber wahre Lebenserfüllung kann nicht sein ohne dass wir in der Gerechtigkeit Gottes und in Frieden mit ihm leben. Und wir alle sollten uns ständig bewusst bleiben, dass wir nur in der Gerechtigkeit Christi, in der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, wirklich leben können. Denn Jesus trug unsere Verfehlungen, damit wir Frieden hätten (Jesaja 53:5). Christus ist unsere Gerechtigkeit (1.Korinther 1:30). Die Gerechtigkeit, die Jesus hat, wird uns im Glauben geschenkt; Jesus ist die Erfüllung; durch ihn haben wir Frieden mit Gott.

Wie schon gesagt, sind Hunger und Durst elementare Kräfte, und so elementar ist das Verlangen nach der Gerechtigkeit vor Gott, wenn uns Gott in seiner Gnade zu geistlichem Leben geboren hat. Du wirst nicht erleben, dass ein Mensch, tot in der Welt (Epheser 2:1+5+12), einen solchen Hunger und Durst nach dieser Gerechtigkeit empfinden wird; er wird Dich nicht einmal verstehen! Doch Du weißt, dass Dein Leben vor Gott davon abhängt.

Geistlicher Hunger ist kein frommes Getue. Er ist wirkliches Empfinden (Psalm 42:2). Der Mensch muss essen und trinken, um zu leben; er muß Vergebung haben und Gerechtigkeit, um vor Gott zu leben!

Jesus verhieß, dass jene, die solchen Hunger und Durst bekunden, gesättigt werden sollen. Wir haben schon gesehen, dass dies durch den Opfertod Jesu, durch seine Gerechtigkeit geschehen ist. Diese gute Botschaft über den Christus lässt uns nicht mehr hungrig und durstig sein (Johannes 4:13-14; 7:38 ). Das heißt nicht, dass nicht auch Christen ihre Probleme haben, dass sie immer wieder einmal auch ein Tief haben, bedrückt sein können, ja sogar von dem inneren Quell abgelenkt sein könnten; aber sie laufen dann nicht vagen Ersatzzielen nach oder verbleiben im Frust, sondern finden immer wieder zu diesem Wasserquell zurück. Die Freude am Herrn ist unsere Stärke, ja bis hin zu unserer Todesstunde (Philipper 1:23).Die äußeren Lebensumstände können vielleicht die Oberfläche unseres ‚Lebensmeeres‘ kräuseln lassen oder sogar aufwühlen, aber sie können nicht die Glückseligkeit der Kinder Gottes, ihre innere Ruhe und ihren inneren Frieden hinwegnehmen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten, denn sie haben ihren Herrn gefunden (Offenbarung 7:16-17).

Warum dürfen wir glückselig sein über die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die in Christus ist? Weil sie Vergebung der Schuld bewirkt! Niemand kann dieser Schuld entfliehen, niemand kann mit einem bösen Gewissen glücklich leben; natürlich kann man sein Gewissen verhärten, wie mit einem Brenneisen unempfindlich machen, aber froh werden kann der Mensch dadurch nicht, und er kann dadurch auch nicht vor Gott bestehen.

Darum nochmals die Frage: hungerst Du und dürstest Du nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt? Dann sei glückselig, denn Du kannst vor Gott gerecht sein! Gott hat die Möglichkeit dazu geschaffen, indem er seinen Sohn die Schuld – Deine und meine – tragen ließ, und uns in das Gewand der Gerechtigkeit seines Sohnes hüllte. Jesus bezahlte die Schuld; er hat sie gesühnt. Kein Ankläger kann sie noch einmal einfordern. Alle Forderungen eines gerechten Richters sind erfüllt!

Jesus ist unsere Gerechtigkeit geworden; und das ist keine Einbildung; unsere Schulden sind uns geschenkt; Du selbst brauchst, ja Du kannst nichts dazu beitragen; Jesus hat alles getan; das ist die Botschaft des Reiches Gottes (Matthäus 18: 23-27); das macht aber auch das Folgende verständlich: wenn nur die von Jesus vermittelte Gerechtigkeit vor Gott gilt, dann kann auch niemand zum Vater kommen außer durch i h n (Johannes 14:6). Und durch ihn darfst Du vor Gott stehen! Dein Hunger und Dein Durst nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, sind gesättigt! Darum darfst Du glückselig sein!

Selig sind die Barmherzigen .... (Matthäus 5:7)

Es gibt viele barmherzige Menschen auf der Welt; sie tun sehr viel Gutes, und das soll hier ausdrücklich anerkannt werden. Doch die hier zu stellende Frage lautet: spricht Jesus von ihnen in dem zitierten Wort?

Wir haben schon gesehen, dass die Seligpreisungen wie eine Stufenfolge ineinander greifen und dass es sich bei allen um geistliche Dinge in Bezug auf Gott handelt. Auch hier wird dieser Zusammenhang deutlich, wenn auch natürlich die Barmherzigkeit – ähnlich wie die Sanftmut – sich besonders auswirkt in zwischenmenschlichen Verhaltensweisen und sozialen Beziehungen.

Wenn ein Mensch seine geistige Armut vor Gott erkannt hat und darüber in Traurigkeit geraten ist, dann führt ihn diese Erkenntnis zur Sanftmut und zu einem Hunger nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Wenn ihm diese dann in göttlicher Barmherzigkeit in Christus geschenkt wird, dann wird auch er durch den Geist Gottes in die Lage versetzt, echte göttliche Barmherzigkeit zu üben, unabhängig von seiner menschlichen Veranlagung und charakterlichen Neigung. Daher sollten wir diese Gabe wie auch alle Seligpreisungen nicht als Verdienstkatalog ansehen, dessen wir uns rühmen könnten. In keiner Weise! Sei barmherzig, dann wirst Du belohnt? Das wäre ja wieder Leistungsdenken!

Gottes Wort muss geistlich beurteilt werden (1.Korinther 2:14). Das gilt auch für die Seligpreisungen. Jesus spricht da nicht von allgemein menschlichen Tugenden, sondern von den Früchten, die Gottes Geist in Menschen wirkt. So sprachen wir von einer Armut im Geiste, von einer von Gott gewirkten Traurigkeit, von einer Sanftmut als Frucht des Geistes, von einer Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Das trifft auch zu für die noch ausstehenden Seligpreisungen, denn die Bergpredigt kommt aus einer geistlichen Welt.

Die Barmherzigen, von denen hier gesprochen wird, sind Menschen, in denen Gott bereits viel gewirkt hat. Sie sind schon einige ‚Stufen‘ hinaufgeführt worden im Licht zunehmender Gotteserkenntnis. Die Seligpreisungen zeigen das Verhalten von Menschen als Ergebnis und Frucht ihrer Rettung in Christus. Paulus sagte einmal von sich: ‚durch seine Gnade bin ich, was ich bin‘ (1.Korinther 15:10). Er war ein geistlicher Mensch geworden.

Denken wir nochmals an die Stufen! Wenn Jesu Gnade in Dein Herz einkehrt, erkennst Du zuerst Deine geistliche Armut. Dann verspürst Du Traurigkeit über Deinen Mangel vor Gott, über Deine Sünde. Das führt Dich zur Sanftmut, beendet Deine Selbstgerechtigkeit und Selbstgewissheit. Dieses wiederum weckt in Dir Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Nun wirkt sich alles auch auf Dein Verhalten zu Deinem Nächsten aus. Du lernst Barmherzigkeit. Das ist nicht menschliches Mitleid und Hilfsbereitschaft, sondern eine Widerspiegelung der Barmherzigkeit Gottes. Sie kommt vom heiligen Geist. Diese Art von Barmherzigkeit wollen wir üben, sie soll der Maßstab sein, nicht unser Ansehen noch das Verhalten unseres Nächsten. Wir wollen barmherzig handeln um Jesu willen, aus Liebe und Dankbarkeit zu ihm!

Unsere Barmherzigkeit muss aus einer höheren Quelle kommen als aus uns selbst, aus unserer Veranlagung. Denn unsere eigenen guten Eigenschaften, so froh wir auch darüber sind, halten in aller Regel nicht weit aus, wenn die Verhältnisse schwierig werden. Doch kommt die Barmherzigkeit aus Gottes Geist, dann hat sie Kraft und Dauer. Wir sehen so viel Böses in den Medien, dass selbst unsere menschliche Barmherzigkeit abgestumpft wird; doch die Barmherzigkeit, die von Gott kommt, bleibt in uns wirksam und bewegt unser Handeln.

Gottes Barmherzigkeit ist keine Emotion, sie kommt nicht aus bloßen Gefühlsregungen, sondern durch den heiligen Geist. Sie gehört zu Gottes Wesen! Darum können Menschen in ihr glückselig werden. Sie erinnert an Jesu Wort: ‚Geben ist seliger denn Nehmen‘ (Apostelgeschichte 20:35). Gottes Barmherzigkeit kennt auch keine Bedingungen, die menschliche dagegen häufig. Alles, was wir von Gott erhalten haben, geschah aus Gnade, aus reiner Barmherzigkeit. Und wenn sein Geist in unseren Herzen ist, dann bewegt er uns zu ähnlichem Handeln, weil er uns stets bewusst macht, dass wir eine viel größere Barmherzigkeit, einen viel größeren Schuldenerlass empfangen haben als wir je weitergeben könnten. Jesus hat den Tod auf sich genommen für einen jeden von uns; das dürfen wir nie vergessen. Wir leben aus der Barmherzigkeit. Und welche Unehre mögen wir darüber hinaus auf Gottes Namen gebracht haben? Was wir vergeben können, und alle Barmherzigkeit, die wir gewähren können, sind im Vergleich dazu gering. Vergleiche Dich nicht mit Deinem Nachbarn oder Nächsten, sondern mit dem, was Gott in Jesus für Dich getan hat. Wir möchten nicht sein wie der unbarmherzige Knecht in Matthäus 18:23-35. Wir dürfen barmherzig sein, weil uns schon eine so viel größere Barmherzigkeit widerfahren ist, und nicht, weil einer etwa Barmherzigkeit v e r d i e n t! Das ist ein Widerspruch in sich! Dann bleibt auch keine Bitterkeit, wenn Menschen auf Barmherzigkeit nicht so, wie wir es vielleicht erwarten, reagieren.

Möchtest Du Dich seelisch aufbauen, stärken? Jesus sagt: ‚glückselig sind die Barmherzigen‘, jene, die ihren Mitmenschen Barmherzigkeit erweisen. Wir sprechen im Alltag oft von unseren Enttäuschungen, Verletzungen, Ärgernissen; wir sprechen zu wenig von der Freude, barmherzig sein zu können. Es mag sein, dass wir Opfer von Menschen wurden; doch das Wissen um Gottes Barmherzigkeit uns gegenüber hilft uns, auch darüber hinwegzukommen...

Wir können Gott um all diese Dinge bitten: um Erkenntnis unserer geistlichen Armut, um gottgemäße Traurigkeit, um Sanftmut als Wirkung des heiligen Geistes und auch um eine Barmherzigkeit, die über das menschliche Maß hinausgeht. Wenn Du sie empfängst, dann darfst Du Dich glückselig bezeichnen. Fange einfach an: schaue auf Jesus (Hebräer 12:2) und sei barmherzig!

Selig sind, die reinen Herzens sind .... (Matthäus 5:8 )

Die Bibel spricht viel vom menschlichen Herzen. Sie sagt zum Beispiel, dass man Gott von ganzem Herzen lieben soll (Markus 12:30), dass man alles von Herzen tun soll (Kolosser 3:23) und vieles andere mehr, in Hunderten von Stellen, und es wäre interessant, alle diese Stellen in einer Konkordanz einmal durchzulesen; doch eines sagt sie nicht: dass der Mensch von Natur aus ein reines und gutes Herz habe. Sie ist vielmehr in Bezug auf das Herz sehr realistisch, nennt es böse, trügerisch, unverständig, verfinstert (1.Mose 8:21; Römer 1:2, Jeremia 17:9).

Auch Jesus erklärte, dass die schlechten Dinge aus dem Herzen des Menschen kommen (Markus 7:21-23). Wie sollte es auch anders sein, wie sollte der Mensch ein reines Herz haben, wenn er selbst doch als unrein bezeichnet wird? Schon Hiob erkannte das (Hiob 14:4; 25:4). Darum betete David schon in alten Tagen um ein reines Herz (Psalm 51:12). Manche mögen sich für rein halten (Sprüche 30:12), doch die Bibel sieht uns nicht so. Dennoch spricht sie auch von reinen Herzen, wie zum Beispiel in 1.Timotheus 1:5 und 2.Timotheus 2:22, wo sie von Liebe aus reinem Herzen und vom Anrufen des Herrn aus reinem Herzen spricht. Wie kann das aber möglich sein? Wie können wir reinen Herzens sein?

Nicht aus uns selbst, sondern nur, wenn Gott sein Wort an uns wahr macht und uns ein neues Herz gibt (Hesekiel 36:26-27; Jeremia 31:33-34). Darum legte Gott schon immer nicht Wert auf die äußeren Opfer, Feste und ‚Gottesdienste‘, selbst wenn sie dem Gesetz entsprachen, sondern auf das Herz und auf den Geist, der Gott sucht (Joel 2:13; Amos 5:21-24; 5:4+6). Durch das Blut Jesu Christi werden auch unsere Herzen gereinigt, als Gottes Kinder sind wir in dem vom Herrn vermittelten neuen Bund, und durch ihn erhalten wir ein neues, reines, vom Geist geleitetes Herz, auch wenn unsere alte Natur immer noch in uns opponiert.

Unser menschliches Herz ist blind; es lässt sich leiten von Wünschen, Neigungen und Begierden. Es kann nicht Gott schauen. Doch wenn wir unsere geistige Armut erkannt haben, darüber in Traurigkeit geraten sind, wenn diese Traurigkeit uns zur Sanftmut führte, wenn wir hungrig wurden nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, wenn Gott uns durch seine Barmherzigkeit barmherzig werden lässt, dann gibt er uns ein reines, vom Blut Jesu gereinigtes Herz. Und dann, so sagt es Jesus, werden wir Gott schauen.

Als der erste Mensch – Gagarin – einen kleinen Sprung ins All machte, äußerte er danach, er habe Gott nicht gesehen. Man könnte zu dieser törichten Äußerung sagen: ‚kein Wunder, er hatte kein reines Herz‘. Gewiss, Jesus sprach hier auch von künftigen Dingen; aber auch heute schon können von Gottes Geist geleitete Menschen Gott schauen in allem, was er getan hat und tut (Psalm 19:1-4; Römer 1:20).

Wovon hat das Blut Jesu denn unser Herz reinigen müssen? Von vielem! Zum Beispiel von Täuschung und Selbsttäuschung! Eine der Hauptanklagen Jesu gegen die Frommen seiner Zeit war die Anklage der Heuchelei. Dann von unserem verkehrten Denken. Jesus zeigte in der Bergpredigt, dass Menschen schon durch ihr Denken die Gebote Gottes übertreten, nicht erst durch ihr Tun; das Denken geht voraus, die Gesinnung prägt das Denken. Wir sind oft unfähig, uns ehrlich unter die Lupe zu nehmen; darum betete schon der Psalmist zu Gott: prüfe mein Herz .... prüfe mich (Psalm 139:23-24).

Ein reines Herz kann uns nur Gott geben; wir erhalten es nicht durch religiöse Riten noch durch religiöse Leistung. Das Herz muss ja gereinigt werden, und da kommen wir selbst nicht heran. Sollten wir das meinen, dann wären wir der Selbsttäuschung schon wieder zum Opfer gefallen. Doch wir können, wie David, Gott darum bitten, und er lässt sich erbitten (Matthäus 7:7-11).

Gott gibt Dir ein reines Herz, denn nur so kann Christus in Dir leben (Galater 2:20). Jesus hat uns gleichsam grundgereinigt; aber wir sind immer noch Sünder, leben in dieser Welt. So wie man mit einem einmaligen Waschen nicht für immer sauber bleibt, sind auch wir, vom Blut Jesu gereinigt, nicht plötzlich sündenlos. Wir straucheln immer wieder; diese Erfahrung hast Du sicher gemacht. Jesus hat uns gereinigt, wir sind wiedergeboren als Gottes Kinder, aber wir werden in diesem Leben immer wieder verunreinigt, so wie auch die Reisenden in der Antike immer wieder ihre Füße reinigen mussten, wenn sie auf den dortigen Straßen wanderten (Johannes 13:5-10). So bedürfen auch wir immer wieder der Vergebung, der Reinigung, aber Jesus wohnt in unseren von Gott gegebenen reinen Herzen. Es ist ein Trost zu wissen, dass unser Herr uns in seiner Liebe immer wieder reinigt im Glauben, so dass wir ihn schauen können. Darum lasst uns unsere reinen Herzen mit seiner Hilfe bewahren (Sprüche 4:23).

Selig sind die Friedfertigen .... (Matthäus 5:9)

Wenn man sich umhört oder den Medien traut, so möchten eigentlich (fast) alle Menschen Frieden. Sind sie deshalb schon friedfertig oder gar schon Kinder Gottes? Manche Menschen haben auch von Natur aus eine gewisse Friedfertigkeit in ihrem Charakter, etwas, was ihre Mitmenschen sicher schätzen. Es gibt auch zahlreiche Menschen, die sich um Frieden bemühen, sich für ihn einsetzen, sei es im zwischenmenschlichen Bereich oder selbst in der ‚großen Politik‘. Man muss das anerkennen und respektieren, denn wir alle haben Nutzen von solchen Anstrengungen, weil ja auch wir, so weit möglich, in Frieden leben wollen (1.Timotheus 2:2). Doch spricht Jesus hier von solchen Menschen? Meint die Bibel diese Bestrebungen, wenn sie davon spricht, dass Christen dem Frieden nachjagen sollen (1.Petrus 3:11)?

Jesus hat uns bis hierher das Werk der Gnade Gottes, das er durch seinen Geist bewirkt, geschildert. Er hat uns zur Erkenntnis unserer geistlichen Armut geführt, zur Traurigkeit über unsere Sündhaftigkeit, dann zur Sanftmut angesichts dieser Erkenntnis, er weckte in uns den Hunger nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; er lehrte uns echte Barmherzigkeit und schenkte uns ein reines Herz. Einige dieser Seligpreisungen betreffen zunächst das eigene Leben, einige führen weiter zu einem geänderten Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Und nun zeigt er uns, dass er auch Frieden gibt (Johannes 14:27). Allerdings einen Frieden, nicht wie die Welt ihn gibt. Warum kann er das? Weil er selbst unser Friede ist! (Epheser 2:14); durch ihn haben wir Frieden mit Gott (Römer 5:1).

Er gibt einen Frieden, nicht wie die Welt. Was heißt das? Der Frieden, den die Welt gibt, ist nicht zuverlässig. Das erleben wir täglich Wie viele Verträge, wie viele Vertragsbrüche! Daher herrscht Misstrauen und Gewalt; menschlicher Friede geht nicht tief. Man kann nicht auf ihn bauen. Doch Gott gibt echten Frieden, einen Frieden, den uns niemand, selbst bei schlimmsten äußeren Verhältnissen, nehmen kann.

In der Welt herrscht Unfriede, denn sie hat keinen Frieden mit Gott. Der Unfriede reicht bis in die engsten familiären Bindungen, weil auch bei den Menschen fast immer der Friede mit Gott fehlt; allerdings weiß auch die Bibel, dass selbst Christen nicht Frieden herbeiführen können; sie können lediglich das Ihre dazu tun, können dem Frieden nachjagen, Friedensstifter sein wollen (Römer 12:18 ). Ganz klar sagt die Bibel: Gottlose haben keinen Frieden (Jesaja 48:22). Viele Menschen sind deshalb schon gewohnt, von Frieden zu sprechen, wenn lediglich kein Kriegszustand mehr besteht. Aber das ist nicht der biblische Friede. Nur Abwesenheit von Krieg ist kein Friede! Und man spricht neuerdings von ‚Schritten in die richtige Richtung‘, weil man vom Erreichen von Zielen nicht mehr zu sprechen wagt.

Die wichtige Botschaft zum Frieden wäre: ‚lasst euch versöhnen mit Gott‘ (2.Korinther 5:20). Nur aus dem Frieden mit Gott erwächst uns die Kraft, friedfertig zu werden, auch gegenüber unserem Nächsten. Die Versöhnung mit Gott hat Jesus bewirkt (Kolosser 1:20). Wir brauchen sie nur anzunehmen, als Gabe und Geschenk des Vaters im Himmel. Dieser Friede mit Gott bedeutet Rettung, neues Leben. Das können menschliche Fachleute, Ärzte oder Psychotherapeuten, nicht bewirken. Dieser Friede war angesprochen, wenn sich Christen begrüßten: Friede sei mit Dir! Auch Jesus grüßte so.

Dieser Friede bewirkt in Christen Friedfertigkeit. Sie ist eine Wirkung der Gnade Gottes.. Du kannst sie nicht selbst hervorbringen. Keine Eigenleistung! Doch schaue auf den Herrn, und er wird sie Dir schenken, wenn Du dich nach diesem echten Frieden sehnst, der auf der Versöhnung mit Gott beruht. Dann hast Du auch Frieden mit Dir selbst, kannst Dich selbst annehmen mit allen Fehlern und Schwächen. Das Leben ist nicht einfach; aber Du machst Dich nicht mehr kaputt, ruinierst nicht mehr Deine Nerven, bist nicht ständig innerlich unzufrieden: Du hast Frieden im Herrn, und deshalb bist Du friedfertig, auch gegen Dich selbst. Und natürlich auch anderen gegenüber! Und wenn Dein alter Mensch aufmuckt, wenn Du in Panik zu geraten drohst, dann blicke auf den Herrn und gedenke seiner Worte (Hebräer 13:5).

Und welch herrliche Zusage: sie werden Kinder Gottes heißen! Sind denn nicht alle Menschen seine Kinder? Nein, durchaus nicht! Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, aber die Kindschaft verloren wir in Eden, und heute können wir nur Kinder Gottes werden in Christus (Johannes 1:12-13). Jesus sprach sogar von den Kindern des Teufels (Johannes 8:44). Christen werden als Kinder Gottes ‚wiedergeboren‘ (Titus 3:5; 1.Petrus 1:3+23; 1.Johannes 3:1).

Und Gotteskinder kennen den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft (Philipper 4:7). Durch Gottes Geist haben sie Frieden und haben nun auch Friedfertigkeit, weil dieser Friede in ihnen regiert. Das ist unumgänglich, wenn Christus in unseren Herzen wohnt (Galater 2:20).

Nochmals: nicht alle Menschen sind Gottes Kinder (Johannes 8:42+47), aber allen steht der Weg offen, es zu werden. Die Bibel spricht von Kindern Gottes und von Kindern des Bösen; Jesus sagte: ‚an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen‘ (Matthäus 7:16+20). Die Bibel spricht auch von den Kindern des Zorns (Epheser 2:3). Es ist nicht bösartig oder überheblich, sondern nur realistisch zu sagen: es gibt Kinder des Lichts und Kinder der Finsternis. Aber jeder kann in das Licht kommen, kann ein Kind des Lichts werden. Jeder kann auch ein Kind Gottes in Christus Jesus werden: durch Glauben (Galater 3:26). Dazu kannst Du Dich nicht selbst erklären; doch Gottes Geist wird es Dir bezeugen (Römer 8:16). Und dieses Geschenk Gottes bewirkt Friedfertigkeit.

Weil Du ein Kind Gottes bist, tritt auch eine Änderung in Deiner Einstellung zu anderen ein, eine Haltung des Wohlwollens, des Gutgesinntseins. Dein Friede macht Deinen Geist friedfertig. Du hast den Wunsch, Menschen miteinander zu versöhnen, was eine Folge der Versöhnung mit Gott ist. Wir suchen Frieden! Allerdings und natürlich nicht auf Kosten der Wahrheit! Friedfertigkeit bedeutet nicht Feigheit oder Unaufrichtigkeit. Friede ohne Wahrheit ist kein Friede. Manchmal mag die friedfertige Botschaft Deines Glaubens sogar Unfrieden erzeugen. Das ging auch Jesus so. Aber das ist die Auswirkung der Botschaft in den Herzen der Menschen; das ändert nichts an Deiner Friedfertigkeit. Darum sagt Jakobus: ‚die Weisheit von oben ist zuerst lauter, dann friedfertig ... (Jakobus 3:17).

Wenn Du Gottes Kind werden willst, gehe diesen Weg der Seligpreisungen, den Weg der Gnade Gottes in Christus. Nun bleibt uns noch eine Stufe zu besprechen.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erleiden .... .Selig seid ihr, wenn man euch um meinetwillen schmäht und verfolgt .... (Matthäus 5:10-11)

Wir kommen an das Ende der Seligpreisungen, und wie zu einem nachdrücklichen, ja zu einem krönenden Schluss der ganzen Folge wird diese Seligpreisung zweifach hervorgehoben. Verfolgung ist in dieser Welt leider fast überall in irgend einer Form zu finden; viele glauben sich dann auch wegen ihrer ‚gerechten Sache‘ ‚um der Gerechtigkeit willen‘ verfolgt. Doch spricht Jesus davon? Von Dingen und Ansichten, die jemand für gerecht halten mag und für die er sich einsetzt? Wir haben bereits gesehen, dass Jesus von der Gerechtigkeit spricht, die vor Gott gilt; was Verfolgung betrifft, macht er es in den obigen Versen noch deutlicher; unmissverständlich: sagt er: .... um meinetwillen‘! Es gibt auch ein Leiden, das rechtens genannt werden muss; Petrus spricht davon in 1.Petrus 4:15 und wünscht, dass kein Christ so leiden müsse; leidet er aber als Christ, das heißt um Christi willen, um seines Glaubens an Christus willen, dann ehre er Gott! (Vers 16).

Dass Christen Verfolgung zu erwarten haben um ihres Glaubens willen, das ist das einhellige Zeugnis der ganzen Schrift; nur müssen wir daran denken, dass wir bei dem Wort ‚Verfolgung‘ nicht gleich an Löwengruben und Hinrichtungen denken müssen; Verfolgung um Christi willen kann sehr subtil beginnen und sich bis zur Lebensgefahr steigern, damals wie heute. Zwar kann der christliche Glaube auch gute Ergebnisse im Alltag hervorbringen, weil Menschen unsere Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit usw. erkennen. Das ist auch ein gutes Zeugnis für unseren Herrn. Aber dennoch bleibt bestehen: ‚wir müssen durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen‘ (Apostelgeschichte 14:22). Paulus bestätigt das ebenso in 2.Timotheus 3:12 und in 1.Thessalonicher 3:3!

Spott, Schmähungen, als Narren in Christo angesehen werden, als Toren, aber auch Familienzwistigkeiten aus Glaubensgründen, Verlust von oder Zurücksetzung bei Arbeitsplätzen, Mobbing – es gibt unzählige Formen von ‚Verfolgung‘; doch solche Dinge widerfahren auch anderen Menschen; der Unterschied muss sein: ‚um Christi willen ..‘!. Doch wenn dem so ist, dann brauchen wir nicht empört zu sein; Jesus nennt uns selig und fordert uns auf, uns darüber zu freuen. ‚Um Christi willen‘ ist die einzige Art von Verfolgung, über die man sich freuen kann! Ich weiß, aus menschlicher Kraft kann man das nicht; es ist eine gleichsam unmenschliche Zumutung, aber es ist eine geistliche Zumutung, die wir auch im und durch den Geist verwirklichen können. Dabei muss man daran denken, dass diese Art von ‚Verfolgung' von Anfang unseres christlichen Laufes an sich schon zeigen kann, nicht erst am Ende der von uns besprochenen Stufen. Hier wird jeder seine individuellen Erfahrungen machen. Doch hier offenbaren sich auch die Kräfte der Kinder Gottes, die sie von oben erhalten, und von denen Jesus immer wieder spricht. Denn durch diese Kräfte haben wir reine Herzen, Frieden mit Gott, Versöhnung. Wenn wir aus eigener Kraft versuchen, Verfolgung zu bestehen, dann mag uns diese eigene Kraft bald verlassen; doch wenn wir auf Gottes Geist vertrauen, wird Jesus in uns das Ausharren bewirken.

Selbst in den schlimmsten Situationen bleibt Christen die tiefe innere Freude an Gott, so wie einem Paulus in Philippi (Apostelgeschichte 16:22-25). Paulus und Silas wussten um das Nahesein ihres Herrn! Natürlich können Christen schwach werden, mürbe, abgekämpft und ausgelaugt; aber sie haben eine Kraftreserve, die ihnen verheißen ist: einen Schatz in irdenen Gefäßen (2.Korinther 4:7). Wenn Du schwach bist, dann ist unser Herr stark! (2.Korinther 12:9). Was immer uns widerfährt um Jesu willen: wir wissen, Jesus ist da! Wir sind nicht allein! Und wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen; aber das kann die Welt nicht verstehen. Doch Christen haben das in allen Jahrhunderten erfahren und erlebt.

Wir mögen in unserem Land kaum etwas erleben, was das große Wort ‚Verfolgung‘ verdient; dennoch – auch die kleinen Spitzen im Alltag, die wir um Jesu willen zu ertragen haben, wollen wir mit Freuden tragen; dass wir nicht schwere Verfolgungen zu erleiden haben wie unsere Brüder in manchen anderen Ländern, sollte uns Ansporn sein, aus den Worten von Paulus in 2.Korinther 4:8-10 zu lernen.

Niemand leidet gern; auch Christen sind keine Märtyrer aus Leidenschaft; als die Verfolgung in Jerusalem ausbrach, haben viele Christen die Stadt verlassen, und auch Jesus hatte schon entsprechenden Rat erteilt (Matthäus 10:23). Das ist keine Verleugnung; doch wenn es darauf ankommt, wollen wir unseren Herrn bekennen. Und in all dem wird unser Glaube bewährt (1.Petrus 1:7). Nicht ohne Grund werden Christen in der Bibel immer wieder ‚Überwinder‘ genannt, besonders in den Briefen Jesu an die Versammlungen in Offenbarung 2 und 3.

Wie wir als Christen auf Anfeindungen reagieren, das ist uns von der Schrift gezeigt: segnen, dulden, freundlich bleiben (1.Korinther 4:12-13), und wie die ersten Christen erfahren wir, dass es eine Ehre ist, für Christus zu leiden (Apostelgeschichte 5:41). Doch erinnern wir uns daran: ‚...um Christi willen‘! Es kann geschehen, dass wir durch Übereifer, Ungeschick oder sonstige Fehler schlechte Reaktionen hervorrufen; sei dann nicht zu schnell bereit, diese Reaktionen als Verfolgung ‚um Christi willen‘ zu definieren. Wenn man über Dich reden mag, dann prüfe, ob es sich wirklich um Verleumdung ‚um Christi willen‘ handelt, oder ob wir als Menschen Ursache zum Gerede gegeben haben mögen.

Suche auch nicht die Anerkennung der Welt (Johannes 15:19). Verfolgung, was auch immer sie beinhalten mag, bleibt ein Merkmal des Christseins! Aber keine von Christen provozierte Verfolgung sollte es sein! Dessen ungeachtet wollen wir stets unseren Herrn bekennen; unsere Mitmenschen sollten wissen, dass wir Christen sind; das heißt, dass wir stets bereit sind, ihnen die gute Botschaft Gottes zu vermitteln, aber nicht, dass wir sie ihnen aufdrängen oder gar um die Ohren schlagen müssten. ‚Bitten an Christi statt‘, so hat Paulus an die Korinther geschrieben. Und laßt uns für alle gläubigen Christen beten, die in größeren Verfolgungen ausharren müssen als wir hier und heute.

Abschluss

Ich habe versucht, hier einige Gedanken zu den Seligpreisungen Jesu zusammenzufassen; sie sind weder vollständig noch dogmatisch, sondern als Anregung gedacht, sich selbst mit diesen Worten Jesu zu befassen, auseinanderzusetzen, sich darin zu vertiefen und sie als Leitlinien im christlichen Alltag und im Leben anzuwenden, so wie auch ich mich bemühe, das zu tun. Lassen wir, als Lichter in der Welt, doch das Licht Jesu leuchten (Matthäus 5:14-16) und möge unser Herr Jesus uns dabei in unserem Tun und unserem Wandel durch seinen Geist beistehen zur Ehre unseres Vaters im Himmel!

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#23 von Jurek , 04.10.2009 15:32

Ein Vater – zwei Söhne

Eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu wird in Lukas 15:11-32 berichtet; es ist gemeinhin unter dem Namen ‘Das Gleichnis vom verlorenen Sohn’ bekannt. Wenn von Jesus gesagt wird, er habe uns den ‘Vater‘ offenbar gemacht, und dass, wer ihn gesehen habe, auch den Vater gesehen habe, dann trifft diese Aussage ganz besonders auf das genannte Gleichnis zu. Es war damals vor allem an die jüdischen Pharisäer und Schriftgelehrten gerichtet, die sich aufregten, weil Jesus sich mit Zöllnern und Sündern befasste, mit ihnen Umgang pflegte. Doch möchte ich hier betrachten, was dieses Gleichnis auch für uns als Christen zu sagen hat.

Ich denke, dass Übereinstimmung herrscht in der Auffassung, dass Jesus mit dem Vater im Gleichnis den ‘himmlischen Vater‘, also Gott meint. Dieser Vater hat zwei Söhne. Hier wurden Juden, Glieder des alten Bundesvolkes, angesprochen, die Gott und sein Gesetz kannten. Es geht an dieser Stelle also nicht an erster Stelle um Menschen, die nie etwas vom Gott der Bibel gehört hatten, sondern um Menschen, die sich zumindest durch ihren Namen – Israeliten – als Glieder seines Hauses bekannten. Heute könnte man sich darunter alle Christen vorstellen, die zumindest von Gott, von seinen Geboten, von Christus, gehört hatten, unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder nicht, und auch unabhängig davon, ob sie einer oder welcher Konfession, Kirche oder Glaubensgemeinschaft sie angehören mögen.

Gemäß dem Gleichnis teilt sich diese Familie; sie ‘zerbricht’. Der jüngere Sohn sagt: ‘Gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt, Vater’. Danach packt er seine Sachen und reist in ein fernes Land, wo er seine Habe vergeudet und verschleudert.

Der jüngere Sohn kennt den Vater, seine Gebote und Grundsätze; aber er will frei sein. Er zeigt uns den natürlichen Menschen in seinem Normalzustand, der zwar noch religiös ist, aber von einem Leben in Gott, vom Heil in Christus, von Wiedergeburt usw. nichts hält. Er will frei sein, seine Persönlichkeit in Unabhängigkeit entfalten und entwickeln, sich nicht durch Gott einengen lassen. Er nimmt zwar die Gaben Gottes an, die er bekommen hat oder bekommt – ‘gib mir’ -, aber nur zum eigenen selbstverantwortlichen Gebrauch. Allerdings muss er auch die Wahrheit des Spruches aus Jeremia 2:19 erfahren, er wie auch viele Menschen in gleicher Situation heute: ‘Erkenne doch und sieh, wie schlimm und bitter es ist, dass du den Herrn, deinen Gott, verlassen hast, und dass keine Furcht vor mir in dir ist’. Doch das geschieht nicht sofort. Zuerst versucht er, sein Leben zu ‘genießen’. Er zieht weg vom Vaterhaus, in ein ‘fernes Land’, wo man sogar die für Juden unreinen ‘Schweine’ züchtete, in ein Land ohne Hemmungen oder Beschränkungen, die von der Gottesfurcht auferlegt worden wären, eben ‘fern’ vom Vater. Er verprasste sein Gut; er dachte nicht an das Wort: ‘Und so gewiss es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht ...’ (Hebr. 9:27).

Der Mensch ist frei, sich so zu verhalten und so zu leben; doch der Vater wartet; er wartet auf die mögliche Umkehr des Sohnes. Allerdings trifft es zu, dass viele Menschen in diesem Stadium des Gleichnisses verbleiben, darin ihr Leben beschließen, fern von Gott!

Einsicht

Es gibt sicher nicht wenige Menschen, die sagen würden: ‘ich glaube auch an Gott’. Der Sohn im fernen Land glaubte auch; sein Problem war nicht Atheismus; er hatte nie an der Existenz des Vaters gezweifelt; sein Problem war, dass er ‘fern’ war von Gott, fern vom Vater!

Nun – er hatte inzwischen sein Vermögen vergeudet – kam eine große Hungerkatastrophe über jenes Land. Und er hungerte auch! Viele Menschen in der heutigen Welt hungern; ich denke jetzt hier nicht (nur) an physischen Hunger, sondern besonders auch an den geistlichen Hunger! Manche versuchen ihn einfach zu verdrängen, sogar zu leugnen, oder anderweitig zu stillen, aber viele fragen sich nach dem Sinn des Lebens, verlieren jegliche Lebensfreude, leiden an Depressionen, an seelischem Mangel. Das ist kein Wunder, denn Jesus hatte gesagt: ‘ich bin das Brot des Lebens’ (Joh. 6:35). Doch dieses Brot gab es nur im ‘Vaterhaus’. Dorthin wollte der Sohn – und mit ihm viele andere – (noch) nicht zurück. Er versuchte, eine Lösung seiner Probleme über seine früheren Freunde zu finden, und einer nahm sich auch seiner an, aber wie! Er schickte ihn, die Schweine zu hüten! Niedriger konnte er als Jude kaum fallen; und er versuchte sogar, sich vom Schweinefutter zu ernähren. Jetzt führte er ein Leben in der Einsamkeit. Ein Leben ohne Gott macht einsam! Man kann es betäuben in den verschiedensten Formen. Aber letztlich, besonders wenn es dem Ende zu geht, ist man allein. Und viele Menschen bleiben in diesem Zustand bis zum Ende ihres Lebens. Sie kehren nicht zum Vaterhaus zurück.

Das Gleichnis jedoch geht weiter, zeigt eine Möglichkeit. Der Sohn wurde einsichtig; er sagte sich: ‘ich verderbe hier vor Hunger, während in meines Vaters Haus selbst die Tagelöhner Brot im Überfluss besitzen’. Während er bisher gleichsam sich nach draußen orientierte, ging er jetzt ‘in sich’. Er ‘kam zu sich’!

Das geschieht wahrhaftig nicht bei allen, die ‘das Vaterhaus’ verlassen, ja oft sogar den Glauben an Gott und seinen Sohn über Bord geworfen haben! Es ist aber für mich immer wieder interessant, dass viele dieser Menschen anscheinend von der Frage nach Gott nicht losgelassen werden, selbst wenn sie den Glauben gleichsam ‘bekämpfen’! Warum sind sie, die sich vom Glauben ‘endlich befreit’ haben, nicht glücklich oder wenigstens zufrieden? Sie mögen ja die ‘naiven Gläubigen’ bedauern, aber warum die immer wiederkehrenden Angriffe? Warum lässt viele dieser Gott und dieser Christus nicht los? Sie sind oft sehr tolerant gegen alle möglichen esoterischen Gedanken und spirituellen Ideen, aber bei der Bibel und ihren Äußerungen werden viele aggressiv und verletzend. Ich denke, dass solche Personen immer noch nicht frei geworden sind vom Wissen um den ‘Vater und das Vaterhaus’!

Erweckung

Doch fahren wir im Gleichnis fort! Der Sohn kam zu einem Entschluss; es war ein notwendiger Entschluss! Er will sich aufmachen und zurückkehren, dazu auch bekennen vor dem Vater: ‘ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, und ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; mache mich zu einem deiner Tagelöhner’!

Ja, der Sohn kam zu sich, wurde wach, wurde erweckt! Das war die Voraussetzung, aus seiner Verlorenheit herauszukommen; er schlug nicht mehr um sich, hielt nicht mehr Anklagen gegen Gott oder gegen andere Menschen oder auch gegen die Verhältnisse; nein, er ging in sich, klagte sich selbst an. Ein heilsamer Augenblick! Und er fasst den Entschluss, zurückzukehren: nicht zu einem harten Herrn, auch nicht zu einer Kirche oder Organisation, sondern zum Vater – oder wir können auch sagen: zu Christus, denn niemand kommt zum Vater als durch ihn (Joh. 14:6). Hier geht es nicht darum, Menschen zu bestimmten Ansichten zu bekehren oder zu bestimmten Morallehren; man bekehrt sich zum Herrn! Der Sohn will von den Schweinen ins Vaterhaus zurück, von Sünde zur Gotteskindschaft, aus der Finsternis in den Sonnenschein Gottes, aus der Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung, aus dem Bereich des ‘Gottes dieser Welt’ in das Reich des Sohnes!

Allerdings bleiben auch auf dieser Entwicklungsstufe viele stehen; sie erkennen ihre Situation, kehren aber – aus den unterschiedlichsten Gründen – dann doch nicht um. Sie bleiben in der Gottferne, trotz ihrer Einsicht, setzen ihre Erkenntnis nicht in die Tat um.

Gott schweigt

Es ist interessant zu bemerken, dass bis dahin – von Vers 11 bis Vers 19 – der Vater schweigt. Das sehen wir auch im Leben; Gott gewährt dem Menschen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Er zwingt nicht! Er hofft auf Rückkehr, hält Ausschau, lädt ein durch Christus und sein Wort, aber der Mensch ist frei zu wählen; zu jedem Zeitpunkt im Ablauf des Geschehens kann der Mensch neu entscheiden; allerdings ist er auch für die Folgen seines Handelns verantwortlich. Gott wartet; man kann sich von ihm lossagen, man kann seine Gebote übertreten, man kann ohne ihn leben; doch Jeremia 2:19 gilt: ‘also musst du innewerden und erfahren, was es für Jammer und Herzeleid bringt, den Herrn, deinen Gott verlassen ...’ (Luther).

Im Gleichnis hat der Sohn nicht nur den Entschluss zur Umkehr – was eigentlich auch die genaue Bedeutung des Wortes ‘Buße’ ist – gefasst, er verwirklicht ihn auch! Er kehrt zurück, sofort, so wie er ist, von den Schweinen her, verhungert, schmutzig, zerlumpt! Und er hat schon vor sich selbst bekannt: ‘ich habe gesündigt’! Viele geben zu, dass sie Fehler gemacht oder sich geirrt hätten; doch solche Bekenntnisse bedeuten im Leben nicht viel, sind auch vor Gott nichts wert. Der Sohn sagt auch nicht: ‘wir sind ja alle Sünder’; nein, er bekennt, dass er, er selbst gesündigt hat, Sünder ist! Das ist sehr wichtig, denn echte Buße setzt ein Urteil über sich selbst voraus! Er muss dazu die Mauern seiner Selbstliebe, seines Eigendünkels niederreißen; um das Wohlgefallen an sich selbst so umzustürzen, dazu bedarf es wahrlich der Hilfe des Geistes Gottes. Doch ohne diese Bekehrung zum Herrn, zu Jesus Christus, ohne diese Umkehr geht es nicht! Der Sohn hätte auch in der Ferne religiös bleiben, Zusammenkünfte besuchen und Andachten bei den Schweinen halten können: ohne Umkehr zum Herrn, zum Vater, hätte das nichts genützt.

Darum ist es auch wichtig zu sehen, wie uns Gottes Wort durch den Heiligen Geist anspricht; viele Leute haben Erkenntnis; Erkenntnis ist gut, aber wenn das alles ist, führt sie nur zu einem Verstandeschristentum; andere betonen das Gefühl; sie fühlen sich ‘erhoben’ von eindrucksvollen Predigten und Ritualen; aber im Alltag bewirkt das Gefühl nichts; dann gibt es Christen, die auf ihren Willen bauen, die Gott dienen wollen, Leistungschristen. Aber am Ende resignieren sie, müde, erschöpft, ausgebrannt. Gottes Wort aber wendet sich nicht zuerst an Verstand, Gemüt oder Wille, sondern es geht in die Tiefe, zielt auf unser Gewissen. Dann lernt man sich sehen, wie Gott uns sieht. Das widerfuhr auch dem ‘verlorenen’ Sohn.

Rückkehr

Und so machte er sich auf zur Rückkehr, eine Rückkehr ‘auf Gnade hin’. Er konnte nur als Bittender zu Gott durch Christus zurückkehren! Ansprüche hatte er nicht! Er hatte die Liebe des Vaters mit Füßen getreten, seine Worte missachtet, sie als Zwang empfunden und deshalb hinter sich geworfen. Er hatte sein Leben ohne den Vater gestaltet; er hatte keine Rechte mehr an ihn; der Vater musste sich nicht freuen über seine Rückkehr!

Und er kehrte zurück so wie er war: seine Lumpen nahm er mit; er wurde nicht erst schön gemacht, ‘hergerichtet’! Doch das durfte er tun, denn wer es auf Gottes Gnade hin wagt, der darf es ganz wagen, mit allen Fehlern, Gebrechen, Zweifeln, Sünden! Er darf sich dem Sünderheiland und dem Vater in die Arme werfen! Und so ist es bei uns allen; es ist eine Rückkehr auf Gnade hin! Wir dürfen heimkehren als Gottes Geschöpfe.

Indessen wartete der Vater schon und sah ihn von weitem kommen. Schon in Bezug auf das Volk Israel hatte Gott gewartet: ‘den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt...’ (Röm. 10:21); Gott wünscht die Rückkehr der Menschen zu ihm; darum hat er seinen Sohn als Lösegeld gegeben: ‘...ihn, der um unserer Übertretungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden ist’ (Röm. 4:25). Und der Herr sieht den Sohn kommen. Wie geht die Sache mit der Rückkehr nun weiter?

Der Vater sah den Sohn von Ferne und es jammerte ihn!!! Ja, wir brauchen uns als Sünder nicht zu scheuen, vor Gott zu erscheinen und die Wahrheit zu bekennen; Jesus starb für Sünder, nicht für (Selbst)gerechte! ‘Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und er hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind’ (Psalm 34:19).

Der Vater lief dem Sohn entgegen; er verlangte nicht zuerst Taten der Reue, Reinigung, Isolation aus Demut, Bewährung oder gar Rückkehr zu einer Organisation, verbunden mit aktenmäßiger Erfassung aller Umstände und deren Aufbewahrung, wie es in totalitären Systemen üblich ist; nein, die Gnade kam zuerst, war schon da! Der Vater wie auch die Gnade ließen sich nicht abschrecken vom Äußeren und Inneren; Jesus hat nie etwas anderes verlangt als Umkehr zu ihm! Manche sagen: erst musst du dein Leben in Ordnung bringen, es ‘heiligen’. Nein, erst kommt die Umkehr zu Jesus, die Rechtfertigung aus Gnade, die Sohnschaft in der Familie Gottes, dann bewirkt dieselbe Gnade auch unsere Heiligung.

Der Vater umarmte und küsste den Sohn: am Anfang stand die Gnade! Dann legte der Sohn sein Bekenntnis ab. Das war wichtig! Er hätte ja auch denken können: ‘der Vater ist gnädig, also schweige ich, und alles ist in Ordnung! So schlimm war es ja wohl nicht mit dem bisschen Sünde! Ich habe doch auch noch etwas Stolz, etwas Eigenliebe!’ Doch das hätte einen ganz verkehrten Herzenszustand geoffenbart! Seine Schuld wäre immer noch zwischen ihm und dem Vater verblieben; es wäre kein wirklicher Friede zwischen ihnen gewesen. Man kann auch auf diese Weise ‘umkehren’, und manche tun es; aber es ist keine echte Umkehr in das ‘Vaterhaus’! Das Sündenbekenntnis des Sohnes war notwendig! Es war das Zeichen einer rechten Herzensumwandlung! Wenn unser Leben wirklich neu werden soll, dann müssen wir erkennen und bekennen, dass wir vor Gott gesündigt haben!

Interessant ist jedoch, dass der Sohn einen Satz seines Bekenntnisses, das er vortragen wollte, nun weglässt; er wollte ursprünglich sagen: ‘mache mich zu einem deiner Tagelöhner’. In diesem Satz schwang immer noch die Sorge um sein Geschick mit; doch nun, beim Vater, lässt er diesen Satz weg; er vertraut völlig dem Vater, überlässt es völlig ihm, was mit ihm selbst geschehen soll. Hier kommt Glaube und Vertrauen in die Gnade des Vaters zum Ausdruck.

Der Vater nimmt den Sohn ins Haus, ruft die Knechte – manche deuten sie als die Engel – und lässt dem Sohn drei Dinge bringen:

1. ein Festgewand – nicht ein Flickengewand eigener Leistungen, sondern das Festgewand der Gerechtigkeit Christi, mit dem alle Kinder Gottes bekleidet werden, das Gewand der Gerechtigkeit, die Jesus für uns durch seinen Tod erworben hat

2. den Ring der Sohnschaft als freies Kind der Familie Gottes

3. Schuhe als Zeichen seiner Stellung, denn Sklaven trugen keine Schuhe, Schuhe für einen neuen Wandel als Glied der Familie Gottes

Anschließend wird noch ein Festmahl gehalten mit Musik und Tanz, und alle – auch die Knechte – freuen sich, so wie Jesus dies auch in Lukas 15:7+10 gesagt hat. Festfreude statt Probezeit, Gnade statt Bewährung. Und dieses Festmahl, das ist die Verheißung des Wortes Gottes, wird sich im Reich Christi noch fortsetzen. Wenn dem nicht so wäre, dann wären wir die Elendsten unter allen Geschöpfen (1.Kor. 15:19). Aber Gott sei Dank für sein zuverlässiges Wort!

Der Vater nennt nun auch den Grund für die Freude: dieser mein Sohn war tot, ist jetzt lebendig geworden, war verloren, wurde gefunden! Der natürliche Mensch ist vor Gott tot (Eph. 2:1,5), verloren! Er sieht weder die Heiligkeit Gottes noch die Liebe Jesu noch hört er dessen Stimme. Doch Jesus sucht seine Nachfolger; Paulus sagte: ‘nun sind wir denn gerecht geworden durch den Glauben , so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch welchen wir im Glauben den Zugang haben zu dieser Gnade’ (Römer 5:1-3). So sind auch wir gefunden worden, leben aus Gnade! Und auch die Freude kam, so wie schon Jesaja sagt: ‘Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott’ (Jes. 61:10). Und Jesus versichert uns, dass auch im Himmel Freude herrscht über jeden, der zum Vater zurückkehrt!

Der Sohn war also zurückgekehrt; bestimmt war er auch in der Zukunft nicht ohne Sünde; er musste sicher noch oft zurechtgewiesen werden, aber er blieb dennoch Sohn, verließ nicht mehr das Vaterhaus, verlor auch nicht mehr die Sohnschaft, so wie das auch auf alle gläubigen Christen zutrifft. Er musste sich jetzt den Sitten des Vaterhauses wieder anpassen, musste lernen, voranschreiten, aber er wurde bei Niederlagen in diesem Bemühen nicht wieder zu den Schweinen zurückgeschickt! Er wusste: ‘Ich bin nach Hause gekommen; ich führe jetzt meinen Kampf der Heiligung, aber als Sohn, nicht als einer, der immer wieder rein- und rausfliegt’. Er musste sich nicht immer wieder bestätigen lassen, dass er Sohn war; er trug die Zeichen der Sohnschaft. Dennoch weiß er, dass er bis zum letzten Tag seines Lebens die Gnade des Vaters, die Vergebung der Sünden in Jesus Christus braucht! Aber gab es da nicht noch einen zweiten Sohn?

Der zweite Sohn

Es gab im Gleichnis noch einen zweiten Sohn, unter dem Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Selbstgerechten (Luk. 18:9) ansprach. Dieser Sohn hatte das Vaterhaus nie verlassen; er war immer eng am religiösen Dienst, an seinen Vorschriften und Weisungen geblieben, immer unterworfen unter das Gesetz. Darin wirkte und lebte er. Er kam auch jetzt sozusagen vom Feld, er hatte ‘Felddienst’ verrichtet. Dennoch ist auch er ein ‘verlorener Sohn’, ja hoffnungsloser als sein Bruder! Warum?

Er kennt nicht die Gnade! Er meinte, sich die Liebe des Vaters erarbeiten zu müssen durch Leistung. Hätte man ihm gesagt: dein Vater will nicht nur Pflichterfüllung, er möchte deine Liebe, dein Herz, dann hätte er möglicherweise geantwortet: ‘Was soll das! Ich muss auf den Acker, das Feld!’ Andere würden vielleicht sagen: ‘Was soll das? Ich muss predigen! Meine Arbeit ist mein Gottesdienst’! So ein Mensch baut auf seine Leistung; er meint, er brauche die Gnade nicht!

Als dieser Sohn bemerkt, dass im Vaterhaus ein Fest gefeiert wird für seinen zurückgekehrten Bruder, da wird er zornig und will nicht hineingehen, um sich mit den anderen zu freuen über die Rückkehr dieses liederlichen Tunichtguts. Er versteht nicht, was im Himmel wichtig ist: nicht große Herrscher und mächtige Fürsten, sondern Sünder, die Buße tun, die Rückkehr von Menschen ins Vaterhaus Gottes, damit ihre Namen in den Himmeln geschrieben sind. Aber dieser Bruder wollte nicht ins Haus. Er wollte das Wort ‘Gnade’ nicht hören; es gibt auch heute Menschen, die dieses Wort nicht schätzen, die es vermeiden oder es gar ersetzen. Manche drücken ihre Abneigung gegen die Gnade sogar mit einem Bibelwort aus: ‘Glaube ohne Werke ist tot’; sie sehen nicht, dass der jüngere Sohn nicht ohne Werke blieb, nachdem er zurückgekehrt war; doch Buße und Rückkehr sind nicht an vorausgehende Werke gebunden, sondern an Glaube und Gnade; die Werke folgen dann aus dem Glauben heraus!

Doch der ältere Sohn freute sich nicht über die Gnade; er war auch nicht froh darüber, ständig beim Vater geblieben zu sein. Seine Vorwürfe an den Vater zeigen seine Erbitterung; sie zeigen keine Freude über den eigenen Zustand. Sein Vater kam heraus, um ihn ins Haus zu bitten; die Liebe des Vaters umfasst auch ihn und bittet ihn! Aber er ist zornig! Er spricht den Vater nicht einmal mit ‘Vater’ an, sondern hält ihm vor, was ‘dieser dein Sohn’ – nicht etwa ‘mein Bruder‘ – getan hat, verweist auf dessen unmoralischen und verschwenderischen Lebenswandel und auf seinen eigenen Fleiß und seine beständige Leistungsbereitschaft, verweist darauf, nie das Gebot des Vaters übertreten zu haben. Im Grund klagt er den Vater an. Er sagt nicht wie Paulus: ‘ich bin der größte aller Sünder’; nein, der ältere Sohn sagt: ‘du hast mir nie einen Bock gegeben’; ein in Gnade angenommenes wiedergeborenes Kind Gottes dagegen sagt: ‘du hast mir in Jesus alles gegeben‘!

Auch heute gibt es Menschen, die Gott anklagen, ihn auch Gott, Herrgott, Jahwe, Jehova nennen, die aber das Wort ‘Vater’ kaum über ihre Lippen bringen, ja die nicht einmal das Gebet unseres Herrn, das ‘Vater unser’ sprechen. Sie sollten sich die Frage stellen, warum! Sind sie nach Hause zurückgekehrte wiedergeborene Kinder Gottes? Auf jeden Fall bittet der Vater auch den älteren Sohn ins Haus der Familie Gottes zu kommen; Jesus bittet die Führer der Juden, er bittet heute die Frommen, Selbstgerechten, von sich selbst Überzeugten, welche die ‘richtige Religion’ haben, alle, die glauben, Ansprüche stellen zu dürfen. Er, der über Cherubim und Seraphim gebietet, er bittet!

Der Sohn dagegen ist nicht fröhlich, nicht guten Mutes; warum? Weil er sich gegen den Willen und die Absichten des Vaters sperrt! Er möchte sich in seiner eigenen erworbenen Gerechtigkeit behaupten, möchte besser sein als sein Bruder! So wie manche sagen: ich glaube an das Lösegeld Christi, aber .... man muss doch etwas tun, seine eigene Rettung erarbeiten, nicht jedem die Gnade geradezu nachwerfen! (Ich hörte einmal eine fleißige Zeugin Jehovas über Ausgeschlossene sagen: ich habe mein Leben lang für meinen Glauben gearbeitet, alles eingesetzt, und diese kommen vielleicht kurz vor Harmagedon zurück und sollen dann gerettet werden wie ich, das gleiche empfangen; das wäre doch nicht fair, gerecht!). Der Vater aber fordert den Sohn im Gleichnis auf: freue dich doch, man muss sich doch freuen: dein Bruder ist lebendig geworden, wurde gefunden! Sieh doch die Gnade Gottes richtig! Sie macht Tote lebendig, findet das Verlorene!

Schluss

Die Geschichte geht nicht zu Ende; Jesus lässt den Schluss offen; er überlässt es den jüdischen Führern, ob sie in das Haus der Gnade Gottes eintreten und sich mit den zurückgekehrten Sündern und Zöllnern freuen wollen. Die Geschichte zeigt: sie wollten nicht! Sie brachten den Überbringer der Gnade ums Leben.

Auch für uns heute ist die Geschichte offen. Nochmals: der Einwand, Glaube ohne Werke sei tot, greift hier nicht, weil davon ausgegangen werden darf, ja muss, dass der zurückgekehrte Sohn nun auch Werke des Glaubens hervorbrachte; jedoch erst nach seiner Rückkehr! Er durfte zurückkehren, wie er war, und wurde mit seinem Bekenntnis im Glauben angenommen in Gnade. Er brauchte keine Werke, um heimkehren zu dürfen; doch Liebe und Dankbarkeit bewegen jedes Kind Gottes zu Werken des Lobpreises Gottes. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Der ältere Sohn wie auch Menschen, die ihm heute ähneln, müssen sich entscheiden, ob sie das Gnadenhaus des Vaters betreten wollen, um sich mit jedem, der zurückkehrt, zu freuen. Vor allem aber müssen sie erkennen, dass auch sie der Gnade bedürfen, weil sie bei allen guten Werken, die sie verrichten mögen, nicht aus eigener Kraft, nicht aus eigener Gerechtigkeit vor Gott stehen können. doch jeder, der die durch Christi Tod uns geschenkte Gerechtigkeit im Glauben annimmt, darf allezeit im Hause Gottes sein, als Gottes Kind und Glied seiner Familie. Mit dem fehlenden Schluss stellt Jesus an jeden von uns die Frage: wie willst du es nun halten? Tust du den letzten Schritt ins Vaterhaus oder tust du ihn nicht? Ich wünsche jedem Leser die rechte Entscheidung!

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#24 von Jurek , 04.10.2009 15:32

Das einzige Schlachtopfer

Im Folgendem sollen die Worte aus Hebräer 6:4-8 und Hebräer 10:26-29 beachtet werden. Sie lauten nach der Schlachter-Übersetzung, aus der auch alle späteren Zitate entnommen sind:

"Denn es ist unmöglich, die, welche einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes, dazu Kräfte der zukünftigen Welt geschmeckt haben, wenn sie dann abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, wahrend sie sich selbst den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und zum Gespött machen! Denn ein Erdreich, welches den Regen trinkt, der sich öfters darüber ergießt und nützliches Gewächs hervorbringt denen, für die es bebaut wird, empfängt Segen von Gott; welches aber Dornen und Disteln trägt, ist untauglich und dem Fluche nahe, es wird zuletzt verbrannt. ........Denn wenn wir freiwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt für Sünden kein Opfer mehr übrig, sondern ein schreckliches Erwarten des Gerichts und Feuereifers, der die Widerspenstigen verzehren wird. Wenn jemand das Gesetz Moses missachtet, muss er ohne Barmherzigkeit auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben, wie viel ärgerer Strafe, meinet ihr, wird derjenige schuldig erachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch welches er geheiligt wurde, für gemein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?"

Diese Worte haben bei vielen Christen immer wieder Unruhe und innere Nöte hervorgerufen. Sie stehen auch mit unserer Heilsgewissheit in Christus in Verbindung. Was bedeuten in diesen Texten die Worte "abgefallen" und "freiwilliges Sündigen" (oder: 'willentlich sündigen')?
Gewiss will ein Christ nicht Gottes Gnade und Güte missbrauchen und willentlich sündigen (Galater 5:13; Römer 6:1-2; 1.Johannes 3:4-8; 5;18). Dennoch sind wir uns der schmerzlichen Tatsache bewusst, dass in unserem Fleische nichts Gutes wohnt (Römer 7:18), dass wir als Sünder den von Gottes Wort geschilderten Zustand, nicht zu sündigen, nicht erreichen können. Wer hat nicht schon gesündigt und dabei gewusst, dass sein Tun falsch, sündhaft war, und sein Herz, sein Gewissen hat ihn verurteilt (1.Johannes 3:l9-20)? Wer würde dann, im Lichte von Hebr 10:26 gesehen, gerettet? Wohl keiner! Selbst ein Paulus bekannte sein Unvermögen im Fleische (Römer 7:18-19), und Johannes anerkennt unser Straucheln (1.Johannes 1:8, 2:2). Wird aber dann nicht jeder von den Worten des Hebräerbriefes verurteilt? Und wandelt sich unsere Glaubenszuversicht dadurch nicht in ein 'Vielleicht'? Gelten dann noch Jesu Worte für mich: "...wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen -... wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben ... niemand wird sie (die Schafe) aus meiner Hand reißen ... niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen" (Johannes 6:37, 9:12 und 10:29,29)?

Lasst uns daher die beiden angeführten Texte des Hebräerbriefes in ihrem Zusammenhang untersuchen. Dabei ist es wichtig zu wissen, wann und an wen der Verfasser - wir unterstellen Paulus - den Brief geschrieben hat, und in welcher Situation sich die Briefempfänger befunden haben. Der Brief ist an hebräische Christen gerichtet, Menschen, die Christus angenommen, die sogar schon vieles im Namen Christi erlitten hatten. Doch nun hatten sie zu resignieren begonnen: sie wurden in ihrer Haltung schwankend und wandten sich zurück zu den Dingen des jüdischen Kultes. Dieser war natürlich besonders für ehemalige Juden sehr beeindruckend mit seinem Tempel, den Opfern, den Priestern, den Festen usw. im Vergleich zu den einfachen Hauskirchen und Gottesdiensten der Christen. So dachten manche, zwar Christus nicht zu verwerfen, aber ihn dennoch mit den jüdischen Ritualen zu verbinden, also wieder Gesetzesvorschriften einzuführen, ein Problem, das für Judenchristen noch größer war als für Christen in den von Paulus gegründeten 'Heidenversammlungen'. Die hebräischen Christen mussten erneut daraufhin gewiesen werden, dass in Christus das ganze Gesetz erfüllt worden ist, dass damit der Neue Bund den Alten Bund ersetzte und ihm überlegen ist, und dass sie in der Gefahr standen, in die sichtbaren kultischen Formen des Alten Bundes zurückzufallen und im Glauben schwach zu werden. Sie mussten wieder den Vorrang Jesu Christi 'gehen lernen', ihn in ihr Bewusstsein bringen. Dabei ist eines der Schlüsselwörter das Wort 'besser', das nach der Bremer Biblischen Handkonkordanz, Ausgabe 1992, allein im Hebräerbrief 13 Mal erscheint, und zwar immer im Vergleich zu etwas Früherem, Schwächerem. Der Hebäerbrief enthält eine Reihe von Gegenüberstellungen von den guten, aber schwachen Dingen des Alten Bundes und den besseren Dingen des Neuen Bundes in Christus.

Den geschilderten Hintergrund müssen wir auch bei der Betrachtung von Hebr. 6:4-8 und 10:26-29 stets im Sinn behalten, die Absicht des Schreibers muss uns stets im Bewusstsein bleiben. Beginnen wir nun mit Hebräer Kapitel 6. Nachdem Paulus schon in Kapitel 1 wie mit einem Posaunenschall den Sohn Gottes in den Mittelpunkt seiner Ausführungen rückt und in der Folge das herausragende Priestertum Jesu nach der Weise Melchisedeks bespricht, zeigt er, dass die hebräischen Christen leider wieder die 'Milch des Wortes Gottes' benötigten, weil sie im Hören der tiefen Dinge des Neuen Bundes träge geworden waren. Dann fordert er sie auf, das Wort vom Anfang des Christus zu lassen und zur Vollkommenheit überzugehen. Was meint Paulus hier mit Vollkommenheit oder vollkommen (griechisch: teleios, teleiotäs, teleiosis und teleioo)? Scheint Paulus hier nicht von einem Übergehen oder Vorandrängen zu persönlicher Vollkommenheit und Heiligkeit des einzelnen Christen zu sprechen? Nein! Paulus stellt hier die vollkommenen Dinge der christlichen Wirklichkeiten, des Neuen Bundes, den unvollkommenen Schatten des Alten Bundes gegenüber. Dazu einige Beispiele in diesem Zusammenhang, aus denen deutlich wird, worin die Vollkommenheit besteht, in der sie übergehen sollten:

* das Priestertum (7:11): gab es da Vollkommenheit? Nein! Also lasst uns zur Vollkommenheit übergehen, zu einem anderen Priestertum;

* das Gesetz (7: 19): hier war keine Vollkommenheit zu erreichen; also lasst uns zu einer besseren Hoffnung übergehen;

* der Hohepriester (7:28): mit Schwachheit behaftet, daher lasst uns zum Sohn übergehen;

* die Opfer (9:9 und 10:1,14): sie konnten nichts vollkommen machen, lasst uns zu dem einzigen Opfer übergehen, das die, welche geheiligt werden, für immer vollendet;

* das Zelt (9:11): gab es etwa zwei christliche Zelte? Nein: das erste Zelt war das des Alten Bundes, das jetzige Zelt ist das vollkommenere, nicht mit Händen gemachte, in das Christus einging, und zu dem wir übergehen sollen.

Die hier angeführten Gegensätze 'Anfangsgründe' und 'Vollkommenheit' bestehen also nicht zwischen einem Christen in seinem glaubensmäßigen Anfangszustand und einem Christen in Reife, sondern zwischen einen System, das nichts vollkommen machen konnte, das wegen seiner Schwachheit und Wirkungslosigkeit hinweggetan, ja ersetzt werden musste, und einer besseren Einrichtung, durch die wir Gott und seiner Gnade nahe gebracht werden. Die bessere Einrichtung anzunehmen bedeutet ein Übergehen zur geistlichen Wirklichkeit in Christus, zu Gottes Wirklichkeit. Alle die in diesen Texten erwähnten jüdischen Einrichtungen, so gut sie waren, mussten ersetzt werden durch etwas Besseres; das Bessere war nun da und hatte das Schwächere abgelöst, so wie der Sohn den Knecht (Moses) abgelöst hatte. Die Empfänger des Hebräerbriefes waren Leute, die aufgewachsen waren unter dem jüdischen System mit seinem verurteilenden Gesetz, seiner Priesterschaft, seinen Opfern und seinem Tempel. Sie hatten nun Christus angenommen; aber jetzt wichen sie wieder zum alten System zurück, pflegten nicht mehr Gemeinschaft mit Christen (10:25), sondern suchten Gemeinschaft im Judentum.

Warum war ein solches Zurückweichen so bedenklich, ja gefährlich? War denn das Gesetz nicht von Gott? Es gab doch eine ganze Anzahl von Einrichtungen und Lehren im Judentum, die gut waren (6:1-2); vieles war in den christlichen Glauben übergegangen. War es dann nicht vertretbar, zum Judentum zurückzukehren oder wenigstens einen Teil der jüdischen Formen wieder zu übernehmen? Nein! Christen sollen, ja müssen zu den von Gott jetzt gegebenen vollkommenen Einrichtungen übergehen, die zur vollkommenen Rettung in Christus führen.

Darum sagt Paulus: es ist unmöglich...zu erneuern zur Buße (6:4). Warum unmöglich?

Haben diese Christen die 'unvergebbare' Sünde begangen? Beachte bitte: Paulus spricht hier nicht vom 'Vergeben', sondern vom 'Erleuchten zur Buße' oder Sinnesänderung, das unmöglich wäre. Als sie erleuchtet worden waren in Verbindung mit den Gaben des Heiligen Geistes, die sie empfangen hatten, da hatten sie Buße getan, waren 'umgekehrt'. Nun waren sie vom Geist erleuchtete Christen, hatten all diese Dinge 'geschmeckt', kennengelernt, doch nun wandten sie sich zurück trotz dieses Wissens; womit also sollten sie noch erleuchtet werden? Sie waren aus der Finsternis zum Licht gekommen, erleuchtet worden; nun wandten sie sich zurück; wie könnten sie ihren Sinn ändern, womit denn noch (wieder) erleuchtet werden zur Sinnesänderung? Es gibt kein anderes Licht! Ist das etwa so, weil Gott nicht mehr seine Hand ausstreckte? Nein, denn die Verse 7-8 zeigen, dass Gott ja weiterhin seinen 'Regen', seinen Heiligen Geist gewährte; aber welche Früchte bringen die hervor, welche die göttlichen Wirklichkeiten in Christus verlassen? Dornen und Disteln! (Das erinnert an 1.Mose 3:18). Wenn ihre Augen geöffnet, erleuchtet waren, und sie verwerfen Gottes Geist, indem sie seine Leitung ablehnen, wenn sie freiwillig "nein" sagen zu Gottes besseren Dingen und zu den schwächeren zurückkehren, was könnte sie dann noch erleuchten und zur Buße führen? Das Größte und Letzte, was Gott sandte, waren Sein Sohn und Sein Heiliger Geist. Es ist eine der ernstesten Feststellungen, die man im Leben treffen kann, dass Menschen, die von Gott erleuchtet wurden, dennoch "nein" sagen, sich abwenden und weggehen können.

Paulus wusste auch, was er tat, als er die Christen verfolgte; doch er war nicht 'erleuchtet' im Heiligen Geist (1.Timotheus 1:12-13). Als ihm dieses Licht gegeben wurde, sagte er sofort "ja" zu Christus und kehrte nicht wieder zu den schwachen und vorbildhaften Dingen zurück. Beachte also, dass der Brief und Text nicht von allgemein menschlichen Sünden sprechen, die im Glauben vergeben werden, sondern von der Tatsache, dass jemand 'erleuchtet' worden war und sich abwendet.

Doch wenden wir uns jetzt dem Vers 26 in Kapitel 10 zu. Hier sagt der Text: "...freiwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben..." Ist hier 'Erkenntnis der Wahrheit' gleichzusetzen mit 'Rettung'? Von welcher Sünde spricht hier der Apostel? Von irgendeiner bewussten, freiwilligen, willentlichen Sünde? Sagt der Text: "...dann bleibt keine Vergebung"? NEIN! Es heißt: "so bleibt für Sünden kein Opfer mehr übrig" Andere Übersetzungen gebrauchen statt 'Opfer' den Ausdruck 'Schlachtopfer'. Aber steht denn dieses Wort nicht im Gegensatz zu 1.Johannes 2:1, wo geschrieben steht:
"....wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten: und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden, aber nicht nur für die unsren, sondern auch für die der ganzen Welt"?

Erinnern wir uns daran, dass das Wort 'Sünde' in der Bibel im Zusammenhang mit Christus manchmal in einer ganz bestimmten Weise angewandt wird; so wird in Johannes 16:8-9 von der großen Sünde gesprochen, die im Unglauben an den Sohn besteht; der gleiche Gedanke wird in Johannes 9:36-41 betont, dass Unglaube an die Person Jesu Sünde ist- auch im Hebräerbrief wird der Ausdruck Sünde entsprechend verwandt, denn das war ja gerade die Gefahr, in der diese Christen schwebten: nachdem im ganzen 11. Kapitel Beispiele des Glaubens angeführt wurden, fordert Paulus die hebräischen Christen in Kapitel 12:1-2 auf, die 'leicht umstrickende Sünde' - nämlich Mangel an Glauben an den Sohn Gottes - abzulegen und auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens zu blicken. So bezieht sich das Wort 'Sünde' hier auf den freiwilligen und bewussten Unglauben an den Sohn.

Zurück zu Hebräer 10:26. "Wenn wir freiwillig sündigen ...": wann geschieht das in diesem Sinne? Nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen hatten! Paulus konnte von sich selbst in seinem Brief an Timotheus sagen, dass er in Unkenntnis, im Unglauben gehandelt hatte; das konnten die hebräischen Christen nicht mehr. Sie kannten die Wahrheit des Evangeliums, alles was das Opfer des Sohnes betrifft das Opfer, das vollkommen, das besser ist als die Opfer des Gesetzes. Ihre Augen waren dafür geöffnet worden, 'erleuchtet'! Und nun wiesen sie durch ihre Rückkehr zum jüdischen Opfersystem dieses Opfer Jesu zurück, zeigten durch ihre Handlungsweise, dass ihnen sein Opfer nicht genügte, nicht ausreichend erschien. Sagte nun Paulus, dass Gott ihnen diese Sünde nicht mehr vergeben könne? Der Text besagt, dass 'für Sünden kein Opfer mehr übrig' bleibt! Wie ist das zu verstehen? Nun, das Opfer Jesu, das vor Gott gilt, weisen sie zurück! Also bleibt kein Schlachtopfer für sie mehr übrig, denn ein anderes Opfer vor Gott gibt es nicht! Sie hatten erkannt, dass alle jüdischen Opfer nur Schatten, Vorbilder waren; Christus hatte das ewig gültige Opfer erbracht, das aber wiesen sie ab. Selbst wenn sie Jesus nicht völlig leugneten, ihn mit einbanden in das jüdische System: durch ihre Rückkehr zum Alten Bund sagten sie - selbst ohne Worte -, dass ihnen Jesu Opfer nicht ausreichend erschien, dass es ergänzt werden müsse durch andere Opfer oder Werke. Gewiss war das jüdische System von Gott gewesen, mit vielem an guten Dingen. auch mit Opfern. Aber sie zählten nicht mehr! Wenn Menschen nun das einzige von Gott anerkannte Opfer zurückweisen oder in seiner Wirksamkeit als nicht ausreichend betrachten, als ergänzungsbedürftig durch andere oder eigene Leistungen, dann bleibt für sie kein anderes Schlachtopfer mehr übrig, denn ein anderes gibt es nicht. Dann stehen sie - jeder, der dies tut, auch Du und ich - ungeschützt vor Gottes Zorn, wie Vers 27 sagt. Dass die hier gegebene Erklärung zutrifft, wird auch bestätigt durch das Wort in Hebräer 12:25: "Sehet zu, dass ihr den nicht abweiset, der da redet!" Es geht also bei der freiwilligen Sünde um die Abweisung des Mittlers des Neuen Bundes, Jesu!

Darum erklärt Paulus noch einmal ganz deutlich in den Versen 28-29 im Einzelnen, was dieses willentliche Sündigen, das in der Ablehnung des einzig gültigen und völlig umfassenden Opfer Jesu besteht, beinhaltet; er nennt drei grundlegende Dinge, die hier abliefen, vielleicht ohne dass sie allen so recht bewusst wurden:

1. man tritt den Sohn Gottes mit Füßen, und das freiwillig! Man stolpert nicht über ihn oder stößt sich an ihm. Sondern man tritt ihn freiwillig. Wieso? Diese Menschen erklärten durch ihre Handlungsweise, dass sie Jesu Ansprüche, der Menschensohn zu sein, der Erlöser, seine Göttlichkeit usw. nicht anerkennen; sie bejahen dadurch - wenn auch vielleicht unbewusst - die Verurteilung Jesu, damit auch seine Foltern, durch die Juden, denn wenn Jesu Aussagen nicht zutrafen, war seine Verurteilung gerechtfertigt;

2. sie erklären das Blut Jesu für gemein, das Blut des Bundes für alltäglich! Was bedeutet das? Mein und Dein Blut sind alltäglich, in diesem Sinn gemein; aber nicht Jesu Blut, das Blut des Gerechten und Sündenlosen, von Gott Gesandten. Er bezahlte damit die Sünden der ganzen Welt. Wäre er nicht Gottes Sohn, dann wäre sein Blut gewöhnlich, gemein, auch sein Bund wäre wertlos. Wenn man - auch unter Druck – zu den Opfern des Judaismus zurückkehrt oder auch zu Opfern anderer Art in Form eigener Leistungen, die zu Rettung unerlässlich wären, dann verleugnet man das Opfer Jesu gänzlich oder in seiner vollen Wirksamkeit. Man leugnet seinen vollen Wert. Es gibt aber kein anderes Opfer, auch kein 'Teilopfer Jesu', das ergänzt werden müsste oder könnte;

3. sie schmähen den Geist der Gnade, den Heiligen Geist! Bestimmt würde jeder Christ eine solche Beschuldigung sofort zurückweisen, aber sie trifft tatsächlich zu. In dieser Stelle wird der Heilige Geist 'Geist der Gnade' genannt, weil hier Nachdruck darauf gelegt wird, dass die Rettung von Gott ausschließlich durch das Opfer Jesu, völlig und ganz aus Gnade auf Grund des Glaubens an das Blut Jesu kommt. Im Judaismus und bei anderen Gemeinschaften versucht man, Rettung durch Leistung, durch Werke zu erlangen; man lehrt, man müsste zu seiner Rettung Anstrengungen in Form von Werken erbringen. Die sollen jemanden zur Rettung qualifizieren, Werke, vielleicht sogar mit Hilfe Gottes, aber es sind eigene, menschliche Werke durch die man sich die Rettung 'verdient' oder 'sichert'. So aber schmähen wir den Geist der Gnade!

Wir weisen Gottes Gnade, seinen Geist der Gnade, das Schlachtopfer Jesu nicht zurück! Wir wollen nicht in der Sünde wandeln, sind uns aber der Sündhaftigkeit bewusst; doch Dank der Gnade Gottes haben wir einen Hohenpriester für unsere Sünden (Hebr. 8:1). Wir können bereuen wenn wir glauben; wer nicht an den Sohn glaubt, kann auch nicht im christlichen Sinn bereuen. Die Grundlage der Rettung ist der Glaube an Gottes freie Gnade, an den Sohn. Auch die oft erwähnte Wiedergeburt, nach Johannes 3, hängt von Gottes freiere Gnade und vom Glauben ab. Es heißt: "...wer an mich glaubt, hat ewiges Leben ...wer an mich glaubt, wird leben...jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren...wer den Sohn hat, hat das Leben...wenn ihr nämlich im Glauben gegründet und fest bleibt".
(Joh. 6:47; 11:25; 1.Joh. 5:1,10-12; Kol. 1:21-23).

Daher: Werke sind nicht Bedingung oder Voraussetzung zur Rettung, sondern Ergebnis und ihr Beweis, so dass der Ruhm und der Preis allein Gottes sind (1.Kor. 1:29 - 2:2)

Aber wirst du immer Glaubender bleiben? Paulus war in Sorge um seine judenchristlichen Brüder, darum forderte er sie dringend auf, am Glauben an den Sohn Gottes, den Erlöser, unseren Hohenpriester, ja am Bekenntnis zu ihm festzuhalten (Hebr. 4:14-16; 10:23). Mit ihm und durch ihn dürfen wir hintreten vor den Thron der Gnade, ohne Furcht, weil Gottes Liebe unsere Furcht besiegt hat!

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#25 von Jurek , 04.10.2009 15:33

War Paulus frauenfeindlich eingestellt?

Bevor ich auf das eigentliche Thema eingehe, einige Vorbemerkungen:

1. Im Schöpfungsbericht wurde die Gleichwertigkeit von Mann und Frau vor Gott und untereinander schon deutlich gemacht; beide sind im Bilde Gottes erschaffen, die Frau wird gleichsam vom Manne genommen, und sie sollen ein Fleisch sein. ‚Ein Fleisch‘ zu sein bedeutet mehr als nur eine Sexualbeziehung; von keinem der anderen Geschöpfe, die zum Zwecke der Vermehrung Sexualbeziehungen haben, wird davon gesprochen, dass sie ‚ein Fleisch‘ würden. Dagegen macht die Schrift deutlich, dass unter diesem Begriff ein 'Einswerden' in Liebe zu verstehen ist. Paulus sagt, dass niemand sein 'eigenes Fleisch' je gehasst habe (Eph. 5:29).

2. Nach dem Abfall in Eden entwickelte sich eine dominante Männergesellschaft auf Kosten der Frau, was sich schon in der frühzeitigen Einführung der Polygamie zeigte, die Gott zwar weder wollte noch billigte, jedoch in seinem Gesetz regelte, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern (Matth. 19:5-8). Durch das Gesetz sorgte er besonders für die Schwachen, wie für Witwen und Waisen sowie auch für ungeliebte Frauen und deren Kinder (2.Mose 21:10; 5.Mose 21:15-17); sogar Regelungen für das Erbrecht von Töchtern waren vorgesehen (4.Mose 27). Allerdings war alles weit entfernt von den ursprünglichen Absichten Gottes, die erst unter Christus wieder hergestellt werden sollten und sollen.

3. Das zeigte sich besonders im Verhalten und Benehmen Jesu gegenüber Frauen; er hatte ein zwangloses, offenes Verhalten gegenüber Frauen, wurde sogar von einigen begleitet, was für einen jüdischen Rabbi völlig ungewöhnlich war (Luk. 8:1-3). Als er am Brunnen Jakobs (Johannes 4) im Gespräch mit einer Samariterin befunden wurde – einem Gespräch, in dem er mehr von sich offenbarte als in vielen Gesprächen mit Juden, selbst Pharisäern - , wunderten sich seine Jünger sehr; nur der Respekt vor ihrem Herrn hielt sie zurück, ihrem Erstauen Ausdruck zu geben (Vers 27). Auch seine Gespräche mit der Frau in Tyrus oder mit der Erkrankten, die sein Gewand berührte und geheilt wurde (Matth. 15:28; Mark. 5:34), zeigen seine offene und achtungsvolle Haltung gegenüber Frauen. Er scheute auch nicht zurück vor dem Kontakt mit stadtbekannten Sünderinnen (Luk. 7:37-39). Er war ja gekommen, Sünder zu retten!

4. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Gott durch seine Engel die Auferstehungsnachricht Frauen anvertraute, um sie den Jüngern zu überbringen, obwohl damals das Zeugnis einer Frau im Orient nicht anerkannt wurde, und dass die erste Person, die den Auferstandenen zu Gesicht bekam, eine Frau war (Matth. 28; Mark. 16; Joh. 20). Sollte man bei dieser Haltung des Herrn selbst annehmen, dass ein Paulus sich als ein Frauenfeind erweisen würde? Sollte er die Haltung Jesu gleichsam 'zurückdrehen', er, der nichts mehr kannte als Christus allein (1.Kor. 2:2; Gal. 2:20)?

Frauen in der Apostelgeschichte

Dass die Haltung Jesu gegenüber Frauen schon vor Pfingsten auf die Jünger abgefärbt hatte, zeigt Apostelgeschichte 1:14! Dort wird berichtet, dass sie einmütig im Gebet verharrten zusammen mit Frauen, etwas, was für die damalige Zeit völlig ungewöhnlich war. Jüdische Männer und Frauen beteten nicht gemeinsam; für eine jüdische Gebetsversammlung war eine bestimmte Anzahl von Männern erforderlich; Frauen zählten nicht! Das, was hier von den Nachfolgern Jesu berichtet wird, war neu: Männer und Frauen beteten gemeinsam! Hier wurde schon gelebt, was später in Galater 3:28 – gerade von Paulus – so formuliert wurde: 'da ist nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus'.

Die Anerkennung der Frau als selbständige Anbeterin vor Gott bedeutete auch eigene Verantwortlichkeit. Während zum Beispiel in Josua 7 die Familie Achans das Geschick des verantwortlichen Familienhauptes erleiden musste, hatte gemäß Apostelgeschichte 5:7-9 Saphira die Möglichkeit, für ihr Verhalten und Geschick selbst einzutreten; sie war nicht mehr automatisch an das Los des Ehemannes gebunden.

Interessant ist auch, dass in Apostelgeschichte 9:36 von einer ‚Jüngerin‘ Tabitha gesprochen wird, was zeigt, dass auch der Ausdruck 'Jünger' sich keineswegs nur auf Männer bezog oder dass diese Bezeichnung ein männliches Vorrecht gewesen sei.

Als Paulus nach Apostelgeschichte 16 den Auftrag erhielt, mit der Botschaft Jesu nach Mazedonien zu gehen, war die erste Person, die den Christlichen Glauben annahm, eine Frau! Der erste Christ in Europa, Lydia, eine Frau! Und Paulus, der viel geschmähte Frauenfeind, war darüber offensichtlich nicht enttäuscht! Er blieb sogar mit dieser Gemeinde, die sich dort bildete – möglicherweise in Lydias Haus – stets in besonders enger Verbindung! Seine Freude kommt im Brief an die Philipper besonders zum Ausdruck, so sehr, dass man den Brief an die Philipper auch den 'Brief der Freude' genannt hat.

In Apostelgeschichte 17:34 wird ebenfalls eine Frau unter den wenigen Bekehrten in Athen erwähnt, was für antike Verhältnisse durchaus ungewöhnlich ist. Im 18. Kapitel lernen wir dann ein Ehepaar kennen, Aquila und Priscilla, die, wenn sie erwähnt werden, immer zusammen genannt werden, häufig sogar die Ehefrau an erster Stelle, weil sie möglicherweise der aktivere Teil der beiden war. Es wird sogar berichtet, dass sie einen jüdischen Gelehrten (18:24) – Apollos – genauer im christlichen Glauben unterrichtete.

Nach Apostelgeschichte 21:8-9 ist Paulus bei dem Evangelisten Philippus zu Gast, dessen vier Töchter weissagten; Paulus scheint nichts dagegen gehabt zu haben; nach seinen Briefen zu urteilen, schätzt er ja, wenn Christen prophezeiten, und wie hätte er sich nicht freuen sollen, wenn Gott seinen Geist auf Menschen legt, ob Männer oder Frauen!

Aus all diesen Hinweisen und Bemerkungen der Apostelgeschichte, die durchaus keine Abhandlung über die Stellung der Frau in der Christenversammlung abgibt – darüber zu schreiben wäre einem Lukas nicht eingefallen -, kann man aber die andersgeartete Stellung der Frau in der Christenversammlung im Vergleich zum Judentum und erst recht zum Heidentum erkennen. Gewiss war diese Stellung im öffentlichen Leben noch nicht unabhängig von der Umwelt und sollte sich im Laufe der Jahrhunderte noch ändern – nicht immer zum Guten! Aber es war eine ganz neue Würde und Identität, die der Frau hier gegeben wurde, was auch eine neue Beziehung zwischen Männern und Frauen einschloss, die, wie die folgenden Jahrhunderte zeigten, durchaus nicht allen Männern gefiel.

Welchen Standpunkt nahm Paulus ein?

Wie hat Paulus die Stellung der christlichen Frau gesehen? Sah er sie nur im Zustand der Unterwerfung, der Stille? Welchen Platz gab er den Frauen? Wollte er ihnen ein Lehrverbot auferlegen? Um den vielen schon geäußerten Meinungen nicht einfach noch eine weitere hinzuzufügen, fragen wir doch Paulus selbst! Sein Brief an die Römer ist sicherlich sein wichtigster Brief; Paulus war noch nicht in der Gemeinde von Rom gewesen, wenn er auch viele Christen dort persönlich oder von Berichten her kannte. Es wurde in jener Zeit der 'pax romana' viel gereist im Mittelmeerraum! Paulus wollte die Römer für sein Evangelium der Gnade gewinnen und Rom zum Ausgangspunkt für geplante Reisen ins westliche Mittelmeer machen. Darum ist interessant und informativ, wie er seinen wichtigsten Brief in Kapitel 16 zu Ende führt. Zuerst empfiehlt er eine in Rom unbekannte Glaubensschwester, Phöbe, eine 'Dienerin' der Gemeinde zu Kenchreä. Kenchreä war die Hafenstadt von Korinth; in Korinth hatte Paulus den Brief geschrieben. Wenn er sie den dortigen Christen empfiehlt, muss sie also mit dem Brief zusammen angekommen sein. Daraus schließen alle Kommentatoren zu recht, dass Phöbe die Überbringerin des Briefes an die Römer gewesen ist. Man stelle sich das vor: Paulus vertraute den wichtigsten Brief des Neuen Testaments, den Brief an die Römer, einer Frau zur Beförderung an. Der Brief, der die Substanz der Lehre Jesu konzentriert enthielt, einer Frau anvertraut, die in der damaligen Welt nicht einmal als Zeugen vor Gericht anerkannt wurde! Und das von einem 'Frauenfeind'? Ich stelle mir heutige Kirchen- oder Organisationsfürsten vor! Würden sie die wichtigste Botschaft, die sie besäßen, Frauen anvertrauen? Nach meinen Erfahrungen undenkbar!

Und wie empfiehlt er Phöbe? Schreibt er etwa an die dortigen Brüder: 'sagt bitte der Phöbe, was sie zu tun hat'? Nein, er sagt: 'steht ihr bei, worin immer sie euch braucht'! Sie soll bestimmen, was sie benötigt, und die römischen Christen sollten ihr dabei Hilfe leisten. Sie war die wichtige Person!

Im nächsten Vers wird das schon genannte Ehepaar gegrüßt, Priscilla wieder an erster Stelle! Und Paulus schreibt nicht, dass sie endlich aufhören soll, Männer wie zum Beispiel Apollos zu belehren, sondern nennt sie voll Freude seine Mitarbeiterin in Christus Jesus! Die beiden ersten Personen, die in Römer 16 erwähnt werden, sind also Frauen! Wie würden im vergleichbaren Fall wohl heutige örtlichen Würdenträger oder Älteste reagieren?

Dann werden in diesem wichtigsten Brief des Christentums weitere Frauen gegrüßt: Maria, Junias, Tryphäna und Tryphosa, Persis, dann die Mutter des Rufus, Julia, Olympas usw.

Wenn man vergleicht, wie heutige Religionsführer ihre wichtigen Schreiben abfassen, dann kann ich bei Paulus durchaus keine Frauenfeindschaft feststellen, sondern ein Leben nach seinem Wort: 'da ist nicht Mann noch Frau, sondern ihr seid einer in Christus'! Er tritt ein für die Taufe aller und befreit die Christen von den Beschränkungen des alten Bundes; er kämpft gegen das den Männern vorbehaltene Bundeszeichen der Beschneidung, das diese allein unmittelbar unter den Bund stellte, und wirkt für die Gleichheit von Männern und Frauen vor Gott.

Allerdings ist er kein Sozialreformer, wie er dies auch in der Frage der Sklaverei nicht ist. Er versteht, dass im Christentum Menschen nicht ihre Brüder versklaven dürfen (Philemon 15-16), aber das würde das Evangelium durch seinen Geist im Laufe der Zeit bewirken; in gleicher Weise dürften Christen nicht Frauen unterdrücken oder missbrauchen; das Evangelium würde in seiner Kraft die Frau als Mensch wieder zum Gefährten des Mannes machen, so wie es ja schon die Stellung der Frau angehoben hatte unter den Christen. Aber das war nicht die aktuelle Aufgabe von Paulus. Seine Aufgabe war es, Menschen durch die Botschaft von Jesus zur Rettung zu führen, und dazu war er bereit, 'jedem alles zu werden', das heißt, auf viele Rechte zu verzichten, um Menschen zu retten.

1.Timotheus 2:9-15

Dennoch fragen sich viele, warum Paulus im 1. Timotheus-Brief Worte geäußert hat, die seit Jahrhunderten missbraucht wurden, um Frauen zu unterdrücken. Wie stimmt das mit dem bisher Gesagten überein? Paulus schreibt dort an Timotheus: '...ebenso, dass auch die Frauen sich in würdiger Haltung mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern mit dem, was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen, durch gute Werke. Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, auch nicht über den Mann zu herrschen, sondern ich will, dass sie sich in der Stille halte ... Sie wird aber durch das Kindergebären hindurch gerettet werden....'.

Es ist ein guter Grundsatz, bestimmte Texte im Zusammenhang zu lesen und auch zu erklären. Der 1. Brief an Timotheus zählt zu den sogenannten 'Pastoralbriefen', Briefen also, die an eine Einzelperson, an 'Hirten' in bestimmten Situationen mit bestimmten Problemen gerichtet waren. Auch wenn wir heute noch bei vergleichbaren Situationen daraus Nutzanwendungen ziehen können und sollen, müssen wir diese Briefe und ihren Inhalt für die damalige Zeit im Lichte dieser besonderen Gegebenheiten und ihres Umfeldes sehen.

Timotheus war Aufseher in Ephesus (1.Tim. 1:3); Ephesus war das Zentrum des Diana-Kultes, sowohl der orientalischen wie auch – da die Bewohnen dem griechischen Kulturkreis angehörten und überwiegend Griechen waren – der griechischen Diana, einer Göttin 'ohne Mann'. Diese Diana galt als Mittlerin zwischen den Menschen und den höchsten Göttern; ihr Kult lehrte die Überlegenheit der Frau über den Mann und missachtete die Geburt von Kindern (nicht unbedingt ein Kult der Jungfräulichkeit, aber ein Kult der Kinderlosigkeit). Ephesus war damit ein Zentrum des Okkultismus und des antiken Feminismus. Es war ein Kult der männerlosen Frau und schloss die Vorherrschaft der Frau und die Erniedrigung der Männer ein (man denke an die griechische Sage von Akteion: dieser junge Mann hatte die Göttin Diana mit ihren Nymphen beim Bade beobachtet, wurde dabei entdeckt und deshalb von ihr in einen Hirsch verwandelt, der dann von ihren Jagdhunden zerrissen wurde). Es ist somit nicht verwunderlich, dass in Ephesus durch Frauen, die vorher dem Kult der Diana gehuldigt hatten, in der Gemeinde nun Probleme besonderer Art entstanden, die möglicherweise bis zu dem Versuch gingen, die in jenem Kult praktizierte Vorherrschaft über den Mann weiter auszuüben. Hier war es daher nicht nötig, die Stellung der Frau anzuheben, sondern deren 'Überhebung' auf das biblische Maß zurückzuführen. Nur vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass zuerst – in Kapitel 2:5, deutlich gemacht werden muss, dass es nur e i n e n Mittler gibt, Christus, und nicht etwa eine weitere wie Diana (oder vielleicht Maria), auch nicht als Mittlerinnen von besonderen Offenbarungen, ferner dass Frauen nicht über Männer herrschen sollen; hier waren die Worte der Verse 9-14 als ‚Lernlektionen‘ angebracht, nicht um Frauen zu unterdrücken, sondern um die biblische Schöpfungsordnung zu rehabilitieren und wieder einzurichten: Gleichheit in der Schöpfung! Insoweit allein kann ich auch den Vers 15 verstehen, der zeigen soll, dass Kinderlosigkeit kein Vorzug ist, sondern 'sie werden auch durch Kindergebären gerettet, wenn sie in Glauben und Liebe...' bleiben. Unter anderen Bedingungen gäbe der Vers wenig Sinn, und Kindergebären an sich ist kein Verdienst.

So verstehe ich diese Verse, über die man gern Gedanken und Meinungen austauschen kann. Worauf es mir ankommt, ist zu zeigen, dass Paulus kein Frauenfeind war; allerdings war er auch kein Revolutionär, der stürmisch voranging! Er war ein Hirte, der mit der Herde ging, im Tempo, dem die Schafe folgen konnten. Ihm war an der Herde gelegen, dass Grieche mit Griechen, Jude mit Juden gehen konnten. Er wollte die Gemeinde, die ekklesia aufbauen, nicht Anstoß geben. In Römer 16 zeigt er seine große Freiheit, während andere Texte in bestimmten Situationen und unter ganz bestimmten Umständen das vordringliche Ziel haben, die Gemeinde, den Leib Christi aufzubauen und nicht – durchaus vorhandene – Rechte durchzusetzen. Doch auch er sah die christlichen Frauen nur vor Gott auf den Knien, nicht vor Männern der Gemeinde; vor ihnen durften sie als Christinnen bei Christen stehen!

Leider haben viele Kirchen und Gemeinschaften die Worte von Paulus selektiv missbraucht zur Unterdrückung der Frauen. Paulus selbst hat vor solchen 'Wölfen' in den Gemeinden gewarnt, die sich zum Herrn über die Herde machen würden. Er selbst hat sich nie zum Herrn seiner Brüder gemacht; er blieb ein Hirte, ein Hirte mit Herz, für Frauen und Männer in Christus Jesus!

Es gibt wohl keine Meinungsverschiedenheit darüber, dass Paulus gottergebene Frauen sehr schätzte und ihnen einen hohen Wert beimaß. Ich habe versucht, das bei der Besprechung von Römer 16 zu zeigen; besonders auffällig war da ja, dass er wie in 2.Timotheus 4:19 Priscilla vor ihrem Ehemann erwähnt. Der Grund mag sein, dass Priscilla ihren Mann im Verständnis der Schrift überragte. Bemerkenswert ist auch der Hinweis von Paulus auf die Mutter und Großmutter von Timotheus, Lois und Eunike, in 2.Timotheus 1:5!

Mit dem Text in Galater 3:28 zeigte Paulus, dass fleischliche Unterschiede absolut keinen Einfluss haben auf die geistliche Stellung vor Gott, die jemand als Einzelner besitzen mag. Rasse, soziale Stellung und geschlechtliche Unterschiede sind kein Hindernis für irgendeine Person, ein völlig anerkanntes Kind Gottes zu werden und zu sein (1.Joh. 3:1). Es gibt in der geistlichen Familie Gottes nicht zwei Arten von Kindern – männliche und weibliche: alle sind „Söhne Gottes“.

So wie christliche Sklaven in Bezug auf ihre Herren, so besaßen auch christliche Ehefrauen in Bezug auf ihre Ehemänner vor Gott die geistliche Gleichwertigkeit. Für Sklaven konnte dies eine Versuchung bedeuten, auf ihre ungläubigen Herren herabzusehen und verächtlich von ihnen zu denken oder sich gegenüber ihren gläubigen Herrn ungeziemende Freiheiten herauszunehmen. Auch für Frauen könnte die Versuchung entstehen, unter völliger Durchsetzung ihrer christlichen Freiheit, die sie gewonnen hatten, nun ihren Platz als gottesfürchtige Frauen zu verlassen und damit das Evangelium in der Gesellschaft, in der sie lebten, in Misskredit zu bringen. Etwas in dieser Art schien in Korinth und wohl auch in Ephesus geschehen zu sein. (Da das griechische Wort anthros, sowohl Mann als auch Ehemann bedeutet, geben manche Übersetzungen wie zum Beispiel die von Weymouth und die von Knox Verse wie der in 1.Timotheus 2:12 dieses Wort mit „Ehemann“ wieder).

Grundsätzlich wollte Paulus zeigen, dass Christinnen durch ihre christliche Freiheit nicht plötzlich in einer völlig anderen Gesellschaft lebten; sie sollten jetzt nicht die Stellung ihrer Ehemänner (oder anderer Männer) usurpieren; sie sollten ihre Freiheit nicht gebrauchen, um gleichsam wie ein sozialer „Sprengsatz“ zu wirken – eher wie ein langsam wirkendes Ferment. Da es das christliche Ziel war, Menschen für die gute Botschaft zu gewinnen, hätte ein für Außenstehende respektlos und peinlich erscheinendes Verhalten das Christentum nicht empfohlen. Die Verhaltensempfehlung, die Petrus Frauen in 1.Petrus 3:1 (mit dem ausdrücklichen Ziel, die Männer für das Evangelium zu gewinnen) gab, würde natürlich auch für ein Verhalten unter Gläubigen sinnvoll sein. Denn alle Gläubigen, Männer und Frauen, waren Glieder e i n e r geistlichen Familie und sollten sich gegenseitig in rechter Weise respektieren.

Christen sollten sich nicht so verhalten, dass sie Menschen der Kultur, in der sie leben, schockieren würden. In diesem Sinne verstehe ich auch die Ausführungen von Paulus in 1.Korinther 11. Wenn Sitten und Gebräuche der Bibel nicht widersprechen – auch wenn sie nicht ausdrücklich geboten werden -, dann sollte man bei diesen Sitten bleiben und nicht – weil man die Freiheit dazu hätte – Hindernisse in den Weg anderer legen, indem man ihnen Anlass gibt zu Fragen, welche den Anstand und die Angemessenheit des eigenen Verhaltens betreffen. Damit sind natürlich Sitten und Gebräuche nicht „festgeschrieben“, sie können sich ändern, und damit auch das Verhalten von Christen. Es soll hier auch nicht „Autoritäten“ das Wort geredet werden, die unter Missbrauch biblischer Texte das Leben von Menschen bis in die privatesten Bereiche hinein „regeln“ möchten.

Wenn man aus den Worten von Paulus ein „Regelwerk“ konstruieren will, dann geht meines Erachtens der Sinn seiner Worte verloren. Seine Briefe sind Briefe eines von Gottes Geist geleiteten Apostels, Briefe, die von Problemen unter Mitgläubigen in einer bestimmten Kultur und Zeit handelten. Die Grundsätze, die er zur Anwendung bringt, ändern sich natürlich nicht (auch der Grundsatz der „Nächstenliebe“ kann in verschiedenen Zeiten und Kulturen unterschiedlich zum Ausdruck kommen). Christen sind Glieder e i n e r geistlichen Familie, und es sollte alles vermieden werden, was zerstörerisch wirkt auf das natürliche Empfinden von Anstand und passendem Verhalten, was innerhalb dieser Familie Sitte ist. Weder Männer noch Frauen sollten ihre christliche Freiheit missbrauchen .Frauen sollten durch ihr Verhalten weder ihre Männer bloßstellen noch das Christentum in den Augen anderer herabsetzen. Kinder sollten ihre Eltern in rechter Weise achten. Ehemänner sollten ihre Frauen und Kinder in liebevoller und fürsorglicher Weise behandeln.

Meines Erachtens darf man das Wort vom ‚Schweigen‘ der Frauen auch nicht zu eng verstehen. Es gibt zum Beispiel das Wort: „Gut erzogene Kinder sollten weder gesehen noch gehört werden“; niemand würde diesen Satz so verstehen, dass Kinder nicht reden dürften; sie sollten vielmehr durch ihr Verhalten nicht das Familienleben gleichsam „sprengen, zertrümmern“, sondern sich als Glieder der Familie einfügen und auch erkennen, wann es an der Zeit ist, zuzuhören und von anderen zu lernen.

Wir kennen heute nicht die Einzelheiten der Verhältnisse in Korinth oder Ephesus, die zu den Worten von Paulus geführt haben. Doch können wir davon ausgehen, dass jene Christen, die seine Worte hörten, die Verhältnisse kannten und auch verstanden, welche geistlichen Ziele mit den Ratschlägen von Paulus angestrebt wurden. Wie die Christen des ersten Jahrhunderts, so haben auch wir heute durchaus ein Gefühl dafür, was anständig, passend und geeignet ist, wenn es um ein annehmbares oder unannehmbares Verhalten in Familie oder innerhalb der christlichen Bruderschaft gehen mag. Insoweit sind die Worte von Paulus bei aller Zeitbedingtheit dennoch zeitlos. Der Punkt ist: verletzen wir durch unser Verhalten – auch wenn wir die christliche Freiheit für unser (beabsichtigtes) Tun haben – das allgemeine Gefühl für Anstand und Schicklichkeit und bringen dadurch die gute Botschaft Gottes in Verruf? Verhält sich eine Frau in einer Weise, auch in Bezug auf ihr Verhalten gegenüber ihrem Ehemann oder anderen Männern, die in ihrer bestehenden Kultur und ihrem sozialen Umfeld als anstößig und Ärgernis erregend gilt? Das Ganze gilt natürlich entsprechend auch für das Verhalten der Männer.

Die Worte von Paulus als „Regeln“ oder extrem auszulegen, führte oft zu lächerlichem Verhalten (zum Beispiel dass Frauen Taschentücher auf den Kopf legten, wenn sie .... den Rest kennt ihr ja). Seltsam auch, dass Männer die Gebete ihrer Frauen nicht hören sollen (denn bei Anwesenheit der Männer sollen ja diese beten), wo doch die Schrift über Gebete von Frauen berichtet, die heute von Männern und Frauen gelesen werden können. Es geht viel verloren, wenn der Geist der Briefe eines Apostels nicht mehr verstanden wird; und leider gibt es Leute, die auf der Bedeutung und der Anwendung bestimmter Worte beharren, die dem ganzen Tenor, dem ganzen Sinn und der Absicht der Schrift fremd sind.

Ich habe nicht darüber zu entscheiden, welche Rolle bestimmte Religionen und Gemeinschaften ihren weiblichen Gläubigen auferlegen oder nicht auferlegen, übertragen oder nicht übertragen, aber ich denke, dass ich schon erkennen kann, wenn bestimmte „Rollenzuweisungen“ nicht geeignet erscheinen, der Würde der Frau als einem voll verantwortlichen Kind Gottes gerecht zu werden und zu einem schicklichen und passenden Verhalten beitragen, das für eine liebevolle „christliche Familie“ unter ihrem Herrn Christus kennzeichnend sein sollte. Gleichzeitig fehlt es mir aber auch nicht an Einsicht, dass man mein Verständnis dieser Gedanken von Paulus nicht oder nicht in allen Punkten teilen muss. Doch mögen meine Ausführungen wenigstens dazu beitragen, das Thema einmal – unabhängig von vorgegebenen gemeinschaftsbedingten Strukturen oder Vorgefasster Ideologien – zu bedenken.

E.F.

 
Jurek
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#26 von Jurek , 04.10.2009 15:33

Römer 10:17

Paulus spricht in Römer 10 vom Wort des Glaubens und sagt dann in Vers 17 gemäß der Schlachter-Übersetzung: ‘Demnach kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort’. doch geben viele Übersetzungen, gestützt auf zahlreiche griechische Handschriften, den Text wieder mit .... ‘Wort Christi’, ‘Ausspruch Christi’ usw., so z.B. die Übersetzungen der Zürcher Bibel, von Luther, Menge, Meister, Albrecht, die revidierte Elberfelder Übersetzung, die Wuppertaler Studienbibel und andere mehr. Das ist kein grundsätzlicher Unterschied, weil das Wort Christi und das Wort Gottes nicht zu trennen sind und grundsätzlich übereinstimmen.

Interessant ist jedoch der Hinweis des Kommentators Donald Grey Barnhouse, der besagt, dass das Wort ‘Christi’, das hier im Genitiv, als Genitivobjekt, steht, daher auch wiedergegeben werden könnte mit ‘das Wort über den Christus’.

Wenn Paulus in diesem Zusammenhang vom Hören (Vers 14) spricht, dann meint er weniger das physische Hören als das Hören mit den ‘inneren Ohren des Herzens’. Hören kommt durch das Wort über den Christus, aber wir müssen verstehen, dass das Wort über den Christus das Wort ist, das uns in der Bibel vorgelegt worden ist. Er ist das Hauptthema der Bibel, ihr Zentrum. Man könnte sagen, dass die göttliche Offenbarung im wesentlichen in der Erhöhung des Herrn Jesu Christi besteht, durch die Darstellung der Botschaft der Gnade in Jesus Christus, die es schuldigen Sündern ermöglicht, herangebildet zu werden in die Ähnlichkeit des ewigen Sohnes Gottes. Durch das Wort über den Christus, über die Bedeutung seines Todes, wird Glauben im Leben eines Menschen aufgebaut, das heißt Glaube ernährt sich vom Wort über den Christus und wächst und wächst, je mehr wir von diesem Wort empfangen. Es ist das Wort über all das, was er ist und was er durch sein Kommen für uns getan hat.

Unser Wachstum im Glauben geschieht nicht dadurch, dass ich die Bibel immer wieder von vorn bis hinten durchlese, Verse und Kapitel auswendig lerne, schwierige biblische ‘Rätselaufgaben’ lösen kann und mehr vom Text im Kopf habe als andere. Gewiss, das alles ist keineswegs verkehrt, sondern sogar wichtig und richtig. aber das bedeutet noch nicht Wachstum im Glauben. Die Voraussetzung dafür ist vielmehr die persönliche Aufnahme der Wahrheit; Glaube muss eine tiefere Wurzel haben als nur im Kopf und im Gedächtnis. Glauben ist gleichsam das ‘sich Ernähren’ mit Christus (Johannes 6:29,40,47-51). Glauben kommt, wie Paulus sagt, aus einer Botschaft, die ‘gehört’, der nicht nur ‘zugehört’ wird. Ähnlich sagte auch Jesus oft: ‘wer Ohren hat zu hören, der höre’. Und in diesem Sinn ist die Kenntnis der Bibel, eine gute Kenntnis der Bibel, wichtig.

Dann verstehen wir auch, warum Jesus in der Schrift wiederholt ‘der Stein des Anstoßes’ genannt wird; gewiss, Jesus war auch deshalb ein Stein des Anstoßes, weil er als Messias in keiner Weise den Erwartungen der Führerschaft der Juden entsprach. In dieser Hinsicht ist er sicher kein Anstoß mehr für Menschen, die sich Christen nennen. Aber er war außerdem ein Stein des Anstoßes in einer Weise, die auch für solche Christen durchaus eine Gefahr darstellen kann.

Die frommen Juden, besonders die Pharisäer, hatten sich ein Leistungssystem aufgebaut, durch das sie sich das Leben vor Gott ‘verdienen’ wollten und wobei sie sich gleichzeitig erhaben fühlten über die gewöhnlichen sündigen Menschen (Römer 10:1-4); und nun kam einer, der ihnen klar machte, dass alle ihre unbestrittenen Leistungen, selbst ihre besten, vor Gott in keiner Weise ausreichend waren, ‘nicht zählten’, der aber Rechtfertigung, Versöhnung, Rettung allein aus Umkehr und Glauben, gleichsam als ‘Geschenk Gottes’, anbot. Das war für den inneren Hochmut - bei aller äußerlichen Demut -, für das elitäre Bewusstsein dieser Menschen unannehmbar. Der Stolz des Menschen, sein Eigenwertgefühl ist oft ein großes Problem. Und auch heute gibt es Gemeinschaften, in denen diese Eigenschaften dazu führen können und führen, dass Jesus Christus für sie zu einem Stein des Anstoßes wird. Einen ‘solchen’ Jesus, der ohne Leistung im Glauben selbst von den schlechtesten Menschen angenommen werden kann, ohne dass sie entsprechende Leistungen als ‘Verdienst’ erbringen müssen? Das kommt nicht in Frage! Lieber die beständige Ungewissheit: reichen meine Leistungen aus oder nicht? Bin ich ‘Schaf im Paradies’ oder ‘Schlachtvieh’? Die Herzen rebellieren gegen die Einsicht, dass sie nichts, aber auch gar nichts, für sich selbst tun können, ja dass eigenes Leistungsstreben und Leistungsdenken nur von Sohn Gottes wegführt. Der Stein des Anstoßes ist für viele mehr oder weniger die Tatsache der Rettung durch den Herrn Jesus Christus und durch ihn allein!

Menschen erklären oft und gern, dass sie Christen sind, Christus angenommen haben, an ihn glauben; aber das ist oft ein Christus ihrer eigenen Vorstellungswelt, der die Rolle spielt, die sie ihm zugewiesen haben. Sie weigern sich indes, den Christus der Bibel anzunehmen, so wie ihn die Bibel schildert (Das ist nicht verwunderlich, denn mit der Person Gottes ist es oft nicht anders). Der Christus der Bibel ist der für die Menschen gestorbene Christus (1.Korinther 2:2). Er ist nicht der Christus der hohen Ethik und Moral und der vorbildlichen Lebensführung, sondern der gestorbene und auferstandene Christus, der Christus, der ein Leben ermöglicht, das allein vor Gott annehmbar ist. Wenn wir zu diesem Christus kommen wollen, müssen wir zuerst unsere eigene Verlorenheit und Hilflosigkeit erkennen, jedes Vertrauen in die eigene Leistung, in eigenen Verdienst verwerfen; aber gerade darum ist er für so viele ein ‘Stein des Anstoßes’.

Doch haben wir die Zusicherung in Römer 10:13, dass jeder, der den Namen des Herrn (griechisch: kyriou - Genitiv von kyrios) anrufen wird, errettet werden wird. Es ist die offene Tür, von der Jesus in Johannes 10 gesprochen hat; Gott zeigt hier, wie leicht er erreichbar ist für Menschen aller Art und aller Zeiten. Gott hat den Weg zur Rettung so einfach gemacht, dass kein Mensch eine Entschuldigung haben wird, auch wenn dieser Weg gerade deshalb für manche Menschen zu einfach und deshalb ungangbar erscheint. Doch der Weg der Rettung ist klar und offen. Daher hat auch jeder Mensch Verantwortung. Die gute Botschaft sagt, dass Gott alles getan hat, um dich mit Ihm zu versöhnen. Du kannst annehmen, wenn du willst.

Der Name des Herrn! Hier steht nicht mehr der Mensch Jesus auf Erden vor uns, sondern der Herr aller, der von Gott zum Richter der Welt bestimmt ist. Sein Name steht für alles, was die Schrift über ihn aussagt, für alles, was Gott für den Menschen in den Namen Jesus Christus eingeschlossen hat (Philipper 2:9-11). Alles, was der Mensch je irgend benötigen wird, ist von diesem Namen umfangen, dem Namen des Herrn Jesu Christi. Das schließt ein materielle, emotionale, geistige Dinge. Er ist die bleibende Grundlage (1.Korinther 3:11) und auch die bleibende Quelle (Johannes 7:37-38), die ins ewige Leben quillt!

Was bedeutet es, ‘den Namen’ anzurufen? Man kann tatsächlich den Namen buchstäblich anrufen, ohne ihn ‘wirklich’ anzurufen; auch dafür steht in der Apostelgeschichte ein Beispiel in 19:13-17. Man könnte sagen, diese Leute benutzten den ‘Text’, aber es fehlte die ‘richtige Musik’. Das Anrufen des Herrn sollte aus Herz und Sinn, aus Geist und Kraft, aus dem ganzen Sein erfolgen, aus dem Bewusstsein, dass man alle Hoffnung von sich selbst abgewandt und sie nur und ausschließlich dem Herrn im innigsten Vertrauen zugewandt hat.

Das Anrufen des Namens Jehovas war im alten Bund immer auch mit Opfern verbunden; das Blut von Opfertieren wurde vergossen zur Versöhnung. Das hilft uns erkennen, wofür der Name des Herrn steht. Er ist der Herr der Rettung, der Herr aller; ihm zu nahen bedeutet, durch sein Sühnopfer zu ihm zu treten, anzuerkennen, dass in uns selbst keine Kraft vorhanden ist, etwas für uns selbst zu tun, sondern dass alle Macht von ihm kommt; es bedeutet, unser Vertrauen im Glauben auf ihn zu setzen und zu bitten, er möge für uns handeln und eintreten, da er unsere Nöte und auch unser Unvermögen kennt. Gott gebe, dass unser Anrufen des Namens des Herrn sich ausdrücken möge in einem beständigen, fortgesetzten Vertrauen, zur Ehre Gottes des Vaters.

E.F.

 
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#27 von Jurek , 04.10.2009 15:34

Vaterschaft Gottes für alle?

In unserem Zeitalter der Toleranz wird nicht selten von einer Vaterschaft Gottes für alle Menschen gesprochen. Für gläubige Christen stellt sich die Frage, ob dieser Standpunkt von Gottes Wort, der Bibel, gedeckt wird.

Eindeutig ist die Aussage, dass wir als Christen Gott unseren Vater nennen und uns mit unseren Sorgen allezeit an ihn wenden können. Das bedeutet jedoch nicht, dass er als ‘unser Problemlöser’ angesehen werden sollte, auf den wir je nach Bedarf zurückgreifen könnten. Vielmehr verheißt die Bibel, dass wir mit Hilfe seines Geistes ‘umgeformt, nach dem Bilde Jesu gestaltet, mit einer neuen Persönlichkeit versehen, auf den Hochweg der Heiligung geführt werden’. Daher kann es vorkommen, dass wir in unserem Leben manchmal dornige Pfade zu beschreiten haben, manchmal wie vor einer Mauer stehen. Es ist dann wichtig zu erkennen, ob wir in solche Probleme gekommen sind, weil wir von Gottes Weg abwichen - die Konsequenz wäre eine Rückkehr zu Gottes Wegen - oder ob diese Probleme Glaubensprüfungen darstellen, die wir zu durchstehen haben. Wir wissen, dass Menschen in der Vergangenheit große Leiden zu durchleben hatten, ohne dass sie jedoch Gottes Wohlgefallen verloren gehabt hätten, im Gegenteil. Es waren oft Personen, die gerade durch solche Leiden auf besondere Aufgaben vorbereitet wurden. Das heißt aber nicht, dass wir jedes Leiden unter diesem Blickwinkel betrachten sollten; viele Leiden sind anderen Ursprungs, denn auch die Menschen, die nicht an Gott glauben, leiden aus den verschiedensten Ursachen, und sei es aus Ungerechtigkeit, Bedrückung, Verfolgung und Not (1.Petrus 4:15-16; 1.Petrus 3:14,17).

Doch zurück zu dem Begriff der Vaterschaft Gottes. Nirgendwo lehrt die Schrift, dass sich Gott als der ‘Vater’ aller Menschen bezeichnet; er ist der ‘Schöpfer’ aller, und Christus ist auch für alle gestorben. Doch nur solchen, die Jesus annahmen, gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu sein (Johannes 1:12), und nur diese können und dürfen ihn auch als Vater ansprechen; es waren seine Jünger, die er entsprechend beten lehrte. Vater ist Gott für die Gläubigen; die anderen werden von der Schrift als Kinder des Zorns bezeichnet (Epheser 2:3). Es gibt allerdings eine Gruppe von Personen, die sich nicht als seine durch den Heiligen Geist ‘gesalbten’ Kinder betrachten, sondern nur als seine ‘Freunde’. Aber eine solche dritte Gruppe kennt die Schrift nicht. Entweder gehören wir zu seiner Familie, oder wir bleiben Kinder des Zorns.

Wenn wir Christus im Glauben als Herrn und Erlöser angenommen und damit Gott zum Vater haben, dann versichert uns Paulus in Römer 5:5, dass er seine Liebe ausgießt in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist. Hier wird auch die Wiedergeburt angesprochen, die in Verbindung mit dem Heiligen Geist steht (Titus 3:5). Und von diesem Heiligen Geist wird gesagt, dass wir in ihm geboren sind, dass er in uns wohnt, dass wir in ihm getauft und durch ihn versiegelt sind, und dass wir von ihm erfüllt und gesalbt sein werden. Aber das Wichtigste daran ist, dass wir vermittels des Geistes durch die Wiedergeburt Glieder der Familie Gottes wurden, Söhne Gottes durch den Glauben an Jesus Christus (Galater 3:26). Diese Gedanken hat Jesus dem Pharisäer Nikodemus klar zu machen versucht (Johannes 3). Alle, die gerettet sind aus Glauben, gehören zur Familie Gottes; jene, die Christus angenommen haben, gehören dazu noch zum Leib Christi, zur Braut Christi. Auch hier wirkt und leitet der Heilige Geist.

Gerechtsprechung

Paulus macht in seinen Briefen sehr deutlich, dass unsere Gerechtsprechung vor Gott nicht durch eigene Leistung, durch Werke, geschieht, sondern aus Gnade durch den Glauben an Jesus Christus.
Es gibt Gemeinschaften, die ‘Taufanwärter’ erst zulassen, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen, gleichsam eine ‘Bewährung’ ablegen. So gingen weder Paulus im Fall des Gefängnisaufsehers von Philippi noch Petrus bei Cornelius vor. Wenn der Glaube im Herzen eines Menschen ersichtlich geworden war, wenn Jesus als Herr angenommen worden war, dann konnte jemand Jünger werden. Bestimmt hatten sowohl der Gefängnisaufseher wie auch die Familie des Cornelius noch manches in ihrem Leben zu verändern, als sie nun ihren christlichen Lauf begannen, aber diese Änderungen konnten sie jetzt, nachdem sie gläubig und getauft worden waren, vornehmen. Es gab keine ‘Bewährungszeit’! Wenn heute eine Person wie dieser Gefängniswärter gläubig würde, dann würden ihn nicht wenige Kirchenführer und Älteste nicht zur Taufe zulassen; er müsste zuerst ‘bestimmte Publikationen studieren, Änderungen vornehmen, predigen’ oder andere Voraussetzungen erfüllen. Und nicht selten geht es dann auf dem weiteren christlichen Lebensweg, dem Weg der Heiligung, genau so weiter. Hier wird immer wieder gegen Römer 14:13 verstoßen: Lasst uns nun nicht mehr einander richten!

Die Bibel kennt also keine Bewährungszeit, wenn jemand den Herrn, Christus, im Glauben annimmt; vielmehr versichert sie, dass vor Gott das frühere Leben eines Gläubigen ausgewischt, von ihm vergessen ist. Und Gott vergisst, auch wenn manche ‘Mitchristen’ sich gern und immer wieder an das Vorleben ihrer ‘Brüder’ erinnern; und wir sind so geartet, dass wir uns leichter an das Schlechte als an das Gute erinnern. Aber davor warnt uns die Bibel immer wieder; sie gibt uns auch das Heilmittel gegen den ‘Richtergeist’: Liebe. Und wir haben allen Grund, Liebe zu üben, da wir Knechte dessen sein dürfen, der uns wirklich frei gemacht hat. Nach Römer 6:14-17 sind wir alle Knechte, doch haben wir die Freiheit, unseren Herrn zu wählen! Und dem Herrn, den wir erwählen, müssen wir auch gehorchen. Paulus setzt voraus, dass gläubige Christen Knechte Jesu Christi sind. Daher sollten wir uns auch freuen, wenn wir in einem anderen Menschen die Frucht der Erlösung erkennen, statt auf seine noch vorhandenen Fehler zu sehen. Was waren wir denn selbst, bevor Gott uns annahm! Wir verdienten nichts, doch er schenkt uns ewiges Leben, das uns langsam zum Bilde seines Sohnes hin verwandelt. Wie also könnten wir anders als uns freuen, wenn Gott wiederum ein anderes Kind Adams befreit? Die Rettung eines jeden verherrlicht Gott und seine Gnade und ist Grund für Danksagung. Der Ausdruck dieser Liebe ist auch ein Erweis unserer eigenen Rettung (1.Johannes 3:14). An diesem Maßstab sollten wir unsere Einstellung zu unseren Mitchristen messen. Warum beklagen sich Christen häufig über Geschwätz, Neid, Eifersucht in ihren Reihen? Weil sie diese Einstellung nicht angenommen haben. Wenn wir wirklich Gott danken dafür, dass er einen weiteren Menschen in Christus gerettet hat, werden wir nicht dazu beitragen, dessen Ruf zu schädigen; und wenn wir an unseren Brüdern Fehler sehen, sollten wir nicht nur daran denken, dass wir selbst ja auch noch genug davon vorweisen können, sondern auch daran, was aus diesem Menschen wohl geworden wäre, wenn er nicht den Weg zu Christus gefunden hätte. Wir wissen nicht, wie sehr er schon seine Persönlichkeit geändert hat, trotz seiner noch vorhandenen Fehler; denn jeder wird ja auf einem bestimmten sozialen und kulturellen Stand geboren und erzogen; und von diesem Stand aus, der an sich schon individuell sehr unterschiedlich ist, beginnt der Heilige Geist mit seinem Werk; wir haben Grund, uns darüber zu freuen, statt jene zu richten, die auf diesem Weg noch nicht sehr weit gekommen sind.

Gehorsam

In Römer 6:17-23 zieht Paulus Schlussfolgerungen aus der Tatsache, dass wir Knechte Jesu Christi sind; er spricht von Gehorsam (Vers 17).

Gehorsam ist in unserer Zeit der Selbstentfaltung und Selbstfindung kein hochgeschätztes Wort, zumal wenn es gedanklich mit dem Begriff des ‘Kadavergehorsams’ in Verbindung gebracht wird. Doch ein solcher Gehorsam wäre auch derer unwürdig, deren Herr sagt: ‘wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit’ (2.Korinther 3:17). Der biblische Gehorsam, von dem die Schrift in der Tat viel spricht, ist ein Gehorsam, der, von der Liebe zum Herrn angetrieben, freiwillig, gern und rückhaltlos erbracht wird. Er ist in keiner Weise Zwang, sondern wird als Vorrecht und als freie Gabe des Gläubigen angesehen. Dabei wissen diese, dass selbst ihr Gehorsam kein Verdienst ist, das auf eigenen Leistungen und Werken beruhen würde, sondern letztlich wieder Gabe Gottes, da wir nur mit seiner Hilfe unseren Weg gehen können, und da e r sowohl das Wollen als auch das Vollbringen gewährt (Philipper 2:13). Wenn daher nachstehend von Gehorsam gesprochen wird, dann ist der Begriff in diesem Sinne zu verstehen.

Von Jesus wird zu Recht gesagt, dass er dem Willen Gottes völlig gehorchte; und an ihm sehen wir, dass er nicht nur mit Worten lehrte, sondern in Übereinstimmung damit so lebte, wie er lehrte; d.h. dass er noch mehr durch sein Beispiel lehrte. Er erläuterte zum Beispiel in der Bergpredigt die göttlichen Gebote und Grundsätze, aber er lebte auch so, dass man allein aus seinem Leben alle moralischen Grundsätze ableiten könnte, die zur Leitlinie des menschlichen Lebens benötigt würden.

Dennoch dürfen wir nicht übersehen, dass damals wie heute die Menschen Jesus sehr unterschiedlich sehen. Nehmen wir als Beispiel vier Personen, die den Tod Jesu auf Golgatha angesehen haben: 1. einen römischen Soldaten; 2. einen Pharisäer; 3. eine der mitleidigen weinenden Frauen unter den Zuschauern; 4. einen Jünger. Was sahen sie? Der Römer sah einen hingerichteten jüdischen Rebellen; für den Pharisäer starb hier ein zu Recht verurteilter jüdischer Lästerer und Abtrünniger; die weinende Frau sah einen bedauernswerten, freundlichen und lieben Mann, den man marterte; der Jünger aber erkannte: Jesus Christus, der Sohn Gottes, starb hier für meine, für unsere Sünden! Alle vier mögen später über dieses Ereignis berichtet haben. Drei berichteten das Geschehen, aber nur einer berichtete die gute Botschaft, das Evangelium. Christliche Lehre ist das Berichten von Ereignissen und dazu deren Erklärung, hier die Erklärung des stellvertretenden Leidens und des Gehorsams Jesu bis zum Tod.

Ein Nachfolger Jesu zeigt seinen Gehorsam, von seinem Herzen angetrieben, darin, dass er sein Vertrauen und seine Hoffnung voll auf den Retter und Erlöser setzt, nicht mehr auf seine eigenen Werke oder Verdienste. Er vertraut auf Gottes Wort. Er zeigt seinen Gehorsam auch in der Tatsache, dass er ‘umkehrt’ von seinem früheren Lauf ohne Gott (Apg. 17:30-31), und dass sein Bereuen aus dem Herzen kommt und nicht eine äußerliche Zurschaustellung ist. Aber vor allem wird sich dieser Gehorsam in der Haltung eines Christen gegenüber seinem Herrn, Jesus Christus, zeigen. Gott offenbarte seinen Sohn als Retter der Welt; die Welt aber wollte ihn nicht, bis heute (Luk. 19:14). Doch seine Nachfolger nahmen ihn an in allem, was er über sich sagte und offenbarte (Johannes 10:30 + 14:9). Die Juden damals, die verstanden, was er mit seinen Worten sagen wollte, beabsichtigten sofort, ihn zu steinigen (Johannes 10:33). Jesus nur teilweise anzuerkennen, zum Beispiel als beispielhaften Menschen, würde einen Mangel oder gar ein Fehlen von Glauben aufzeigen.

An dieser Einstellung zu Jesus scheiden sich die Geister:

wenn Jesus wusste, dass seine Behauptungen über sich selbst falsch waren, dann war er ein Betrüger;
waren seine Behauptungen zwar falsch, aber er war sich dessen nicht bewusst, dann muss man ihn als verrückt bezeichnen.
Der Gläubige aber erkennt in ihm den Sohn und Retter von Gott her und kann sagen: mein Herr und mein Gott (Johannes 20:28). Dies muss die unvermeidliche Haltung eines gläubigen Christen sein!

Schließlich drückt sich der Gehorsam eines Christen auch in seiner Haltung gegenüber dem Wort Gottes in der Bibel aus. Manche lehnen es völlig ab, andere verwässern es, schwächen es ab, verfälschen und vermengen es mit menschlichen Vorschriften, ja ersetzen es sogar teilweise. Wieder andere sehen darin nur ein interessantes menschliches Werk; für sie mag die Bibel etwas von Gottes Wort enthalten, aber auch Mythen, Überlieferungen und Legenden. Sie anerkennen die Autorität des Wortes nur in den Teilen, die sie selbst für ‘echt’ erklären.

Der Gläubige dagegen anerkennt, dass in diesem Wort Gott sich selbst offenbart hat, vor allem in seinem Sohn; er sieht darin nicht die Wiedergabe eines von Menschen geschaffenen Gottesbildes, sondern er nimmt die Bibel als die Stimme Gottes an. Dieses Wort wird bestehen (Matthäus 24:35). Und diesem Wort will der Gläubige gehorchen von ganzem Herzen. Den Unterschied zwischen der Haltung eines Ungläubigen und eines Gläubigen kann besonders der empfinden, der früher selbst ungläubig gewesen war.

Interessant ist, dass solcher Gehorsam eines Gläubigen sogar von denen erwartet wird, die selbst nicht glauben; das sieht man immer wieder an den Reaktionen, wenn Fehlhandlungen oder Vergehen von Personen begangen werden, denen man eigentlich eine christliche Einstellung unterstellen würde. Dabei ist es eine allerdings nicht ‘nachweisbare’ Tatsache, dass uns Christus als unser Hirte und Leiter von vielen Dingen zurückgehalten hat, die wir als Ungläubige vielleicht begangen hätten in dem Streben nach den Zielen, die heute für nicht wenige den Sinn des Lebens ausmachen. Weil wir seine Knechte sind, werden wir vor vielem geschützt.

Dabei verkennen wir nicht, dass es unter den Ungläubigen sehr große Unterschiede gibt, und dass auch sehr große Unterschiede in ihren Übertretungen bestehen. Aber dennoch sind sie alle nach der Bibel ‘Knechte der Sünde’, da sie nicht Knechte Jesu Christi sind und sein wollen.

Christus hat uns durch seinen Tod von der Knechtschaft der Sünde befreit; wir sind nun seine Knechte, was Gehorsam einschließt. Er ist jetzt unser Herr! Das verändert unser Leben, unsere Lebenseinstellung und unsere Lebensverhältnisse.

Und im Zusammenhang mit dem Gehorsam dürfen wir auch Gottes Gnade nicht vergessen. Die ganze Schrift zeigt, dass er über seine Kinder wacht, über jene, die er in Christus erwählte, schon heute, bevor die Gabe des ewigen Lebens voll empfangen wird. Selbst in Zeiten, in denen wir durch unser Fleisch ihm widerstehen, umgibt er uns mit seiner Liebe und Güte, um uns zur Reue zu führen. In Bezug auf seine Gabe des ewigen Lebens lässt er uns durch sein Wort erkennen: der Urheber des ewigen Lebens ist Gott der Vater; doch das Einpflanzen des ewigen Lebens, wie die Schrift sagt, verändert gegenwärtig nicht unsere adamische Natur, vielmehr bedeutet es ‘eine neue Schöpfung (2.Korinther 5:17; 1Petrus 1:23; 2.Petrus 1:4); der fleischliche Sinn, das natürliche, trügerische Herz ist noch vorhanden (1.Johannes 1:10). Aber seine Gnadengabe ist ewiges Leben (Römer 6:23).

Paulus schreibt hier an Gläubige, und so ist dieser Text in Römer 6:23 heute an Gläubige gerichtet. Er zeigt, dass die Knechtschaft der Sünde für sie zu Ende und dass die Herrschaft des Heiligen Geistes wirksam ist. Dies macht auch für uns als Gläubige ein siegreiches Christenleben möglich. Darum darf von Gläubigen Gehorsam in Christus erwartet werden.

Die von Paulus erwähnte Gnadengabe des ewigen Lebens kommt durch Jesus Christus, unseren Herrn. Darum kann sich niemand vor Gott rühmen, und wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn (1.Kor. 1:29 und 2.Kor. 10:17).

In Römer 8:31-34 fasst Paulus die Auswirkungen der Gnade Gottes nochmals zusammen. Wer sollte gegen die sprechen, die Gott gerechtfertigt hat? Aber die vorausgehende Frage an jeden war die, welche schon Christus gestellt hatte in Matthäus 22:42: was haltet ihr von dem Christus? Das ist auch die entscheidende Frage an jeden heute, und jeder hat das Recht der Wahl in seiner Antwort. Für einige damals waren die Dinge‚ die Christus betrafen, ein Ärgernis’ oder ‘eine Torheit’ (1.Kor. 1:18-23), und sie wandten sich ab. Auch heute gibt es solche Menschen; Skeptiker mögen erklären: ich kann das so nicht sehen! Natürlich nicht, denn der Gott dieses Systems verblendet die Augen vieler Menschen (2.Kor. 4:3-4); andere nehmen die Botschaft über den Christus einfach nicht an und halten sie für unvernünftig (1.Kor. 2:14). Dann gibt es Menschen, die lieber den Kopf in den Sand stecken als sich zu vergewissern; oft verlassen sie sich auf geistliche Autoritäten und vergessen, dass sie als Einzelne vor Christus stehen, der für sie starb. Kein geistlicher Führer starb für sie. Aber solche Leute sagen oft: ‘was sollen wir denn dazu sagen; wohin sollen wir denn gehen?’ Gleichgültigkeit ist heute ja eines der Hauptprobleme der Gesellschaft gegenüber den wirklich wichtigen Dingen. Daran ändert es auch nichts, dass ein großer Teil der Bevölkerung religiöse Lippenbekenntnisse zum Ausdruck bringen mag.

Doch der Gläubige ist durch Gottes Gnade gerechtfertigt; wer sollte ihn noch anklagen? Vielleicht mögen manche behaupten, ein gerechter Gott habe kein Recht, den Sünder zu rechtfertigen; doch die Antwort ist: Gott legte all unsere Sünden auf seinen Sohn, und er hat für unsere Sünden bezahlt. Dies tat Gott, obwohl wir noch Sünder sind, deshalb gibt es keinen Grund mehr für eine Anklage.

Wer könnte uns denn anklagen? 1. Gott selbst; 2. andere Menschen; 3. der Widersacher Satan. Aber Gott weiß, dass seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit durch das Opfer Jesu voll genüge getan wurde. Ferner wird er nie auf die Anklagen von anderen Menschen hören, die nicht wie er in die Herzen seiner Kinder schauen können. Und auf die Anklage von Satan wird er nicht hören, auf den, der das Erlösungswerk Christi zunichte machen wollte und der Christus hasst. Niemand kann verurteilt werden außer durch Gott, nur er hat das Recht über Leben und Tod im geistigen Bereich. Zwar steht die gottlose Menschheit gegen ihn, aber in seiner Liebe hat er für viele Rettung bewirkt; doch Voraussetzung dazu ist, dass jemand seine persönliche Schuld vor Gott zugibt und Gottes Rettungsvorkehrung in Christus anerkennt und annimmt.

Wenn der Heilige Geist uns von unseren Sünden überführt hat und wir uns unserer Schuld bewusst wurden, dann stimmen wir Gottes Worten zu. Wir kämpfen nicht länger gegen Gott und versuchen auch nicht durch eigene Leistung vor ihm zu bestehen. Wenn wir erkennen, dass wir unvermeidlich vor Gottes Gericht stehen, dann sind wir bereit, ihm in Christus unser Leben zu übergeben. Christi Tod ist unsere Erlösung, seine Auferstehung unsere Garantie. Gott nahm sein Sterben an für uns, an Stelle unseres Todes. Daher wird er nie mehr auf unsere Sünde schauen und wird nie auf Anklagen hören, die irgendjemand gegen uns vorbringen könnte.

Christus ist unser Hohepriester; er tritt für uns ein; er betet für uns; er sitzt zur Rechten Gottes als unser beständiger Fürsprecher. Die Bibel zeigt uns, dass unser Herr, zur Rechten des Vaters, sich nicht mit den Regierungsplänen und Regierungsabsichten der Nationen beschäftigt; was diese betreffen, so ist die Zukunft mit dem Ziel des Reiches Gottes schon seit langem festgelegt und durch die Propheten und Apostel in bleibender Form niedergeschrieben worden. Nichts wird die Ereignisse ändern, die Gott für die Erde festgelegt hat. Es ist eine wunderbare Sache, dass Christus alle Zeit hat, um sich damit zu befassen, den Strom seiner Liebe hinzulenken auf jene, die er erlöst hat um den Preis seines eigenen Blutes.
Preis sei ihm zur Ehre des Vaters!

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#28 von Jurek , 04.10.2009 15:34

Ist das NT nur für die 144000?

Ist ein Teil der griechischen Schriften, ja der größte Teil dessen, was gemeinhin Neues Testament genannt wird, nur für die 144000 bestimmt?

Auch mir ist diese Lehre bekannt, und ich muss gestehen, dass selbst in der Zeit, als ich die Organisation rückhaltlos bejahte, ich diese Aussage nie annehmen konnte. Ich finde in der ganzen Schrift keine Begründung dafür. Jesus spricht immer zu seinen Nachfolgern und zu denen allen, die durch ihr Wort an ihn glauben (Joh. 17:20). Jesus ist gekommen, um aus allen seinen Schafen eine Herde zu machen, nicht wieder zwei oder mehrere; wir aber machen ein Zwei-Klassen-System aus den Nachfolgern Jesu.

In Johannes 10:16 spricht Jesus davon, dass er andere Schafe habe, die nicht aus dieser Hürde seien, und er würde sie bringen und aus ihnen eine Herde unter einem Hirten machen. Da wird gesagt, diese anderen Schafe seien die Menschen mit irdischer Hoffnung, die aus ‘dieser Hürde’ dagegen jene mit himmlischer Hoffnung. Selbst in der leitenden Körperschaft stieß diese Auslegung auf Widerspruch; allerdings gab es keine Zweidrittelmehrheit für eine Lehränderung.

Aber betrachte doch einfach die biblische Situation: an wenn richtete Jesus seine Worte? Der Bericht beginnt in Johannes 11:40; Jesus sprach dort zu Pharisäern, von denen er sogar sagte, dass ihre Sünde bliebe (Vers 41). Sind das die Glieder der ‘himmlischen Klasse’? Gewiss nicht! Doch wenn er sagt, er habe andere Schafe, die nicht aus der Hürde stammten, zu denen die Pharisäer gehörten, dann entsteht die Frage: zu welcher Hürde gehörten sie denn? Nun, zu den Menschen in der Hürde des Gesetzes! Die Heiden hatten überhaupt keine Hürde. Aber Jesus zeigte ihnen, dass er Menschen zu sich ziehen würde, die sowohl aus der Hürde Israels kämen wie auch aus ganz anderen Bereichen, nämlich aus den Heiden. Das geschah ja auch mit Beginn der Bekehrung des Cornelius. Und es stimmt völlig mit anderen biblischen Aussagen überein, wie zum Beispiel mit Epheser 2:15-18; 3:4-6. So sind – und das bestätigen alle Bibelkommentatoren – die anderen Schafe die Christen aus den Nationen, die mit denen aus den Juden nun eine Herde bildeten; das geschah unter der Leitung des Heiligen Geistes, zwar nicht ohne Schwierigkeiten, wie uns die Apostelgeschichte berichtet, und auch in den Briefen von Paulus wird immer wieder deutlich, wie manche durch Rückfall ins Gesetz die alte Hürde gern wieder aufgerichtet hatten; aber die eine Herde kam zustande! Und in keiner Weise bezieht sich die Bibelstelle auf die künftige Hoffnung von Christen, sei sie himmlisch oder irdisch, und nirgendwo finden wir den Gedanken, dass das Wort Gottes nur für einen winzig kleinen Teil der Jünger Jesu gelten solle.

Dazu noch folgendes: wenn man z.B. Römer 8 liest, dann findest Du zwei Gruppen von Menschen, nämlich jene, die sich vom Geist leiten lassen, die den Geist haben (Röm. 8:9) und jene, die dem Fleische folgen. Wer den Geist Christi nicht hat, ist nicht sein, sagt die Schrift; die im Fleisch wandeln, können Gott nicht gefallen. Findest Du eine Gruppe, die nicht den Geist hat und dennoch Christus angehört? Nicht im Römerbrief und nicht in der ganzen Schrift! Übrigens gehört auch die große Volksmenge Christus an (Offb. 7:14). Es gibt nach der Schrift tatsächlich zwei Klassen: solche, die Christus angehören, und solche, die ihm nicht angehören, aber keine dritte Klasse.

Was sagt die Bibel über Jesu Jünger? ‘So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden’ (Joh. 1:12) Und wir sind es (1.Joh. 3:1)! ‘So viele’, das heißt alle, die ihn aufnahmen; und diese wurden durch den Glauben aus Gott geboren (Joh. 1:13). Das ist das Geheimnis der Wiedergeburt: von Gott durch seinen Geist bewirkt an denen, die Glauben haben, die Jesus als Herrn angenommen haben (1.Petr. 1:3,23); auch Paulus spricht von dieser Wiedergeburt (Titus 3:4-5).

Man sagte uns: nur die 144000 sind wiedergeboren und Kinder Gottes, alle anderen sind nur Freunde Gottes. Aber wessen Wort zählt mehr? Das Wort von Menschen oder das der Bibel? Lass uns doch kurz in Johannes, Kapitel 3 schauen; den Vers 36 wenden wir an auf die himmlische und die irdische Klasse; auch der berühmte Vers 16 einschließlich der folgenden Verse wird immer wieder auf beide Klassen bezogen. Aber gerade der Vers 16 ist ja Bestandteil des Gesprächs Jesu mit Nikodemus, dem Mitglied des Hohen Rats. Jesus sprach mit ihm über die Möglichkeit, in das Reich Gottes zu gelangen, es ‘zu sehen’; Nikodemus als Jude dachte hier nicht an eine himmlische Hoffnung, sondern durchaus an eine irdische; und was sagte nun Jesus in diesem Gespräch über jene, die in das Königreich gelangen wollen – sei es im Himmel oder auf Erden? Er sprach: ‘...wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen’ (Vers 3); ‘wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen’ (Vers 5); ‘wundere dich nicht, dass ich dir sagte, ihr müsst von neuem geboren werden’ (Vers 7). Diese Verse gehören mit Vers 16 zusammen; und was sagt Jesu damit? ‘Wenn jemand nicht ... dann nicht’; ‘alle, die ... haben das Recht’! Jesus spricht über die Wiedergeburt im Glauben; er sagt: ‘wenn ... dann’; ‘wenn nicht ... dann nicht’! Es ist ein entweder - oder; aber es gibt keine Gruppe, bei der es heißen könnte: ‘wenn nicht ... dann doch ...’; die nicht wiedergeboren ist, aber dennoch in das Königreich eingehen wird, sei es im Himmel oder auf der Erde; denn dass Menschen auf der Erde leben werden unter der Herrschaft Christi, das zeigt die Bibel deutlich; doch das ist jetzt nicht das Thema, sondern vielmehr, dass wir alle eine Herde Christi sind, wo immer auch wir in Gottes Vaterhaus wohnen werden (Joh. 14:2).

Es ist ja ähnlich wie beim Abendmahl oder Gedächtnismahl: Rutherford hat 1935 entschieden, nur die Personen mit himmlischer Hoffnung dürften die Symbole nehmen; doch lies einmal alle 4 Berichte über die Einsetzung dieses Mahls in Matthäus, Markus, Lukas und in 1.Korinther 11: es geht hier nicht um künftige Hoffnungen – davon wird überhaupt nicht gesprochen -, sondern um die Erinnerung an das Blut Jesu, das für uns zur Vergebung der Sünden vergossen wurde, es geht um Annahme des Opfers Jesu, und Paulus fügt noch hinzu, dass wir durch die Teilnahme den Tod des Herrn verkünden, bis er kommt. Und hat nicht auch die große Volksmenge ihre Gewänder gewaschen und weiß gemacht im Blut des Lammes?
Wenn heute die Gesellschaft ihre Meinung revidieren würde, dann nähmen plötzlich alle Zeugen wieder die Symbole; aber was zählt denn? Das Wort Jesu oder das Wort eines Menschen?

Wenn es Manchen passt, dann heißt es: auch die anderen Schafe können daraus Nutzen ziehen, und man wendet die Texte beliebig auch auf sie an; zum Beispiel Matthäus 28:19-20! Da sollen nicht nur die Gesalbten predigen, sondern auch die fälschlich so genannten ‘anderen Schafe’, sogar die Frauen; aber taufen dürfen sie wiederum nicht, obwohl das Taufgebot im gleichen Vers enthalten ist, und obwohl das biblische Beispiel zeigt, dass man die Taufe nicht von über 100 Fragen oder von der Zustimmung von Ältesten abhängig machte; Philippus taufte allein, wie auch Petrus, und Paulus berichtet, dass er in Korinth nur wenige Personen taufte, die meisten wurden von anderen Christen getauft. Der zu Taufende war wichtig, nicht der Täufer! Auch Römer 10:9-10 oder Hebräer 13:15 oder Römer 12:1 sind Texte, die beliebig nicht nur auf Gesalbte angewandt werden. Irgendwie ist das nicht folgerichtig, wohl aber zweckbedingt.

Deshalb sei dies gewiss: alles, was Gottes Wort sagt, ist für alle Jünger Jesu, - es gibt nur eine Herde Jesu - und wir dürfen dankbar sein, dass wir aus Glauben in Gnade gerettet und wiedergeboren sind zu der lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi. Wie traurig, dass so viele Brüder sagen: das ist alles für den Überrest, wir müssen uns das Leben und die Gerechtigkeit selbst erarbeiten; doch damit stünden sie in der Gefahr, das Blut Jesu gering zu achten und den Geist der Gnade zu schmähen (Heb. 10:29); hat doch Jesus mit seinem Opfer alles erfüllt, und wir dürfen im Glauben annehmen, was Gott der Vater uns in ihm geschenkt hat.

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#29 von Jurek , 04.10.2009 15:35

Jesu Opfer - Wie betrachten?

Wenn man mit einem Zeugen Jehovas die Rettung aus Gnade durch den Glauben an das Opfer Jesu besprechen will, wirkt er häufig wie betroffen, und es kommt unweigerlich der Einwand: Glaube ohne Werke ist tot! Grundsätzlich ist gegen dieses Wort aus Jakobus 2:26 nichts einzuwenden Jakobus befindet sich mit diesem Gedanken und mit seinen Erläuterungen (2:14-26) durchaus im Einklang mit den Worten Jesu und den Aussagen der Apostel.

Auch ein Paulus schreibt, dass gläubige Christen Gott Frucht bringen (Römer 7:4); er spricht von der Frucht des Geistes (Galater 5:22), erwähnt die Frucht der Güte (Epheser 5:9) und betont, dass Christen zu guten Werken geschaffen sind (Epheser 2:10; Galater 5:6; 6:10), in denen wir wandeln sollen. Jesus selbst sagte ja, dass man seine Nachfolger an ihren Früchten erkennen würde (Matthäus 7:16+20). Und in einem Gleichnis spricht er von seinen Nachfolgern als von Reben, die nur in Verbindung mit ihm viel Frucht bringen würden (Johannes 15:5).. Das Wort des Jakobus steht also keineswegs isoliert da oder etwa gar gegen die anderen Aussagen der Schrift.

Auch bei Jakobus – wie bei Jesus und den Aposteln – kommt zuerst der Glaube, der dann Früchte bringt. Der Glaube kommt zuerst, dann die Werke, welche diesen Glauben offenkundig machen, ihn kundtun und bestätigen. Diese Werke stehen nicht neben dem Glauben, sondern sind eine Folge des Glaubens, insoweit sogar Bestandteil des Glaubens Auch für Jakobus ist der Glaube das Entscheidende; um ihn geht es ihm! Aber es geht ihm um einen lebendigen, fruchtbaren Glauben! Dieser Glaube soll sich im Alltag des Lebens bewähren. Ein Glaube, der nicht zum aktiven Gehorsam gegen Gott führt, ist nach Jakobus tot, so wie gemäß Johannes 15: 6 eine Rebe, die nicht im Weinstock Christus bleibt, eine fruchtlose, verdorrte, ja tote Rebe ist. Doch eine Rebe, die im Weinstock bleibt, wird Frucht bringen nach ihren Möglichkeiten, ganz ohne Druck oder Zwang, genau so, wie ein volles Herz nicht zum Überlaufen, zum Reden gezwungen werden muss (Lukas 6:45).

Ich habe an anderer Stelle einmal das Beispiel eines Barometers angeführt: es wird nicht schönes Wetter, weil das Barometer steigt, sondern das Barometer steigt, weil das Wetter schön wird. Das Wetter ist das Erste, das steigende Barometer das Zweite. So machen nicht die Werke den Glauben, und gute Werke machen noch lange keinen guten Glauben, aber aus dem Glauben kommen gute Werke, wenn er lebendig ist und nicht nur aus Lippenbekenntnissen besteht.

Rettung aus Gnade allein durch Glauben

So stimmen also Paulus und Jakobus mit Jesus in der Beurteilung der Notwendigkeit von Werken durchaus überein. Aber diese Werke sind Früchte des Glaubens, Früchte aus Dankbarkeit und Liebe von Christen, die in Christus gerettet sind, nicht menschliche, mühsam erbrachte Leistungen, um gerettet zu werden…

Man möchte sich fragen: haben diese Zeugen nie gelesen, dass sogar die besten unserer Werke, ja alle unsere gerechten Taten vor Gott sind wie unrein, wie ein unflätiges Kleid (Jesaja 64:5)? Haben sie nicht das Ergebnis der Prüfung des Paulus gelesen, der zu dem Schluss kam, dass alle, ohne Ausnahme, nicht die Herrlichkeit Gottes erreichen, weil sie alle unter der Sünde verurteilt sind (Römer 2:9; 3:23). Und haben sie vor allem nicht gelesen, dass Paulus von der Rechtfertigung aus Glauben spricht, einer Erlösung aus Gnade ohne Verdienst (Römer 3:24)? Und zwar spricht er von einer Erlösung durch Christum Jesum, durch sein Opfer; Gott spricht d e n gerecht, der an Jesus und sein Opfer glaubt (Römer 3:26); das ist die einzige und alleinige Gerechtigkeit, die vor ihm gilt.

Niemand muss sich die Rechtfertigung, die Rettung ‚erarbeiten‘. Jesus sagte wiederholt, dass, wer an den Sohn glaube, ewiges Leben habe (Johannes 3:36), ein Kind Gottes werde (Johannes 1:12), leben werde (Johannes 11:25). Er sprach von sich als von dem Brot des Lebens, von dem Licht der Welt, vom lebendigen Wasser. Er selbst wie auch die ganze Schrift machen deutlich, dass das Opfer Jesu ein vollkommenes, vollständiges, völlig ausreichendes Opfer für alle ist, das nicht durch irgendwelche Leistungen oder Teilleistungen ergänzt werden muss (1.Johannes 2:1-2). In dieser Frage war auch Paulus unerbittlich; als in einigen Christenversammlungen der Gedanke aufkam, zur Rettung sei nicht nur das Opfer Jesu erforderlich, sondern auch noch die Beschneidung – möglicherweise noch anderes -, zeigte er, dass eine solche Lehre nicht mehr das Evangelium Jesu Christi sei (Galater 1:6-9; 5:2-4). Wer auch immer glaubt, durch Werke das Opfer Jesu ergänzen zu müssen, mindert dieses Opfer, schränkt es ein, wertet es ab. Die Rettung durch das Opfer Jesu kommt allein aus Gnade, nicht durch Werke (Römer 11:6; Galater 5:4; Epheser 2:5+8-9; Titus 3:5). Selbst wenn wir unsere christlichen Glaubsenswerke (nicht Werke zur Rettung) auf der Grundlage Jesu (1.Korinther 3:11) gleichsam mit mangelhaftem Material wie Holz, Heu oder Stroh bauen, die dann in einer feurigen Prüfung keinen Bestand haben, ist doch für den Glaubenden selbst durch das Opfer Jesu die Rechtfertigung und damit die Rettung aus Glauben gegeben, die auf Jesus gründet (1.Korinther 3:15).

Es fällt manchen Zeugen und manchen anderen Christen schwer, die Rettung durch das Opfer Jesu als reines Geschenk Gottes anzunehmen; viele möchten doch gern etwas dazu beitragen, vielleicht um sich ein wenig besser zu fühlen als jene, die Christus ablehnen oder die nichts tun. Doch sollte uns das Beispiel der Hebräer warnen; sie wollten wieder zur Werkgerechtigkeit zurück; obwohl sie Jesus nicht mit Worten ablehnten, wurde ihnen in Hebräer 10:26+29 gezeigt, dass sie damit das Opfer Jesu verwerfen würden, und ein anderes Schlachtopfer würde ihnen nicht übrig bleiben; es gibt kein anderes!

Wie sollten wir das Opfer Jesu ansehen?

Doch wie sollten wir das Opfer, das Gott in Christus für die Rechtfertigung und damit für die Rettung der Menschen gebracht hat, ansehen, und in Verbindung damit auch Gottes Zorn für jene, die dieses Opfer ablehnen, ja vielleicht sogar verächtlich machen (Johannes 3:36)? Für viele Zeugen und ebenso für viele Christen anderer Gemeinschaften ist das Opfer Jesu eine so vertraute Lehre, dass sie oft nur noch wenig über Größe, Grund, Zweck, Ursprung und Ziel dieses Opfers nachdenken. Das Wissen darum gehört gleichsam zu ihrem ‚christlichen Alltag‘, ebenso wie die Lehre von Reue und Buße (Umkehr), von Gebet und Vergebung. Ein christlicher Autor schrieb einmal: ‚Wir sollten unsere Reue bereuen und für unsere Gebete beten!‘. Ein kurioser Satz? Was will der Autor sagen?

Er will damit zum Ausdruck bringen, dass wir zwar das Erfordernis der Reue anerkennen, auch selbst bereuen in dem Bewusstsein, Sünder zu sein. Aber unsere Reue ist oft routineartig, gewohnheitsmäßig oder oberflächlich. Sie geht nicht richtig in die Tiefe. Wenn wir die Sünde so ansehen könnten und würden, wie Gott sie sieht, dann würden wir vor ihr erschrecken, und wohl auch vor der ‚Dünnhäutigkeit‘ unserer Reue. Darum meint er, wir sollten eigentlich unsere so schwächliche, ungenügende Reue vor Gott bereuen. Und unsere Gebete? Schon Paulus zeigt, wie wenig angemessen unsere Gebete dem Heiligen Gott gegenüber sind; wir bedürfen der Fürsprache Jesu und des Beistands des Heiligen Geistes, um unsere Gebete vor Gott annehmbar zu machen (Römer 8:26-27). Darum meint der erwähnte Autor, dass wir zu Gott beten sollten unserer Gebete wegen, dass er sie in ihrer Mangelhaftigkeit doch in Gnaden annehmen möge. Hat der Mann nicht recht?

Zu Kindern pflegte man vom ‚lieben Gott‘ zu sprechen; das ist verständlich. Aber mit dem Heranwachsen sollten wir als Christen lernen, dass Gott kein ‚lieber Gott‘ ist, sondern dass er ‚Liebe ist‘. Er ist kein ‚liebes Alterchen‘, dem man im Vorübergehen ein nettes Wort zuwirft. Nein! Er ist ein Heiliger Gott! Haben wir noch so recht einen Begriff davon, was dieses Wort bedeutet? Es zeigt sich für uns in dem, was er in seiner Liebe zu seinen Geschöpfen tat, um sie von der Verurteilung durch die Sünde zum Tod zu befreien, den der Lohn, den die Sünde zahlt, ist nun einmal unwiderruflich der Tod (Römer 6:23)! Er sandte seinen Sohn, damit er die Last der Schuld und der Sünden von Menschen wegnähme auf sich selbst und damit auch die eindeutig festgesetzte Strafe für diese Menschen, nämlich den Tod, auf sich nähme.

Manchmal wurde hier schon die Frage gestellt: ‚Gott ist doch Liebe und er ist allmächtig; warum vergibt er nicht einfach den Menschen, die bereuen und ihm dienen wollen?‘. In dieser Frage wird deutlich, dass der jeweilige Fragesteller sich keine Gedanken gemacht hat über Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit. Gottes Stellung zur Sünde ist nach der Schrift eindeutig! Er hat nichts mit ihr gemein, wird sie nicht dulden, aber auch nicht übersehen. Es gibt keinen Teppich, unter den Gott die Sünden bereuender Menschen einfach kehren würde. Sünde einfach übersehen, einfach vergeben, ist mit Gottes Wesen und seiner Gerechtigkeit unvereinbar. Aber er wusste auch, dass kein Mensch, so wie dies Paulus gegenüber den Römern deutlich ausführte, als Gerechter vor ihn treten könnte. Dennoch sagte schon der Prophet Habakuk: ‚Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben‘ (Habakuk 2:4; Römer 1:17). Durch seinen Glauben, gewiss; aber ‚der Gerechte‘? Wie sollte ein Mensch gerecht sein vor Gott? Unmöglich! Nicht durch eigene Leistung!

Doch Gott sandte in seiner Liebe seinen Sohn, und dieser war in seiner Liebe völlig mit der Sendung und dem Auftrag, Sünder zu retten, einverstanden. Er wusste, dass damit ein schrecklicher Tod verbunden wäre, der Lohn der Sünde. Aber er nahm all dies auf sich, trug alles an sein Marterholz hinauf. Er trug nicht nur die Sünden der Menschen, etwa wie eine Last, die man wieder ablegen kann, wenn sie einem zuviel wird; gemäß 2.Korinther 5:21 wurde er für uns zur Sünde gemacht! Er wurde zur personifizierten Sünde, so dass wir nun in seiner Gerechtigkeit vor Gott stehen dürfen, ja dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm! Das ist für unseren Verstand kaum fassbar, die Tiefe der Liebe Gottes und Jesu, die Größe und Kostbarkeit des Opfers, das hier gebracht wurde. Jesus, der nie von Gott getrennt war, er wurde zur Sünde, und Gott, der Heilige Gott, wandte sich auf Golgatha von der Sünde ab; darum rief Jesus: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Das war kein Ausdruck des Bedauerns oder gar der Reue, sondern ein Ausdruck des Schmerzes über einen Zustand, den er nie erlebt hatte, der für ihn das höchste Leid bedeutete, auch wenn er wusste, dass er von seinem Vater am dritten Tag wieder gerechtfertigt auferweckt würde.

Gottes Haltung zur Sünde blieb und bleibt unverändert; aber durch das im Glauben angenommene Opfer Jesu dürfen wir Gott nun Vater nennen, ist und wird uns vergeben. Wer wollte diesem Opfer noch irgend eine Leistung beifügen? Jede Beifügung wäre eine Herabsetzung. Das ist keine billige Gnade! Gott gab dafür das Höchste und Teuerste, was er geben konnte, und er gab es aus Liebe. Und durch ihn, durch Jesus, haben wir Vergebung. Und auch diese Vergebung ist keine billige Vergebung! Sie wurde teuer bezahlt. Heinrich Heine soll einmal gesagt haben: ‚Gott vergibt gern; das ist sein métier‘ (heute würde man sagen: das ist sein job). Der erste Teil stimmt: Gott vergibt gern, ist gern barmherzig. Aber es ist nicht sein job, es ist seine Liebe zu Menschen, die ihn und auch Jesus angetrieben haben, und Paulus sagt zu recht, dass wir nun auch für den leben sollten, der für uns gestorben ist (2.Korinther 5:15).

Manche Menschen, die mit der Botschaft des Evangeliums in Berührung kommen, verschieben eine nähere Betrachtung der Gabe Gottes, seines Geschenkes in Christus, andere hoffen für Menschen auf eine ‚zweite Chance‘ nach der Auferstehung. Doch sollten wir die Gabe Gottes nicht gering achten, und wenn uns seine Gabe angeboten wird, sollten wir sie nicht 'auf die lange Bank' schieben. In Hebräer 3:7+13 wird von ‚Heute‘ gesprochen und gesagt, man möge sich einander ermuntern, so lange es heute heißt, und in 4:16 werden wir aufgefordert, uns ‚ zum Thron der Gnade‘ zur rechtzeitigen Hilfe zu wenden. Wenn wir auch nur eine gewisse Einschätzung von der Größe des Opfers und von der überströmenden Liebe empfinden, werden wir das sicher auch tun.

Der Zorn Gottes

Gott tat etwas unermesslich Großes, um die Menschen von ihrer Schuld, von Sünde und Verurteilung im Einklang mit seiner Heiligkeit zu befreien. Doch haben sie die Freiheit, dieses Angebot Gottes anzunehmen, zu ignorieren oder auch einfach abzulehnen. Das ist jedermanns eigene Entscheidung. Doch sagt die Schrift ganz klar: auf solchen bleibt der Zorn Gottes (Johannes 3:36). Es gibt hier keine Vereinbarung nach dem Motto: ‚kümmere du dich um dich, ich kümmere mich um mich, und jeder lässt den anderen in Ruhe‘. Das Wort in Philipper 2:10-11 bleibt gültig, dass sich in Jesu Namen jedes Knie beugen muss und dass jede Zunge ihn als Herrn bekennen muss, freiwillig und mit Freuden oder aber auch unfreiwillig. Der Zorn Gottes bleibt auf denen, die sein Gnadengeschenk zurückweisen. Gottes Zorn ist nicht dem des Menschen vergleichbar; es ist ein Zorn, der Gerechtigkeit wirkt, und der gerade deshalb nicht gering geschätzt werden darf. Sein Zorn führt ins Gericht. So wie seine Liebe in Christus die ganzen griechischen Schriften durchzieht, so auch sein Zorn gegenüber der Sünde und den Gottlosen, die seine Liebe zurückweisen.

Manche Menschen scheinen Gottes Zorn auf die leichte Schulter zu nehmen, ihn sozusagen mit einem Achselzucken abzutun, etwa wie eine ‚quantité négligeable‘, eine zu vernachlässigende Größe. Aber davor sollte man sich hüten (Hebräer 10:31).

Da uns aber – trotz der vielen historischen Beispiele – Gottes Zorn häufig ein sehr abstrakter Begriff zu bleiben scheint, können wir uns seine Größe und Entschiedenheit vielleicht am Beispiel der Person Jesu verdeutlichen, der ja Gottes Zorn erlitt, um jene, die ihm vertrauen, davon zu befreien. Jesu Leben war gleichsam ein Prisma, das uns Gottes Zorngericht in seiner Person und seinem Leiden vor Augen stellte. Sein Tod und die Art seines Todes auf Golgatha waren Ausdruck des Zornes Gottes; dies hilft uns erkennen, was Gottes Zorn ist, wie ernst er genommen werden sollte! Das mag für viele unverständlich sein; sie mögen in der Hingabe des Sohnes als Opfer einen unvorstellbaren Akt sehen; die Bibel selbst nennt es ein Geheimnis (1.Timotheus 3:16). Man findet hier keine Erklärung mit menschlichen Maßstäben, in der Philosophie, in Rechtsprechung oder Ähnlichem, sondern nur in Gott und in seiner Liebe und Gnade gegenüber den sündigen Menschen, aber man kann darin auch erkennen, wie unmöglich es ist, ohne Lösegeld und Opfer vor Gott gerecht zu werden. Ferner offenbart Gott im Leiden Jesu seine Einstellung zur und sein Gericht über die Sünde. Jesus erlitt den Tod ‚für Sünde‘, für die Sünde vieler (Jesaja 53:11; 1.Johannes 2:2)! Jesus wusste, dass sein Tod gleichsam ein herausragendes Gericht Gottes sein würde, und obwohl er direkt und ohne Ausweichen auf diesen Tod zuging, ließ ihn die Art des Todes doch Kämpfe durchstehen (Markus 14:32-34; Lukas 22:44). Doch er starb diesen Gerichtstod für uns, die wir an ihn glauben; er ist unser Passa (1.Korinther 5:7), das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt (Johannes 1:29; 1.Petrus 3:18). Durch Jesus werden unsere Sünden nicht ‚unter den Teppich gekehrt‘, sondern gesühnt und hinweggenommen, so weit wie der Osten vom Westen entfernt ist (Psalm 103:12). Durch ihn haben wir Gerechtsprechung und Vergebung; das griechische Wort für ‚vergeben‘, das in den Evangelien immer wieder im Zusammenhang mit Jesus gebraucht wird, hat zwei Wörter als sprachliche Wurzel, die den Sinn haben: ‚hinwegnehmen‘.

Golgatha, der ‚stauros‘ – wiedergegeben zumeist mit Kreuz, auch mit Pfahl oder ähnlich -, das ist die äußerste Strafe für Sünde, die größte Offenbarung des Zornes Gottes gegen Gottlosigkeit und Bosheit des Menschen. Dieser Zorn ist kein ‚automatischer‘ Zorn noch vergleichbar menschlicher Rachsucht. Wir können ihn nur zu verstehen beginnen, wenn wir sehen, dass Gott seinen geliebten Sohn gab, um uns von seinem Zorn gegenüber Sünde und Schlechtigkeit zu befreien. Jesus starb für uns, und Gott wurde gerechtfertigt und wurde gleichzeitig unser Rechtfertiger (Römer 3:26). Hier geschah etwas, vor dem der Mensch nur stehen kann mit leeren Händen, aber er kann in diesen leeren Händen im Glauben die erstaunliche und doch völlig mit Gottes Gerechtigkeit im Einklang stehende Gnade empfangen, die er so dringend braucht. Man kann sagen, dass Jesus Gottes Zorn von uns abwandte; aber er tat mehr als das: er nahm ihn vielmehr völlig auf sich selbst, nahm ihn bis zur Neige, so dass für die, welche er rettet, auch nicht die geringste Spur dieses Zornes übrig bleibt. Was also sollten, könnten oder müssten sie denn dazu selbst noch tun, durch eigene Leistungen (?) oder Werke, um gerettet zu werden?

Hier können wir erkennen, was göttliche Liebe ist (1.Johannes 3:16; Römer 5:8)! Wir sollten uns vor dieser erstaunlichen Gnade neigen, indem wir uns vor Gott dem Vater wie auch vor dem von ihm gesandten Retter beugen (Philipper 2:10).

Vielleicht mögen uns diese Ausführungen helfen, den Zorn Gottes ernst zu nehmen, der von Gottes Seite selbst so ernst genommen wurde, dass er seinen eigenen Sohn gab, um Gläubige vor dem kommenden Zorn zu retten (1.Thessalonicher 1:10). Doch bleibt jedem Menschen die Freiheit, seine Entscheidung selbst zu treffen. Doch:

.... wenn der Gerechte nur mit Mühe (die Sendung und Hingabe des Sohnes als Loskaufsopfer) gerettet wird, wo wird dann der Gottlose und Sünder bleiben? (Übersetzung von Bruns). Möge Gottes Gnade für uns nicht vergeblich angeboten sein!

E.F.

 
Jurek
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Artikel von E.F.

#30 von Jurek , 04.10.2009 15:35

Zöllner und Pharisäer

Das Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer aus Lukas 18:9-14, das Jesus an einige Personen richtete, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, ist so gut bekannt, dass ich es hier nicht in seiner ganzen Länge niederschreiben will. Vielleicht mag man auch denken, dass es doch nichts weiter dazu zu sagen gäbe, weil ja ganz deutlich gemacht wird, dass Jesus die Selbstgerechtigkeit rügt und ablehnt, dagegen Umkehr und Reue hervorhebt und ihr den richtigen Stellenwert gibt. Das trifft sicher zu; dennoch einige kurze Gedanken dazu.

Der im Gleichnis erwähnte Pharisäer war unbestritten ein frommer Mann; er war ein religiöser Leistungserbringer; was er von sich sagte, war nicht gelogen oder auch nur übertrieben. Er brachte viele Opfer, sei es im Tun oder auch im Verzicht. Er war gleichsam religiöser Vollzeitaktivist im jüdischen System. Er war wirklich ein gesellschaftliches Vorbild. Man hätte allen Grund gehabt, seine Lebensführung zu loben, selbst wenn man den Mangel bemerkte, dass er vor lauter Leistung sein Versagen gar nicht mehr bemerkte. Dennoch: ein menschliches, nach jüdischen Gesichtspunkten bestimmt nachahmenswertes Beispiel. Warum wies Jesus ihn ab?

Der Zöllner dagegen war – bei aller Großmütigkeit des Urteils – einfach ein Betrüger, ein Gauner. Er bereute, das ist richtig; aber dennoch blieben die Fakten. Er hat andere geschädigt, jetzt tat es ihm leid. Genügt das schon, um jemanden zu rechtfertigen? Wie oft hört man in bestimmten Gerichtssendungen als letztes Wort der Angeklagten: ‚es tut mir leid‘; genügt das schon? Warum hat Jesus ihm Rechtfertigung zugesprochen?

Gehen wir ein wenig tiefer in diese Szene. Versuchen wir, zu sehen, was Jesus sah! Auf wen hat der Pharisäer geschaut? - N u r - a u f - s i c h - s e l b s t ! . Er sah seine unbestrittenen Tugenden, erzählt Gott von seinen tatsächlich vorhandenen Leistungen. Er meint, Gott zu loben, lobt aber sich selbst, ja er erhebt sich sogar noch durch einen negativen Seitenblick auf den so viel schlechteren Zöllner. Eigentlich schaut er nicht auf Gott, sondern in einen Spiegel, auf sich selbst. Im Grunde braucht er Gott nicht; er hat keine echte Beziehung zu ihm, sondern lediglich eine religiös-formale. Aber eigentlich – bei seinen Qualitäten – könnte er auf Gott verzichten. Er macht ja alles selber recht und richtig. Gott ist im Grunde überflüssig. Und dazu kommt noch, dass diese Selbstgerechtigkeit ihn letztlich unbarmherzig macht – ein Merkmal der Pharisäer (Johannes 7:49).

Auf wen schaute jedoch der Zöllner? - E r - s c h a u t e - a u f - G o t t ! Wieso kann man das sagen? Er sprach doch auch von sich? Wenn er aber nur auf sich gesehen hätte, wie hätte er dann wohl gesprochen? Wie unsere Fernsehangeklagten: ich bin zwar so, wie ich bin, kein wertvolles Glied der Gesellschaft; aber ich bin nicht Schuld! Mein Elternhaus, schlechte Freunde, die Verhältnisse, in die du, Gott, mich ja hast hineingeraten lassen, die Ungerechtigkeiten der anderen, alles das hat mich zu dem gemacht, was ich bin; was hätte ich denn tun sollen? Und schließlich gibt es andere, die noch schlechter sind als ich.‘. Bei einer solchen Rede hätte der Zöllner nur auf sich geschaut. Doch er schaute auf Gott, und er sah sich, wie Gott ihn sah. Er blickte nicht auf andere, auf die Umstände usw. Er sah nur, wie sehr er Gott brauchte, dass er nichts selbst bewirken oder herbeiführen konnte, was ihn rechtfertigen würde; er weiß, dass er Barmherzigkeit braucht, und diese Barmherzigkeit von Gott macht ihn selbst zur Barmherzigkeit gegen andere fähig. Er sucht die Beziehung zu Gott, lässt sich von ihm beschenken durch Güte und Vergebung, aber das, was er täglich empfängt, wird er dann auch weitergeben. Er braucht Gott, das erkennt er, und Gottes Gnade macht auch dann zum Guten fähig, macht ihn in gewisser Weise gut. ihn

Jesus lehnt den ab, der Gott auf die Seite stellt, der Gott im Grunde für überflüssig erklärt, doch er rechtfertigt den, der im Glauben völlig Gott sucht und vertraut.

E.F.

 
Jurek
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